Slam07 – Dichterschlacht

Das größte Problem der Mathematiker und Informatiker ist die Antwort auf die Frage: „Wo fange ich zu zählen an? Bei Null oder Eins?“ Anlässlich der Diskussion über die richtige Antwort kam es bisweilen schon zur Aufkündigung von Freundschaften …

In einem ähnlichen Dilemma stecken nun die Veranstalter der Darmstädter Dichterschlacht, einer sehr populären Poetry Slam im Süden Frankfurts. War es am vergangenen Freitag nun die 19. Oder 20. Veranstaltung dieser Art in Darmstadt?

Hierauf werde ich nachher noch einmal eingehen.

Was das ganze mit mir zu tun hat? Das ist eine lange Geschichte, aber ich muss sie ja nicht vollständig erzählen ;-)

Nachdem ich im Dezember 2006 mit dem Schreiben angefangen hatte und viele Monate zuvor zum ersten Mal etwas über Poetry Slams gelesen hatte, nämlich dass da Wortmenschen Selbsterdachtes vortragen, geriet ich durch Zufall auf die Internet-Seite der Centralstation Darmstadt, auf der für den Januar 2007 die 17. Darmstädter Dichterschlacht angekündigt war. Das wollte ich mir denn nun doch einmal angucken und fand mich eines Freitag Abend auf dem Hosenboden sitzend, präziser auf meiner Wetterjacke unbequem hin- und herrutschend, in großer Erwartung des nun Kommenden, ließ mir von freundlichen jungen Damen erklären, wie das hier funktioniert mit den Zetteln fürs Voting und was es mit dem Dichtungsring auf sich hat, dass es hier zwei Vorrunden und eine Endrunde gäbe und überhaupt.

Der Saal war brechend voll, als sich gegen 21 Uhr das Licht reduzierte und die Veranstaltung ihren Lauf nahm. Hierüber habe ich an anderer Stelle schon einmal berichtet. Diesen Artikel habe ich jetzt hier auch auf meinem Blog eingestellt.

Fazit: Ein Klasse Abend. Das könnte auch ein Forum für mich sein, bei dem ich mal meine Texte vorstellen könnte. Fixe Idee, nicht richtig ernst zu nehmen, oder?

Aber sie reifte weiter. Und ich nahm allen meinen Mut zusammen, und trug mich im April 2007 bei der 18. Darmstädter Dichterschlacht in die offene Liste der Kandidaten ein, die auftreten wollten. Und hatte Glück. Durfte auf die Bühne. Oh, was war ich nervös!!! Meine Hände zitterten beim Vortrag dermaßen, dass ich meinen Text fast nicht mehr lesen konnte. Hier der Bericht, den ich seinerzeit an anderer Stelle veröffentlicht hatte. Hier die von mir damals vorgetragene Begebenheit.

Bei allem Stolz über meinen Mut wurde mir klar, dass ich sowohl vom Texten her als auch hinsichtlich meines Vortrages ein blutiger Anfänger und Amateur war. Was die anderen auf der Bühne boten, war Meilensteine von meiner Darbietung entfernt. Natürlich weiß ich, dass ich nicht so wirklich der Slammer bin, eher bin ich ein Vorleser, aber mit diesem Handycap kann ich leben.

Ich bewarb mich bei der 2. Weinheimer Poetry Slam, auf der ich dann im Juni 2007 starten durfte. Hier mein Text, den ich, glaube ich, recht ausdrucksvoll, aber doch recht standhaft auf dem gleichen Fleck stehend vorgetragen haben. Die Kritik der örtlichen Presse bezüglich meiner Vortragskunst war vernichtend. Doch was meinte eine Mitslammerin zu mir: „Die anderen sind ja nicht mal namentlich erwähnt in dem Zeitungsartikel. Und da sage ich mir dann doch: Hauptsache der Name ist richtig geschrieben!“ ;-)

Hier der Text meines Weinheimer Auftritts.

Nun muss man wissen, dass die Darmstädter ca. dreimal im Jahr eine Dichterschlacht veranstalten, dieses Jahr aber einen zusätzlichen Open Air Event im Sommer organisiert hatten. Leider war ich urlaubsbedingt nicht im Lande. Es muss ein sehr unterhaltsamer Abend gewesen sein.

Da wollte ich dann wenigstens versuchen, bei der darauffolgenden Dichteschlacht einen Startplatz zu ergattern, was mir der überaus rührige und freundliche Organisator Alex Dreppec leider nicht zusagen konnte. Bot mir aber einen Startplatz in Reinheim an, den ich gerne annahm.

Nachdem ich die herrlichen Dialoge auf dem Kopfschüttel-Blog entdeckt hatte, entschloss ich mich, diesen Stil mal für mich zu adaptieren, was ich hier in diesem Blog ja auch seinerzeit veröffentlicht hatte: Stadt, Land, ohne Fluss und Vom Kopfschütteln. Ich trug in Reinheim dann folgenden Text vor: Hallo Reinheim. Und ich machte dabei zum ersten Mal den Versuch, in umfänglicher Weise wörtliche Rede verschiedener Rollen vorzutragen, was wirklich kein leichtes Unterfangen für mich war. Soviel also zur 4. Reinheimer Dichterschlacht im September 2007.

Dass ich vergangenen Freitag doch in Darmstadt auftreten durfte, verdanke ich also glücklichen Umständen meiner Anmeldung über die offene Liste, vergleichbar mit meinem Glück im April.

Und wegen der vorangegangenen Oper Air Veranstaltung im Sommer sind sich die Ausrichter nocht nicht so ganz sicher, ob es sich nun um die 19. Oder 20. Darmstädter Dichterschlacht gehandelt hat. Egal. Das wird sich klären.

Der Saal war voll, das Publikum eine Klasse für sich. Ich durfte in der zweiten Vorrunde auftreten. Die erste Vorrunde hatte bärenstarke Vorträge, die mich schon ganz, ganz klein werden ließen. Nach der Pause durfte ich dann als Zweiter ran, ich glaube, ich habe meine Sache gut gemacht wie bisher noch nicht, aber für eine Finalquali war es dann wohl doch noch zu früh. Was mir sehr gefallen hat, dass ich das Gefühl gewonnen hatte, dass sich das Publikum auf meinen Beitrag eingelassen hat. Hier ist er. Ja, genau! Es nicht der Text, den ich ursprünglich vorhatte, aber ich hatte so ein Gefühl, ich müsste mich für diesen, den vorgetragenen Text entscheiden.

Ich habe sehr viel Spaß mit den bisherigen Auftritten gehabt. Mir hat es sehr viel für das Schreiben und das Sich-in-den-Leser-Hineindenken gebracht.

Bloggen und Slammen,
Joggen, nicht Spammen,
so ist heut das Wording,
in St. Peter-Ording,

und in andren locations,
wo man mit sehr viel patience,
die Sprachkultur pfleget,
die Deitsch Sprach gut heget.

Wir lesen und hören uns wieder?

 

© Ulf Runge, 2007

  1. 31. August 2009 um 16:37 | #1

    Lieber Ulf,

    nicht besonders zeitnah und auch noch an der falschen Stelle, aber erstens habe ich Deinen interessanten Artikel erst jetzt entdeckt und zweitens hast Du dort die Kommentarfunktion geschlossen. Also kommentiere ich jetzt kurzentschlossen hier an dieser Stelle, auch wenn sich der Kommentar auf den Artikel hier bezieht.

    Da ich mir schon länger Mal einen Poetry Slam anschauen wollte, finde ich es klasse, dass regelmäßig einer in Darmstadt stattfindet, fast vor meiner Haustür. Und dann auch noch jemand daran teilnimmt, den ich „kenne“. ;-)

    Dein Artikel hat mich sehr nachdenklich gestimmt.
    Blogger sind einsam. Gemeinsam einsam, zusammen mit den ein, zwei oder drei Lesern ihres Blogs, die selbst einsam sind, auch nichts Wesentliches zu sagen haben und lediglich ihrem Geltungsdrang nachgehen.

    Das sind fast exakt die Gedanken, die mir durch den Kopf gingen, als ich damit anfing. Mit dem Bloggen. Jetzt, wo sie mir mit etwas Abstand wieder so eindringlich nahe gebracht werden, gäbe es eigentlich nur eine logische Konsequenz: Schluss mit dem Unsinn. Blog löschen oder sich selbst überlassen. Und stattdessen lieber was Wesentliches machen.

    Lieber Gruß,
    Michael

    P.S.:
    Ich habe diesen Artikel schon vor einigen Tagen das erste Mal gelesen, fnad ihn sehr schön, nur das mit dem Nutella hat noch nicht geklappt. Muss seitdem überhaupt nicht an Nutella denken, nur wenn ich mich schwer dazu zwinge.
    Dafür mag ich Darmstadt gerne. Nicht nur wegen der Mathildenhöhe und weil meine Kinder dort wohnen, sondern auch wegen Karl Krolow.

  2. Ulf Runge
    1. September 2009 um 00:27 | #2

    Lieber Michael,

    danke für Deine Anmerkungen.
    Die sich nicht auf Blödelein #2 beziehen. Dahin kommt man, wenn man Deinem “hier” folgt. Was aber nicht an Dir liegt. Sondern vermutlich ein WordPress-Fehler ist.

    Weil, Du willst ja offensichtlich auf “Slam06 – Blogger sind einsam, in Darmstadt” verlinken. Unkommentierbar. Unverlinkbar?

    Schön, dass ich Dich nachdenklich gestimmt habe. Wer mich liest, merkt aber irgendwann, dass ich Ernsthaftigkeit und Lustigkeit als Ausprägungen des gleichen Attributs betrachte, ich will es mal Hingewandtsein nennen. Ja, ich mein das alles ernst. Ja, ich überziehe da ganz heftig, weil ich persiflieren möchte.

    Lass mich wissen, wenn auf Poetry Slam gehen willst, in DA oder Umgebung. Vielleicht komme ich da mit. Vielleicht sogar als Kandidat…

    Blog löschen? Bloß nicht!
    Mir geht es auch gerade so, dass ich nicht zum Lesen und Kommentieren komme. Und das spüre ich selbstverständlich in der Zurückhaltung meiner lieben MitbloggerInnen, hier zu kommentieren.

    Wir alle haben nicht den Beruf “Blogger”, wir machen das so nebenher, alle mit ganz viel Liebe, so gut wie wir können. Und es bringt uns weiter. Sprachlich. Kontaktlich. Erkenntlich.

    Nicht die Anzahl der Clicks zählt. (Und doch schielen wir darauf, wieviele es heute waren.)
    Nicht die Anzahl der Kommentare. (Und doch freuen wir uns über jeden…)
    Es ist die Genugtuung, die wir selber mit dem Schreiben haben. Mit dem Allesvonderseeleschreiben. Die Freude daran, jemand anderes etwas Freude zu spenden, jemanden zu unterhalten, einer lieben anderen Person etwas Trost zu spenden. Irgendetwas von uns (preis) zu geben, auf dass andere davon – zumindest gefühlsmäßig – positiv berührt werden.

    Karl Krolow? Da werde ich mal Wikipedian müssen…

    Stell Dir vor, Karl Krolow würde mein Leben verändern. Würdest Du dann immer noch glauben, dass das alles umsonst, oder nein: vergeblich, gewesen ist…

    Liebe Grüße,
    Ulf

  3. 1. September 2009 um 11:06 | #3

    Lieber Ulf,

    nein, mein Link sollte nicht auf „Blödeleien #2“ zeigen, sondern auf „Slam06“. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich auch genau da hin verlinkt, allerdings nicht geprüft habe, ob der Link auch tatsächlich funktioniert. Wie auch immer, Du hast ja bemerkt, wo ich hin wollte.

    Das, was Du so schön als „Hingewandtsein“ mit zwei unterschiedlichen Ausprägungen bezeichnest, finde ich ganz wunderbar. Ich bin da ähnlich gestrickt, sicher einer der Gründe dafür, warum ich die Gedichte der Herren Erhardt (mittlerweile) und Gernhardt (schon so lange ich zurückdenken kann) so gerne mag.

    Der Wunsch, einen Poetry Slam zu besuchen, spukt mir schon länger durch den Kopf und verdichtet sich allmählich immer stärker. Vielleicht ist es am einfachsten, einfach auf die nächste Veranstaltung zu warten, an der Du teilnimmst. Ich denke, die Ankündigung werde ich hier in Deinem Blog finden, und dann komme ich einfach mit.

    Nein, Blog löschen werde ich wohl nicht, dafür habe ich das Bloggen mittlerweile einfach zu lieb gewonnen. Nicht unbedingt wegen der Anzahl von Klicks und Kommentaren (oder – das Ego fordert seinen Tribut – doch ein wenig?), sondern wegen der Freude am Schreiben, am Lesen, am Austausch. Ich habe in diversen Blogs, auch in diesem hier, schon viele wertvolle Anregungen gefunden, die ich nicht missen möchte.

    Das Sommerloch, das eine gewisse Zurückhaltung beim Bloggen und Kommentieren bewirkt, spüre ich auch, versuche es deshalb ein wenig mit bekannten und weniger bekannten Gedichten aufzufüllen. Womit ich gleichzeitig eine (wenn auch) kleine soziale Funktion erfülle: Wer sollte den zwei drei Lesern meines Blogs denn meine Lieblings-Gedichte nahe bringen, wenn ich es nicht täte? Wer sollte die alten Wilhelms von Busch bis Müller ausgraben, sie mit den Oden von Neruda garnieren und nebenbei über Karl Krolow schwadronieren?
    Den ich schon fast vergessen hatte, bevor Du mich wieder an ihn erinnert hast. Wobei er das Vergessen nicht verdient hat, er war ein großartiger Naturdichter, mittelmäßiger politischer Dichter und vor allem ein Wortkünstler ersten Ranges. In Hannover geboren, verbrachte er den größten Teil seines Lebens bis zu seinem Tod im Jahr 1999 in Darmstadt, er hat der Stadt auch ein sehr schönes Gedicht gewidmet, das ich jetzt allerdings nicht im Zugriff habe. Zur Annäherung an sein Werk kann ich Dir zum Beispiel „Es war die Nacht“ oder „Das Unbeschreibliche“ empfehlen, und eins von ihm lass ich Dir gleich hier:

    BUCHTSABENKUNDE

    Eine Landschaft, die sich mit Buchstaben füllt-
    unruhiges Spielzeug.
    So wird Grammatik sichtbar.
    Vorsichtige Landvermessung der Wörter.
    Langsam taucht Jacob Grimm auf im Schatten eines Satzes.
    Die Freie Kunst der Veränderung von Sprache.
    Ihr leuchtender Körper steht lange in der Luft…

  4. Ulf Runge
    2. September 2009 um 01:09 | #4

    Lieber Michael,

    ich habe Deinen Beitrag mit viel AchSamtkeit gelesen.
    Danke dafür.
    Das ist sehr informativ.

    Also:
    Wir sehen uns, wenn ich wieder slamme. (Du wirst womöglich nie einen Slam erleben, grins.)
    Du löschst Deinen Blog nicht. Im Gegentum: Du besinnst Dich auf Deine Stärken, und Du wirst gelesen werden. Wenn Du das Gefühl hast, dass Du lesenswert bist, dann werden das andere auch spüren. Und bei Dir vorbeischauen.

    Ich glaube immer noch, dass mehr Menschen Bloglesen als Blogschreiben.
    Aber das kann kippen wie ein Tümpel, dem der Sauerstoff fehlt.
    Ich erinnere nur an Franz Hohler und den Liederhörer.
    Der die Marktlücke ungehörter Liedermacher treffsicher pointiert hat.

    Ob das mehr als ein 400 Euro Job ist? Blog-Leser und -Kommentierer?

    Liebe Grüße,
    Ulf

  5. 2. September 2009 um 17:54 | #5

    Lieber Ulf,

    erst Mal herzlichen Dank für die dezent-schelmische AchSamtkeit, mit der Du meinen Kommentar gelesen und beantwortet hast, sehr schön. :-)
    Ja, das passiert schon mal im Eifer des Kommentierens, die Finger fliegen über die Tastatur, und schon gilt: Anarchie ist machbar, Herr Nachbar.
    Selbstverständlich auch die Lingualanarchie.
    Umso mehr, da ich auf Deinem Blog ohnehin immer höllisch aufpassen muss, dass ich nicht total ins Schleudern komme, da mir dann immer wieder der Ulf Lunge (der Herr mit den Laufschuhen) und die Doris Runge (die Dame mit dem „Du also“) durch den Kopf schießen.

    Zurück zum Ausgangsthema:
    Ich bin mir sicher, dass ich demnächst einen Poetry Slam erlebe.
    Wenn ich nur geduldig genug auf die Ankündigung hier warte.

    Ich bin mir auch sicher, dass deutlich mehr Menschen Lesen als Schreiben, das ist bei der Bloggerei wohl genau so wie im richtigen Leben

    Den Franz Höhler habe ich bisher nicht gekannt, und es hat mich ein wenig Mühe gekostet, den Liederhörer aufzutreiben, ich bin dabei zunächst auf einige andere Texte von ihm gestoßen, die allesamt mehr oder weniger grandios waren – herzlichen Dank für den Hinweis!

    Der mich übrigens ein klein wenig an Georg Jappe erinnert hat. Und seine Ornithopoesie…;-)

    Lieber Gruß
    Michael

  6. Ulf Runge
    5. September 2009 um 02:06 | #6

    Mal im Ernst, lieber Michael,
    ich hatte ernstlich angenommen, Dein Verschrieber sei keiner, sondern eine Wortspeilerie.

    Lingualanarchie. Schöner Begriff. Etwa um Kiddies zu quälen: Im Gesichtsunterricht: In welchem Jahr wurde die Lingualanarchie ausgerufen.

    Franz Hohler. Am grandiosesten finde ich seinen Text, in dem der Metallbriefkasten, der schon immer mal von der großen weiten Welt geträumt hat, nun zur Verschrottung ansteht.

    Lest selber…

    Danke.
    Viele Grüße,
    Ulf

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