Baustelle

24. November 2014 2 Kommentare

Leben 1156 – Montag, 24.11.14

Baustelle

 

Manchmal geht man durch das Leben. Alles ist okay. Irgendwie okay. Vertraut. Und dann fängst Du an zu stutzen, weil etwas anders ist.

In der Fahrschule habe ich gelernt, dass die blauen Verkehrsschilder Gebots-Schilder sind. (Oder Autobahn, aber das zählt hier jetzt nicht.)

Mein beliebtestes Gebotsschild ist das mit der Mindestgeschwindigkeit. Blau und mindestens 110. (Nein, bitte nicht 1 1 0. Und natürlich auch nicht „blau“.)

An so einem Gebotsschild bin ich heute auch vorbei gelaufen. Aber es „gebot“ dem fahrenden Verkehr, nicht zu gebieten, sondern das Gegenteil davon. Warten. Wie gesagt, ich musste noch einmal zurück laufen, weil mein Unterbewusstsein „Halt!“ gerufen hatte.

Das hat mir dann diesen wunderschönen Schnappschuss ermöglicht. Mitten im ach so korrekten Deutschland.

Schild1

Am Ende der Baustelle hat mich die dortige Beschilderung auf eine Idee gebracht. Für noch ein neues Verkehrsschild…

Schild2

Leben kann so einfach sein…

 

© Ulf Runge, 2014

 

Der Buchtipp

16. November 2014 5 Kommentare

Leben 1155 – Sonntag, 16.11.14

Der Buchtipp

 

Ich stehe am Büchertisch, betrachte die vielen ausliegenden Bücher der Vortragenden des heutigen Abends. Es kommen aber auch Werke anderer Schriftsteller zum Verkauf. Mein Blick fällt auf ein dünnes Taschenbuch, das in die Hand zu nehmen ich mich gerade überlege.

„Das ist ein wunderbares Buch!“ spricht mich die Dame neben mir an. „Ich habe dieses Buch seit Jahren bei mir. Schaue immer wieder rein. Es hat mein Leben ganz intensiv beeinflusst.“

Während sie das sagt, leuchten ihre Augen vor Freude. Ich greife nach dem Buch, blättere ein bisschen hin und her, lese im Inhaltsverzeichnis u.a. „Achtsamkeit“.

Um mich für diesen Buchtipp sozusagen zu bedanken, antworte ich auch mit einem Buchtipp: „Ich kann Ihnen Thich Nath Hanh ans Herz legen!“

Da mischt sich die Buchhändlerin ein, die hinter dem Büchertisch unser Gespräch verfolgt. „Das mit der Achtsamkeit!?“ sagt und fragt sie. Ich nicke. „Ja, das ist ganz, ganz toll.“

„Von dem Buch hier“, sie zeigt auf meine buchhaltenden Hände, „haben Sie nur dieses eine da?“ Die Buchhändlerin nickt mit dem Ausdruck des Bedauerns, um dann fortzufahren: „Das war ja vergriffen. Ist ja über 20 Jahre alt. Aber vor zwei Jahren wurde es neu herausgeben.“

Ich blättere immer noch in diesem Taschenbuch herum, das mir soeben empfohlen wurde. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es kaufen soll, als ich die Dame neben mir etwas unentspannt wahrnehme. –Der Groschen, der dann in mir fällt, hat die Größe eines Fünfmarkstücks. Hat sie mir doch soeben etwas ans Herz gelegt, was sie eigentlich selber kaufen möchte und augenscheinlich nur ein einziges Mal hier im Angebot ist.

Erleichtert schaut sie mich an, als ich ihr das Buch mit den Worten „Sie wollen das kaufen, oder?“ in die Hand drücke.

P.S.:

Ich notiere mir noch den Titel: „Theo Fischer – Wu Wie“. Dieser Buchkauf muss nicht heute sein.

P.P.S:

Da fällt mir auch der Titel „meines“ Thich Nath Han ein: „Ich pflanze ein Lächeln.“ Was für ein Kleinod.

P.P.P.S:

Es war wieder einmal ein ganz besonderer Abend in der u.a. von Justus Keller organisierten Veranstaltungsreihe „Lebenskunst Bensheim“. Die Vortragende, „Anna Trökes“, seit 40 Jahren in Sachen Yoga unterwegs, berichtet über ihre Erkenntnisse, Ihr Wissen über Yoga zu verheiraten mit aktuellen Erkenntnissen aus der Hirnforschung. Das Ergebnis ist ihr aktuelles Buch „Neuro-Yoga“.

Über Yoga kompetent zu schreiben, bin ich nicht der Richtige.

Von diesem Abend nehme ich für mich mit, dass es bereichernd sein kann, die durch Prägung oder Erfahrung erworbenen Verhaltens-Automatismen begleiten zu lassen durch die Frage: „Welche Alternativen habe ich, jetzt (anders) zu reagieren (als sonst)?“

Statt Wut, Misstrauen und „Ja, aber“ vielleicht einfach nur betrachten, ohne zu werten.

Statt sich einen Kopf zu machen, einfach nur zulassen…

Danke.

Namasté.

© Ulf Runge, 2014

November-Splitter Nummer 5 – Dunkel

15. November 2014 1 Kommentar

Wenn der November dem vermeintlich nicht statt gefunden habenden Sommer Konkurrenz macht, dann darf „mein“ Weinbergmann hier in den Novembersplittern nicht fehlen…

 

Leben 1154 – Samstag, 15.11.14

November-Splitter Nummer 5 – Dunkel

Wir hatten wieder wunderbare Momente, mein Weinbergmann und ich. Ein wertschätzendes Gespräch. Verabschiedeten uns. Als er mir noch folgendes mit auf den Weg gab:

Er habe sich heute früh vor den Spiegel gestellt. Und dann die Augen geschlossen.

„Ich wollte nämlich wissen, wie ich im Schlaf aussehe! So eine Pleite! Alles dunkel!“

© Ulf Runge, 2014

Novembersplitter Nummer 4 – Erste Hilfe

6. November 2014 4 Kommentare

Leben 1153 – Mittwoch, 05.11.14

Novembersplitter Nummer 4 – Erste Hilfe

Annäherung 1

Zwucker lag regungslos am Boden, total kaputt und leer. Kein Tropfen seines roten Saftes durchströmte ihn länger. Das war’s dann wohl.

Womit wohl niemand gerechnet hatte, war Dr. Gribit. Sie war gerade auf dem Weg zur Visite, als sie Zwucker am Boden liegen sah. „Der braucht ‚Erste Hilfe‘“, durchschoss es sie.

Ohne viel zu fragen, entschied sie sich für eine Direktspende. Jetzt, hier, gleich und sofort. Gab ihm von ihrem Lebenssaft.

Zwucker erholte sich in Null-Komma-Nix. Eben noch am Ende, kamen seine Lebensgeister rasend schnell wieder.

Vor lauter Dankbarkeit und Freude stimmten Dr. Gribit und Zwucker in das Lied ein, das aus dem Radio im Aufenthaltsraum den Weg in ihre Ohren fand und sangen „Let’s waste time“.

Intermezzo

Ich danke Dir, dass Du diese Begebenheit bis hierhin gelesen hast.

Deine Fantasie wird Dir Bilder im Kopf gezaubert haben, für all das, was ich nicht beschrieben habe…

Lässt Du zu, dass es da auch andere Bilder geben könnte, als die, die Du gerade eben gesehen hast?

Dann lass mich die Geschichte noch einmal erzählen:

Annäherung 2

Zwucker lag regungslos am Boden, total kaputt und leer. Kein Tropfen seines roten Saftes durchströmte ihn länger. Das war’s dann wohl.

Weiterlesen…

Novembersplitter Nummer 3 – Der Brief

4. November 2014 2 Kommentare

Leben 1152 – Montag, 03.11.14

Novembersplitter Nummer 3 – Der Brief

Jedes Jahr schreibt mich meine Krankenversicherung an. Bietet mir eine Zusatzversicherung an. Für die Zähne.

Jetzt kam wieder so ein Brief.

Ich wollte ihn schon ungeöffnet entsorgen.

Vermutlich wäre das klug gewesen.

Aber dann wären diese Zeilen nicht entstanden.

Ja, auch diesmal bieten sie mir eine Zusatzversicherung an.

„Sehr geehrter Herr Runge, es gibt Dinge die sollte man rechtzeitig und in Ruhe entscheiden. Zu diesen besonderen Angelegenheiten zählt auch das eigene Ableben… „

P.S.: Die für die Zahnarztkostenzusatzversicherung habe ich bis heute nicht gebraucht. Ob das auch ein gutes Zeichen fürs Sterbegeld ist?

© Ulf Runge, 2014

Novembersplitter Nummer 2 – Asche auf Reisen

2. November 2014 4 Kommentare

Leben 1151 – Sonntag, 02.11.14 – Allerseelen

Novembersplitter Nummer 2 – Asche auf Reisen

Das Telefon an meinem neuen Arbeitsplatz war noch nicht freigeschaltet, als mein Chef das Büro betrat. Er zögerte einen Augenblick, dann sprach er mich an und sagte leise, Augenkontakt mit mir haltend, man habe angerufen, mein Vater sei soeben gestorben.

Die folgenden Stunden und Tage waren für mich, als befände ich mich in einem gläsernen Tunnel, der immer weiter nach vorne führt. Dieser Tunnel, er heißt Zeit, und es gibt da kein rückwärts. Kein Entrinnen. Kein Pausieren.

Seine Alterspension zu genießen, war meinem Vater nicht so wirklich gegönnt. Er starb überraschend früh. Womöglich hatte er einen friedlichen Tod. Vermutlich schlief er einfach so ein. Alleine.

Es war für mich tiefgehend, meinen eigenen Vater aufgebahrt liegen zu sehen. In seine toten Augen zu blicken. Kein Herzschlag mehr bewegt den Brustkorb, um Luft einzuatmen. Ihm waren die Barthaare weitergewachsen. Ihm, der immer gut rasiert durch die Gegend lief.

Er wurde verbrannt. Hatte ich bis dahin dem einen oder anderen Toten ins Erdengrab hinterher geschaut, so war es für mich befremdlich zu wissen, dass da nun etwas Ungeheures mit dem Sarg passieren würde. Wenige Tage später wird dann eine Urne bestattet werden, in der angeblich die Asche von meinem Vater sein soll.

Bald darauf zog meine Mutter um, in die Nähe meines Bruders. Es wurde ihr gestattet, die Urne mitzunehmen an den wunderschönen Friedhof in ihrer neuen Gemeinde.

Obwohl von Krankheit gezeichnet, verbrachte meine Mutter noch erfüllte Jahre in ihrer neuen Heimat.

Vor einigen Jahren haben wir auch von ihr Abschied genommen. Sie fand ihre letzte Ruhe ebenfalls in einer Urne, auf dem gleichen Friedhof, auf dem auch die Urne meines Vaters war. Ihre Urne allerdings fand ihren Platz in einer schön anzusehenden Stelen-Anlage. Auf der Stelen-Platte ihr Name, Geburtstag, Todestag.

Mein Bruder und ich hatten den Wunsch, meinen Vater von seinem Urnen-Erdengrab in ebendiese Stelenkammer unserer Mutter zu überführen. Luftlinie 100 Meter.

Was die Friedhofsverwaltung kategorisch ablehnte. Man würde keinen Urnentourismus unterstützen.

Wir haben das nicht verstanden.

Wir haben das dann erst recht nicht verstanden, als wir an anderen Stelenkammern Sterbedaten entdeckten, aus denen hervorging, dass ganz offensichtlich dieser vermeintliche Urnentourismus hier sehr wohl schon mehrfach statt gefunden haben musste. Trotzdem bedurfte es noch der Intervention durch einen Rechtsanwalt, bis die Friedhofsverwaltung sich mit uns darauf einigte, die Urne unseres Vaters zu unserer Mutter zu überführen. Mit der merkwürdigen Auflage, dass unser Vater 25 Jahre tot sein müsse, bevor wir seinen Namen ebenfalls auf die Stelen-Platte eingravieren lassen.

Auch diese Auflage haben wir nicht verstanden. Bei der Friedhofsverwaltung hatte wohl niemand wahrgenommen, dass unser Vater seinerzeit schon über 20 Jahre tot war.

Die 25 Jahre sind mittlerweile vorbei. Es ist an der Zeit, die Beschriftung zu ergänzen.

Letztendlich war es meinem Bruder und mir doch vergönnt, die sterblichen Überreste unserer Eltern zusammenzubringen. Urne zu Urne, Asche zu Asche.

© Ulf Runge, 2014

P.S.: Der ursprünglich angedachte Titel Novemberpakete erscheint mir nicht angemessen. Ich finde „Splitter“ besser.

Novemberpaket Nummer 1 – Transformation. Die Vernissage

1. November 2014 2 Kommentare

Leben 1150 – Samstag, 01.11.14 – Allerheiligen

Novemberpaket Nummer 1 – Transformation. Die Vernissage

Karneval. Viele Menschen verstehen nicht, warum in manchen Regionen die Menschen sozusagen „auf Befehl“ (des Kalenders) von jetzt auf nachher jeck sein können.

November. Als Kind habe ich es gehasst, dass die Tage kürzer werden, Nebel und Regen das Wetter bestimmen, am meisten aber diese Traurigkeit „auf Befehl“ (des Kalenders).

Allerheiligen. Allerseelen. Totensonntag. Volkstrauertag. Discos zu. Kinos geschlossen. Und bitteschön immer traurig gucken.

Traurig sein auf Befehl geht bei mir immer noch nicht. Aber natürlich haben Erfahrungen des schmerzlichen Verlustes lieber Menschen Narben in meiner Seele hinterlassen.

Heute und in einigen der kommenden Berichte werde ich etwas novembrig schreiben.

Heute fand in der Weingalerie Spundloch von Brigitte Zimmermann-Petrullat in Bensheim-Auerbach eine Vernissage statt. Ina Pause-Noack stellt dort noch bis zum 27.12.2014 Werke zum Thema „Transformation – Ölbilder und Lichtkörper“ aus. Sehenswert und tiefgründig. Zu besichtigen in der Darmstädter Straße 123, donnerstags und freitags von 15 bis 18 Uhr sowie samstags von 11 bis 14 Uhr.

Ihre Werke sind absolut interessant fürs Auge. Einige begeistern durch ihre intensiven Farben, andere beeindrucken durch den völligen Verzicht auf Farbe. Durch die Verwendung von Stofflichem, etwa Wolle, als auch Feinstofflichem wie Asche, bekommen ihre Bilder Tiefe, Struktur und Kontur. Plastische Gemälde sozusagen.

Asche ist auch Ina Pause-Noacks ganz besonderes Thema.

Menschen, derer letzte Wille es ist, nicht nur verbrannt zu werden, sondern über den Tod hinaus auch als Teil eines Kunstwerkes im Besitz der nächsten Angehörigen präsent zu sein, finden in Ina Pause-Noack eine pietätvolle und demütige Künstlerin, die durch die Gestaltung eines derartigen Kunstwerkes auch zur Begleiterin im Trauerprozess wird.

Zurück zur Vernissage: Sebastian Göldenitz, den ich bereits im Mai bei der Finissage von Sandra Schulze erleben durfte, hat die heutige Vernissage musikalisch begleitet. Mit Songs von seiner neuen CD „auf dem Weg zu Dir“. „Nackig auf die Welt gekommen“ war der Einstiegstitel, um auf die Thematik Geburt / Leben/Tod eingestimmt zu werden. Sebastian Göldenitz überzeugt durch tiefgehende und gefühlvolle Texte, die er mit seiner facettenreichen Stimme in die Ohren und Herzen “einbrennt”, sich selbst auf der elektro-akustischen Gitarre und einem ganz eigenen Sound begleitend.

Ina und Sebastian bekommen hier in den nächsten Tagen noch jeweils einen ausführlicheren Artikel.

Diesen Bericht nun schließe ich in Dankbarkeit ab, dass ich ein paar eigene Texte im Rahmen von Ina und Sebastian vortragen durfte.

Drei davon sind bereits auf meinem Blog veröffentlicht. Der neue Text, den ich gleich als nächstes hier einstellen werde, heißt „Asche auf Reisen“.

Fotos. Vielleicht bekomme ich ja noch ein paar Fotos zugespielt.

Ich danke allen, die den heutigen Vormittag durch ihre Anwesenheit und Wertschätzung zu einem großen Moment haben werden lassen.

© Ulf Runge, 2014

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