Slam03 – Amelie Taffe

erlebt und geschrieben im Januar 2007 – vorgetragen auf der 18. Darmstädter Poetry Slam 20.04.07

Sie kam völlig unerwartet.

Wir hatten uns gerade auf unseren Plätzen eingerichtet. Roger saß am Fenster, ich am Gang. In tiefer Nacht waren wir gegen fünf Uhr von zu Hause aufgebrochen, Roger von Norden her, ich von Süden. Jetzt saßen wir seit 10 Minuten zusammen im gleichen ICE nach München. 2. Klasse. Nichtraucher. Es war immer noch dunkel draußen.

Sie war hübsch und jung. Und sie hatte ein strahlendes, unbefangenes Lächeln. Und ein Tablett in der Hand. Völlig unerwartet in der 2. Klasse. Drei Kaffeebecher auf ihrem Tablett. Aber keiner hier wollte ihr diese drei Kaffees abkaufen. Sie ging weiter, in den nächsten Waggon.

Als sie dorthin verschwunden war, beglückwünschten wir Herrn Mehdorn erst einmal ob so einer freundlichen und service-orientierten Mitarbeiterin. Kaffee in der 2. Klasse! Wann hatten wir das das letzte Mal erlebt? Nun gut, unsere Dienstreisen hatten sich in den letzten drei Jahren darauf beschränkt, quer durch das Frankfurter Rotlichtviertel zu laufen, vorbei an Dolly Buster und Beate Uhse, vorbei an Friseuren, die ihren Service ab 10 Euro anbieten.

Als sie zurück kam, war sie ihre drei Kaffees los geworden. Ich sprach sie an und fragte, ob sie denn auch einen Espresso bringen könne? Einen doppelten noch dazu, wenn möglich? Für einen nur sehr kurzen Augenblick huschte ihr Lächeln hinfort, um gleich wieder auf ihrem Gesicht zu erscheinen. „Ich glaube schon“ meinte sie, notierte sich den Doppio, um gleich meinen nächsten Wunsch zu erfahren: Ob sie denn auch etwas zum Frühstücken organisieren könne? Blässe stieg in ihr Gesicht. „Zum Beispiel ein Buttercroissant?“ fuhr ich fort. Blässe weg, Fassung wieder da – „Doch das haben wir, das geht“ sagte sie, während ihr Stift auch dies notierte. Sie wollte schon weitergehen, als ich Rogers Stimme vernahm. „Können Sie mir bitte einen Kaffee bringen, aber bitte mit richtiger Milch?“ Wieder spürten wir ein Zögern. „Ich werde mal sehen, was ich machen kann.“ Und verschwand langsam in Richtung BordBistro.

Dass sie sich unsere Extrawürste ernsthaft notiert hatte, konnten wir gar nicht fassen. Und es war ja auch kein Spiel, was wir da mit ihr trieben, wir wollten ja wirklich einen Doppio, ein Buttercroissant und einen Kaffee mit richtiger Milch.

Die war richtig nett!

Nach 5 Minuten kam sie wieder, über beide Ohren grinsend. Doppio und Buttercroissant für mich, wie bestellt. Roger bekam seinen Kaffee, schwarz. Und in einem separaten Becher etwas richtige Milch. „Ich hätte Ihnen jetzt eigentlich eine ganze Flasche Milch verkaufen müssen“ klärte sie Roger mit einem verschmitzten Grinsen auf. „Aber das geht jetzt auch so“ und zwinkerte ihm zu. Wir bezahlten, und über das verdientermaßen verdiente Trinkgeld kam richtig Freude bei ihr auf. Es ist müßig, jetzt noch zu erwähnen, dass sie doch keinen schwarzen Kaffee gebracht hatte; sie tauschte den falschen noch schnell gegen den bestellten aus. Und entschwand.

Roger genoss seinen Schwarzkaffee mit echter Milch, ich mampfte mein Buttercroissant und nippte, kippte den Doppio in mich hinein. Mein Blick file auf den Bon, die die gute Kaffeefee uns beim Bezahlen gegeben hatte. „Amelie Taffe!“ sagte ich. „Was meinst Du?“ fragte Roger. „Amelie Taffe! So heißt sie.“ Rogers Blick verklärte sich. „Wir könnten doch der Bahn eine Email schicken und lobend erwähnen, wie freundlich und flexibel die Bahnmitarbeiterin Amelie Taffe ist.“ „Damit sie dann so richtig Probleme bekommt: ‚Wie können Sie den Kunden Dinge anbieten, die sonst nicht üblich sind. Die wollen das dann immer haben und beschweren sich, wenn das nicht geht.‘ Wetten, dass es so ausgeht?“ Da war jetzt mal jemand top-freundlich und bot einen top Service, und Du kannst Dich noch nicht mal höflich bedanken. Dergleichen Gedanken schossen uns durch den Kopf. Wir beließen es dabei. Und Amelie Taffe ist dann auch nicht aufgetaucht.

Wir waren dankbar über den technischen Fortschritt, der es uns erlaubte, diese Dame weder als „Kasse 1“ noch als „Kassierer 3“ in Erinnerung zu behalten, sondern mit ihrem Namen: „Amelie Taffe“.

Hier könnte die Begebenheit enden. Will sie aber nicht.

Roger und ich gingen kurz vor München noch einmal in das BordBristro, einen letzten Kaffee trinken wollend. Amelie Taffe stand etwas weiter hinten an der Kaffeemaschine, während wir am Tresen von einer distanziert höflichen Dame bedient wurden. Während Roger die Bestellung bei ihr aufgab, las ich auf dem Namensschild: „Amelie Taffe“. Oops! Und unsere superfreundliche Bahnmitarbeiterin, die uns heute früh so charmant bedient hatte, dreht sich nun auch noch netterweise so um, dass ich auch ihr Schildchen lesen konnte. „Lampes“ stand da. „Lampes“. So kann man sich vertun. Nur „Lampes“ stand da. Vorname? Unbekannt!

Während mein Gehirn nun damit beschäftigt war, „Amelie Taffe“ einem anderen Gesicht zuzuordnen und das freundliche Frühstücksgesicht jetzt mit „Lampes, Vorname unbekannt“ markiert wurde, nahm das Schicksal seinen Lauf. Roger bedankte sich hier vor Ort und Stelle über den Frühservice. Sprach zur Tresenfrau: „Jetzt möchte ich nochmal loswerden, dass die Frau Taffe heute früh einfach super gewesen ist, weil sie mir richtige Milch zum schwarzen Kaffee serviert hat. Boing?! Die Tresenfrau verstand kein Wort von dem, was hier abging. Ich klopfte Roger auf die Schulter und deutete auf den Kassenbon, den er soeben von ihr erhalten hatten. „Amelie Taffe“ stand hier drauf. Roger war sprachlos. „Dann sind SIE Frau Taffe?“ Sie nickte. Von ihr hatte Frau Lampes heute früh die Bons erhalten…

Merke:
Der Fortschritt hat so seine Tücken,
was so Dein‘ Auge tut erblicken,
ist Wahrnehmung nur.
Die Wirklichkeit pur
kann plötzlich anders Dich beglücken.

© Ulf Runge, 2007

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