Der erste Satz
| Leben 461 – Sonntag, 05.07.09
Es ist wahrlich ein erhebendes Gefühl, wenn man Zeuge sein darf, wie man selber einem anderen Lebewesen das Sprechen beibringt. Wenn man sieht und hört, dass sich aus den Urlauten Silben bilden, und diese Sprachfetzen sich dann zu ersten Wörtern verschwistern. Wenn die sich entwickelnde, geliebte Stimme den ersten Satz spricht. Erst undeutlich. Befremdlich. Bis auf einmal hell und klar die Vokale und Konsonanten sich zu einer begeisternden Überraschung zusammenfügen. Ich werde nie den Tag vergessen, als er zum ersten Mal „Donald ist lieb.“ sprach. Unendliche Glücksgefühle durchströmten mich. Und sein Lieblingssatz wurde „Donald gibt Küsschen.“ Ja, obwohl er nie Alkohol zu trinken bekam, war ich immer begeistert, wenn er mir „Donald trinkt Bier.“ nachsprach. Eine Idee meines Vaters. Die ich anfänglich nicht gut fand. Gelinde ausgedrückt. Aber „Donald trinkt Bier“ muss für einen Wellensittich die helle Freude sein, sonst hätte er es bestimmt nicht so häufig gesagt. Zehn Sätze konnte er. Sprechen. Mein Donald. © Ulf Runge, 2009 |
Treffendes Wort
| Leben 460 – Freitag, 03.07.09
Ob ich das Brot einfach daneben legen könne. Neben ihr Teil da. Frage ich die Jugend. Die da etwas auf den Abendbrottisch gelegt hat, was dort absolut nicht hingehört. Sie kapiert sofort, macht aber keine Anstalten, den Gegenstand zu entfernen. Statt dessen wendet sie sich an den anderen Elternteil, um mit hilfsbedürftiger Miene darauf hinzuweisen, dass sie diskriminiert werde. Diskriminiert? Aber hallo, sie hat soeben „diskriminiert“ gesagt. „Ein treffenderes Wort hättest Du nicht finden können!“ applaudiere ich, stolz darauf, dass das Kind in der Schule was gelernt hat. Die soeben gelobte Jugend will dann wissen: „Hm, was bedeutet ‚diskriminieren‘ eigentlich?“
© Ulf Runge, 2009
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Später Stock
| Leben 459 – Freitag, 03.07.09
Hm, ich muss jetzt mal zu einem Rundumschlag ausholen. Ich bedanke mich bei allen, die mir irgendwann einmal ein Stöckchen zugeworfen haben. Oder gar einen Award gewidmet haben. So manche dieser aufmerksamen Zuwendungen meiner MitbloggerInnen habe ich womöglich übersehen, andere nicht angemessen erwidert. Das ist schade, das tut mir leid, und ich bitte um Nachsicht. Und vor wenigen Minuten folgte ich einem Link auf meinen Blog, ein Stöckchen, das Dori mir zugeworfen hat, die es wiederum von Astraryllis erhalten hat. Ja, dachte ich mir, ich nehme endlich mal wieder eins auf, schieb es nicht länger vor mir her. Um Sekunden später irritiert zu entdecken, dass selbiges Stöckchen vom Juni ist. Juni 2008. Die Zeit heilt Wunden, heißt es. Damals wär ich nicht in der Lage gewesen, die nachstehenden Zeilen zu schreiben. Heute weiß ich, dass die, die nicht mehr unter uns sind, auf ihre ganz eigene Weise hier „mitlesen“. Es handelt sich um ein Zitate-Stöckchen, das ich nun mit einjähriger Verzögerung aufgreifen möchte. Die Hand, die Du gegen Deine Eltern erhebst, wird Dir aus dem Grab wachsen. Mit ernster Stimme und verschmitzten Augen hat mir das meine „Planufer“-Oma ins Gewissen geredet, wann immer ich mich respektlos, oder gar aufsässig meinen Eltern gegenüber gezeigt habe. Erst der Reiter, dann das Pferd. (Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.) Oh, was hat mir dieser Spruch meines Vaters gestunken. Frühstück war für mich erst angesagt, wenn der Wellensittich versorgt war. Irgendein Wochenendvergnügen stand unter dem Vorbehalt, dass die wöchentliche Käfigreinigung erledigt war. Ich fand diesen Spruch spießig. Heute muss ich meinem Vater recht geben: Erst sind die dran, die auf uns angewiesen sind. Bei meiner Mutter tue ich mich etwas schwer, DEN für sie typischen Spruch zu finden. Sie war eine Verfechterin der Gerechtigkeit. Und hatte ein großes Herz. Und weil Sie soviel Helligkeit in meine Welt gebracht hat, widme ich ihr den Spruch: Das Licht einer einzigen Kerze reicht aus, um einen dunklen Raum zu erleuchten. Mein Motto: Das Glück muss entlang des Weges gefunden werden. (Der Weg ist Ziel). Und hier noch ein paar ganz persönliche Favoriten: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Aus „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupery. Es ist, was es ist, sagt die Liebe. Von Erich Fried Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer! von Antoine de Saint-Exupery.
Ich werfe dieses Stöckchen all denen zu, denen es am Herzen liegt, auch von ihren ganz persönlichen Sinnsprüchen zu berichten. © Ulf Runge, 2009 |
Die Bestellung
| Leben 458 – Freitag, 03.07.09
Pizza sollte es sein. Endlich mal wieder ne Pizza. Wir setzten uns an den Tisch, studierten die Speisekarte und entschieden uns alle für die Nummer 4, Pizza Chef. Ich greife zum Telefon, am anderen Ende vernehme ich ein herzliches „buon giorno“ – ahrrr, ich vergaß zu erwähnen, dass wir ja gar nicht in der Pizzeria sind, wir wollen die Pizza zu hause essen – und dann denke ich mir, es wäre doch nett von mir, der Italiener freut sich bestimmt darüber, wenn ich auch bisschen mit meinen italienischen Sprachkünsten glänze, und bestelle so polyglott wie möglich: „Buon giorno, wir möchten gerne dreimal die Quattro, per favore!“ „Si, si, dreimale die Quattro, in funfzene Minutte! Ciao.“ Als ich die Pizzen abhole, hat der freundliche Pizzabäcker sie bereits in Kartons verstaut. Ich bezahle und fahre die wohlduftig dampfenden Pizzen vorsichtig nach Hause. Unsere Überraschung ist groß, besonders weil wir ja mit keiner gerechnet haben, als wir dann die Kartons öffnen. Nein, nicht dass keine Pizzen drin gewesen wären. Nur, es war keine Pizza Chef im ersten Karton. Auch nicht im zweiten. Oder im dritten. Vor uns standen dreimal Quattro Stagione. Wir ließen uns die Freude nicht verderben, genossen unter Gelächter die Vier Jahreszeiten, und fassten einen lebenslangen Beschluss: Nie wieder bestellen wir Pizza Nummer 4. Auf italienisch. Wie wäre es, wenn alle Pizzerien weltweit gezwungen werden würden, die Quattro Stagione als Pizza 4 zu verkaufen? Buona notte! © Ulf Runge, 2009 |
Der Prozess
| Leben 457 – Donnerstag, 02.07.09
„Guten Morgen, Herr Runge!“ grüßte mich Herr Brand. Wie jeden Morgen. Wobei er mich heute recht intensiv musterte. Ich erwiderte seinen Tagesgruß, fühlte aber, das da irgendwas war. Bevor ich irgendeine vorsichtige, höflichkeitsfloskelnbehaftete Frage loswerden konnte, fuhr er fort: „Den Prozess gewinnen Sie!“ „Welchen Prozess?“ wollte ich wissen. „Nun“, und da bemerkte ich den Anflug eines süffisanten Lächelns auf seinem Antlitz, „nun, den Prozess gegen Ihren Friseur!“ © Ulf Runge, 2009 |
Da ist nichts!
| Leben 456 – Mittwoch, 01.07.09
„Achtung Autofahrer!“ vernehme ich aus dem Autoradio, das ich soeben eingeschalten habe. Eine vertraute Stimme, eine angenehme noch dazu, klingt mir mit dem Verkehrshinweis entgegen, die Stimme von Annett Lorisz. „Achtung Autofahrer, auf der A-irgendwas von irgendwo nach irgendwo!“ Sie bricht ab, stockt, macht eine Pause, Papierrascheln glaube ich vernehmen zu können, und auf einmal fährt sie fort: „Da ist nichts!“ Ich glaube, ihre ungläubigen Augen sehen zu können. Eine Meldung, wo nichts ist. Da kann man nicht anders als schmunzeln drüber. Oder? „Nein, doch, da steht ein Reh!“ Das kommt so unmittelbar herüber, als habe sie soeben den Blick von ihren Zetteln oder von ihrem Computer weggenommen, habe zum Fenster rübergeguckt, mal eben auf die A-irgendwas geguckt und siehe da, da steht ein Reh! „Entschuldigung, aber die Meldung ist ein wenig irritierend, also: Achtung Autofahrer…“ wiederholt sie noch einmal die Meldung mit dem Reh, das da so einfach rumsteht. Versteckt zwischen den anderen Buchstaben in ihrer Verkehrsmeldung. Aus meinem Lächeln ist ein lautes Lachen geworden. Frau Lorisz hat noch einige andere Staus in petto, um ihre Verkehrsdurchsage schließlich mit einem humorvollen „Und passen Sie auf das Reh auf!“ zu beenden. Liebe Frau Lorisz, danke für die Situationskomik! Und danke, dass Sie uns gezeigt haben, dass aus einer verunglückten Situation ein Gewinn für alle werden kann. © Ulf Runge, 2009 |
Die Überholung
| Leben 455 – Dienstag, 30.06.09
Es war drückend heiß, meine Klamotten klebten auf der Haut, der Schweiß lief mir hinunter, wo er nur konnte. Ich hatte die Augen schon geraume Zeit geschlossen, spürte alleine am Druck auf meine Pobacken, dass wir uns in der Kurve des Bebacher Bahnhofs befinden, wo dieser Zug immer aufs Nebengleis fährt, um kurz darauf vom schnelleren Intercity überholt zu werden. Ich höre, wie die Türen aufgehen, wie eine Vielzahl Pendler hier aussteigen, genieße die zusätzliche Zugluft, die die immer noch geöffneten Türen bieten, als sich plötzlich ein total entnervter Zugbegleiter sich über den Lautsprecher meldet. „Verehrte Fahrgäste! Wegen…“ Er stutzt. Er weiß, dass er Überbringer der schlechten Nachricht ist, und so wie seine Ansage beginnt, steht es schlimm um Deutschland. Mindestens aber um diesen Zug. „Wegen eines verspäteten Intercityexpress“ fährt er aufgeregt fort. Er spricht das frei oder liest es von seinem Handy ab, er hat wohl eine SMS bekommen. „verzögert sich die Abfahrt um wenige Minuten.“ Jeder, sowohl der Zugbegleiter als auch die Fahrgäste wissen aufgrund dieser präzisen Information, dass sie sich nun gegebenenfalls auf eine Übernachtung im Zug einstellen müssen. „Wenige Minuten“, das ist die Zeitspanne zwischen einem Wimpernschlag und „wir waren eine ganze Woche eingeschneit“. Es wird auch kein Intercityexpress sein, der uns da überholt. Nur ein Intercity. Wobei das für uns Wartende nicht wirklich entscheidend ist. Der Arme tut mir leid. Hat wahrscheinlich einen harten Tag gehabt. In der Bullenhitze. In Uniform. Und den repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung als Gast in seinem Zug. Bis zu diesem Augenblick war diesem armen Teufel das Mitgefühl der meisten Fahrgäste sicher. Bestimmt. Ich höre gerade noch seine Worte in meinem Ohr verklingen, als er mit freudiger, sich überschlagender Stimme durch die Lautsprecher brüllt, ja er brüllt es, er muss diese gute Nachricht schnellstmöglich loswerden: „Nein, doch nicht, wir fahren weiter!“ Ich hätte ihm gewünscht, dass er jetzt das spontane Lächeln und Schmunzeln auf den Gesichtern der Mitreisenden hätte sehen können. Schmunzeln, weil dieser Mensch hinsichtlich seiner Gefühle geradezu nackig vor uns da stand. Und ihm alle wohl gewünscht haben, dass die Freude über die Nicht-Überholung ihn etwas in seinem stressigen Arbeitstag stabilisieren möge. Lächeln, weil wir uns alle ein bisschen in ihm entdeckt haben. Opfer der Hitze. Opfer äußerer Umstände. Überbringer schlechter und lieber noch guter Nachrichten. Menschen mit Schwächen. (Und lieber noch mit Stärken.) Es soll heiß bleiben die nächsten Tage…
© Ulf Runge, 2009
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Der Anruf
| Leben 454 – Montag, 29.06.09
Tag um Tag tu ich’s nicht schaffen, Rufen wollt’ ich, und zwar an, Und so tat ich noch was warten, und dann war es Zeit zum Kochen, Nach dem Spülen wollt’ ich’s tun, Anders kommt es, als ich wollte, Messer, Waschvollautomaten, Huch, jetzt hab’ ich mich vergessen, Tagesschau und Wetterkarte, Smsen könnt’ ich und auch mailen, © Ulf Runge, 2009 |
Bis später!
| Leben 453 – Samstag, 27.06.09
Die Metzgerei war dann doch nicht so voll wie erwartet, als Kurt sich in die Warteschlange einreihte. Etwas Grillgut für das Klassenfest heute Abend wollte er noch kaufen, überflog noch einmal die Einkaufsliste und spürte auf einmal eine Frau so halb neben, halb hinter sich. Spürte ihren Blick auf ihm ruhen, erkannte sie aus den Augenwinkeln und fing an zu grübeln. Bei gut 30 Elternpaaren konnte man nicht alle kennen, vielleicht die Gesichter, ja, aber die Namen? Kurt fixierte seine Einkaufsliste dermaßen, dass fast die Buchstaben rausfielen, nur um sich nicht nach rechts drehen zu müssen und zu seiner Schande der Dame einzugestehen, dass er ihren Namen nicht kenne. Er beschloss, sie erst nach dem Zahlen angucken zu wollen, ein überraschtes „Hallo!“ auszurufen und wegen des gemeinsamen Grillfestes heute Abend mit einem „Bis später!“ den Laden zu verlassen. Die Dame war nicht alleine hier, das war wohl ihr Mann, dessen Gesicht war Kurt nun absolut nicht vertraut. Er hasste solche Situationen. In denen der Tritt ins Fettnäpfchen der Peinlichkeiten sozusagen vorprogrammiert war. Kurt fasste allen seinen Mut zusammen, ließ seinen Blick wie zufällig nach rechts schweifen, sie drehte wie zufällig ihren Kopf in seine Richtung und beide grüßten miteinander mit einem freundlichen „Hallo!“ Worauf sie sich – wohl wegen der Abstimmung des klassenfestabendlichen Grillgutes – zu ihrem Begleiter herumdrehte und Kurt mit sich alleine ließ. Das war’s dann wohl, dachte er. Kurt gab sich einen Ruck, jetzt wollte er es wissen, er räusperte sich, die Dame bemerkte es, und Kurt staunte, dass ihm folgender Satz aus dem Mund entglitt: „Können Sie mir bitte helfen? Es tut mir leid, ich weiß Ihren Namen nicht mehr.“ „Mertens! Ich heiße Mertens.“ Sie spürte, dass die 100%ig korrekte Beantwortung von Kurts Frage selbigem nicht wirklich weiterhalf. „Wir kennen uns vom Marktstand. Wir treffen uns dort fast jede Woche.“ „Oha! Danke. Ich hätte sie jetzt zu den Eltern unserer Schulklasse gerechnet. Und wollte Ihnen schon ein ‚Bis später‘ zurufen. Was bei Ihrem Gatten womöglich Kläungsbedarf erzeugt hätte.“ Sie lacht. Und auch ihr Begleiter kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Und wissen Sie was?“ fährt Kurt fort. „Sie gehen jetzt auch bestimmt auch noch auf den Markt!“ „Ja, da wollen wir gleich auch noch hin“, bestätigt Frau Mertens. „Dann sage ich einfach nur: Bis später!“ © Ulf Runge, 2009 |
Alleine am Fenster
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Leben 452 – Samstag, 27.06.09 Anita Orkenz stand am Fenster ihres kleinen Büros, das für eine Führungskraft vielleicht ein bisschen zu klein war, aber es hatte sich aufgrund einer Umzugspanne ergeben, dass damals kein anderer Raum mehr frei war. Ihr Blick fiel in den Innenhof des mehrstöckigen Bürogebäudes, dessen kalte, nichtssagende Fassade nicht unbedingt kreativitätssteigernd war. Ricarda also würde bald das Team verlassen, zwei Monate würde sie noch da sein. Während Anita darüber sinnierte, wem sie denn Ricardas Aufgaben übertragen könne, rief jemand von der Hausverwaltung an. Für kommenden Montag seien einige Umzüge geplant, und man habe entdeckt, dass jemand auf den Platz von Ricarda ziehen werde. Und dass die ja doch noch da sei. Die würde doch weggehen, oder? Man hätte gedacht, sie sei längst weg. Sorry, dieser Fehler sei erst heute entdeckt worden, aber der Umzug sei beauftragt, Ricarda müsse ihren Platz bis Montag räumen, egal wohin. Ein Herr Arath werde am Montag dort einziehen. Anita war fassungslos. Man könne doch nicht ein Problem lösen, indem man ein anderes schaffe. Dass das bitte ganz klar sei, gab sie der Hausverwaltung zu verstehen, Ricarda werde dort sitzen bleiben, wo sie ist, und für diesen Herrn müssten eben die eine Lösung finden, die es verbockt hätten. Anita kam gerade von ihrer Palme herunter, als Freddy anrief. Es würde ihm leid tun mit der Doppeltbelegung, da sei wohl ein Missverständnis passiert. Aber die Hausverwaltung habe jetzt noch einen freien Platz in ihrem Büro entdeckt. Ob sie damit einverstanden sei, dass der Kollege jetzt in ihr Büro mit einzieht? Wenn Anita gewusst hätte, was ein HB-Männchen ist, sie wäre in die Luft gegangen. So hörte sie nur konstaniert, was für ein Unsinn da aus dem Hörer kam. „Freddy, Du kennst mein Büro. Sechs Quadratmeter. Soll ich den Herrn Arath auf meinen Schoß nehmen? Komm doch mal zu mir, dann schauen wir uns das ganze gemeinsam an!“ Anita würde diesem Kollegen sogar für die kommenden zwei Monate Asyl gegeben haben in ihrem Büro. Sie war kurz davor, sich breit schlagen zu lassen und auch diese Kröte zu schlucken. Aber dann schlug bei ihr der Blitz ein. Alle Ihre Kollegen Führungskräfte hatten Büros so groß wie Tanzsäle, und saßen ganz alleine darin, und sie sollte in Ihrem kellerraumgroßen Ambiente jetzt noch jemanden zusätzlich aufnehmen. Der Freddy, der sollte nur mal kommen, dem würde sie schon die Meinung stoßen. Anita war nicht mehr zu halten. Wer an ihrer Tür vorbeiging, dem berichtete sie von dieem Skandal, ob sie oder er das wissen wollte oder nicht. „Schaut! Hier soll noch jemand rein! Ich fass‘ es nicht!“ Endlich bog Freddy um die Ecke. „Da schau Dir meine Gefängniszelle an! Für Einzelhaft gut genug! Der muss schon verdammt gut aussehen, Dein Mitarbeiter, dass der in mein Zimmer mit rein darf!“ quälte sich Anita den Humor aus ihrem frustrierten Gesicht heraus. Freddy blieb die ganze Zeit total ruhig, als er zu sprechen begann, leise, ruhig, fast emotionslos: „Ich verstehe die ganze Aufregung nicht, Anita! In Deinem Büro ist doch noch ein Platz frei. Nicht dort wo Ricarda sitzt, sondern neben Werner.“ Werner? Von was sprach Freddy da? „Du meinst nicht MEIN BÜRO?! Du meinst das Großraumbüro, in dem Ricarda und Werner sitzen? “MEIN” Großraumbüro? Das Großraumbüro meiner Mitarbeiter?“ Nachdem sie lauthals herausgelacht hatten, besiegelten Anita und Freddy den Deal. Und so steht Anita auch morgen wieder am Fenster, alleine in ihrem Büro, und wird sich fragen, wer Ricardas Aufgaben übernimmt… © Ulf Runge, 2009 |
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