Vergissmeinnicht

Leben 1174 – Montag 13.04.15

Vergissmeinnicht

In einer fremden Stadt. Ich bin in einer fremden Stadt. Das tut eigentlich nichts zur Sache. Aber ich es. In einer fremden Stadt.

Ich stehe an der Kasse. Der Herr vor mir bezahlt gerade. Wird nach seiner Postleitzahl gefragt. Dann bin ich dran. Als ich den Laden verlasse, bemerke ich, dass ich nicht gefragt worden bin. Nach meiner Postleitzahl.

Ich überlege, ob ich hierüber schreiben soll. Warum man mich nicht nach meiner Postleitzahl fragt!!!

Ich stehe erneut an der Kasse. Ein anderer Tag. Das gleiche Geschäft. Wieder steht ein (vermutlich noch) älterer Herr (als ich) vor mir an der Kasse. Erneut wird der Mensch vor mir nach seiner Postleitzahl gefragt.

Ich nicht. Was hat er, was ich nicht habe???

Sieht man mir an, dass ich nicht von hier bin? Fremd und nicht zur Postleitzahlenzielgruppe gehörig?! Oder riecht man das gegen den Wind?

Ich beschließe, hierüber zu schreiben. Warum man mich nicht nach meiner Postleitzahl fragt!!!

Die Umstände erfordern es, dass ich am kommenden Tag erneut diesen Laden aufsuche.

Habe meine Artikel zusammen. Stehe an der Kasse. Denke an nichts. Auch an nichts Böses. Nicht mal an nichts denke ich. Da fragt mich die freundliche Dame: „Ihre Postleitzahl?“

Sie sieht in mein entgeistertes Gesicht. Ich stammle „Sechs neun, moment Mal bitte, neun sechs vier, nee das ist auch falsch.“ Ich komme total ins Schleudern. Mein unprofessionelles Gestammel könnte jetzt verschiedenartigste Fragen aufwerfen, die ich aber nicht wirklich vertiefen will. Ich will nur noch hier raus. Wenn ich denn diese Nummer endlich zusammenhabe.

Ich frage mich: Warum heute? Warum jetzt? Warum nicht gleich? Warum überhaupt?

Ich schreibe hierüber.

© Ulf Runge, 2015

Lochtrend

4. April 2015 1 Kommentar

Leben 1173 – Samstag, 04.04.15

Lochtrend

Prolog 1:

Annette von Aretin – Wer ist Annette von Aretin?

Das ist die Dame in der Robert-Lemke-Ratesendung „Was bin ich?“, die vorzugsweise an zwei lebensentscheidenden Fragen erkennbar ist: „Paarhufer oder Unpaarhufer“ sowie „Sind Sie mit der Herstellung oder Verteilung von Waren beschäftigt?“

Nein, wer Robert Lemke ist, sage ich nicht, dafür gibt es Gugelpedia.

Also Annette von Aretin soll mal sinngemäß gesagt haben, dass sie viel zu „arm“ sei, um sich keine Qualität zu leisten. Will implizit sagen, dass Qualität oftmals teurer ist, dafür aber auch länger hält. Und somit geht die Rechnung auf.

Muss nicht. Kann aber.

Um sich etwas Höherwertiges leisten zu können, muss man natürlich auch die entsprechende Kohle haben. Wenn stattdessen der Überziehungskredit einspringt, kann der wirtschaftliche Vorteil schon im Eimer sein.

Prolog 2:

Beim preiswerten Einkaufen gibt es noch einen weiteren Aspekt. Ich kaufe lieber dort ein, wo ich auch den Service in Anspruch nehme, falls mal etwas defekt ist. Beispiel: Den Geschirrspüler ungerne im Doof-Markt, lieber beim Elektriker, der auch ins Haus kommt, um vor Ort zu reparieren.

Ende der Prologe.

Es gibt Artikel, die ich sehr lange trage. T-Shirts etwa. Brillengestelle. Joggingschuhe. Für das Marketing modischer Produkte bin ich relativ resistent. Das gilt auch für meinen Gürtel. (Ja! Richtig gelesen: Für den einen Gürtel, den ich verwende. Die anderen sehr, sehr alten und unansehnlichen Gürtel würde ich nur tragen, wenn ich hierdurch Leib und Leben retten könnte; denn prinzipiell funktionieren sie ja noch. Ein Killerargument fürs Wegwerden.)

Nach vielen Jahren habe ich mir vor kurzem in der Tat einen neuen Gürtel gekauft. Allerdings entgegen dem von mir unter Prolog 1 geschätzten Annette-von-Aretin-Prinzip. Ich war im Discounter und habe meine jahrelang gehegte Kaufentscheidung nun endlich umgesetzt und einen echten Ledergürtel für unter 20 Euro erstanden.

Der alte liegt jetzt bei den anderen alten und wartet auf seine letzte Chance (Gefahr im Verzug, Rettung von Leib und Leben, etwa durch Zusammenbinden aller alten Gürtel nach dem Rapunzelprinzip.)

Voller Stolz trage ich seit einiger Zeit den neuen Gürtel.

Allerdings. So schön er ist, ihm fehlt etwas. Er hat sechs Löcher. Ich benutze immer das innerste Loch und doch habe ich die Erfahrung gemacht, dass dieses innerste Loch nicht wirklich geeignet ist, meine Jeans am Rutschen zu hindern.

Das sieht nicht unbedingt gut aus (was mir relativ egal ist), es ist einfach unangenehm, wenn die Hose sich ungewollt nach unten bewegt. Ein Gefühl von Unsicherheit stellt sich ein und ob das T-Shirt jetzt in der Hose oder außerhalb getragen wird, würde ich schon gerne selber entscheiden.

Wer Prolog 2 gelesen hat, weiß jetzt, dass ich in der Zwickmühle bin. Ich kann doch nicht mit dem Discounter-Stück zu meinem Schuhmacher gehen und ihn um das siebte Loch bitten.

Zwei weitere Wochen hoserutschender Verzweiflung vergehen, bis ich mir heute ein Herz fasse. Ich betrete das Geschäft meines Lieblingsabsatz- und sohlenreparierers, der natürlich auch Gürtel im Sortiment hat, und frage ihn, ob er sich vorstellen könnte, in meinen Gürtel …, da hat er schon dieses Werkzeug in der Hand, Dornenrad will ich es mal nennen, er bedeutet mir, mich meines Gürtels zu entledigen, fragt mich „Ich nehme an, innen, oder?“ ich nicke und schwupp die wupp ist das ersehnte Loch da, wo ich es brauche.

Nein, das würde nichts kosten. Ich entdecke ein Sparschwein mit der Aufschrift „Kaffeekasse“ und werfe meinen Dank durch den Schlitz hinein, was mir ein freudiges Lächeln meines Gegenübers einbringt.

Mit meinem Gürtel in der Hand gehe ich einen Schritt zur Seite, um dem soeben herein gekommenen Herrn den Weg zum Tresen frei zu machen.

Während ich meinen Gürtel anziehe, zieht er seinen aus. Auch er möchte ein weiteres Loch haben. Innen.

Wir lachen ob der Duplizität der Ereignisse und verabschieden uns, einander ein schönes Osterfest wünschend, mit der Erkenntnis, dass wir womöglich einen neuen Ostertrend kreiert haben: „Vorm Fest den Gürtel enger schnallen!“

© Ulf Runge, 2015

Stadt – Land – Blume

Leben 1172 – Freitag, 27.03.15

Stadt – Land – Blume

Seit Tagen blühen sie wieder. Täglich sehe ich sie, wenn ich durch den Ort gehe, raus aufs Feld. Bezaubernde Blüten, elegant und so verletzlich. Da braucht es nur einen kurzen Wolkenbruch, und die Pracht ist dahin.

Das ist blöde ist nur. Mir will der Name von den Dingern nicht einfallen.

Ich nehme mir vor, nicht zu gugeln.

Ich habe schon über sie geschrieben, hier auf meinem Blog.

Das geht jetzt schon vier Tage so.

Sollte ich das ernst nehmen? Mir Sorgen machen? Zum Arzt gehen?

Erneut sitze ich hier, und ein weiteres Mal fällt mir der Name nicht ein.

Das kann doch nicht so schwierig sein. Denke ich. Es gibt doch nur 26 Buchstaben im Alphabet.

Ich beschließe ein Experiment zu wagen.

Mit mir selber Stadt-Land-Fluss zu spielen. Ohne Stadt, ohne Land, ohne Fluss, aber mit Blume.

Der Einfachheit halber bei A anfangen und bei Z aufhören.

Ich schreibe:

A Azalee

B Birke

C Chrysantheme

Wie sollte ich auf diese Weise zum Ziel kommen? Ich bezweifle ganz stark, dass das zielführend ist. Beschließe aber wenigstens einen Durchgang zu machen.

D Dahlie

E Efeu

F Farn

Efeu und Farn sind meilenweit entfernt von meiner zauberhaften Blüte, aber egal!

G Gladiole

H Holunder

I Iris

J Johannisbeerstrauch

K Kaktee

L

Ich will gerade eine Pflanze mit L finden, da drückt jemand voll Pulle auf den Summer. Boing macht es, die Magnolie ist voll präsent.

Ich bin überrascht.

Vermutlich kann man dieses Experiment nicht verallgemeinern. Aber wenn mir mal wieder etwas nicht einfällt, dann versuche ich diese Methode sofort, und nicht erst nach vier Tagen…

Womöglich war ausschlaggebend, dass ich meine „Ich weiß es nicht“ Haltung aufgegeben und ersetzt hatte durch die Einstellung „Ich weiß es bestimmt und ich gehe systematisch auf die Lösung zu“.

Schließen möchte ich mit zwei Links auf „meine“ Magnolien … Magnolienhaftes und Magnifique

© Ulf Runge, 2015

Erst verfahren, dann schwebend

20. März 2015 4 Kommentare

Leben 1171 – Freitag, 20.03.15

Erst verfahren, dann schwebend

Zwei Toiletten zu haben, ist ganz praktisch, besonders wenn man mehr als eine Person im Haushalt ist. In unserem Haushalt gibt es zwei Toiletten. Bevor ich zum eigentlichen Thema komme, möchte ich aber erst einmal abschweifen.

Abschweifung Numero 1:

Vor Jahren habe ich in einem Vortrag gehört, bei dem erst einmal gar nicht um Toiletten ging, sondern eher um die größtmögliche Ausnutzung von Computerkapazitäten, also, da habe ich gehört, dass man nicht immer Leben maximale Effizienz erreichen kann. Das beste Beispiel sei das heimische Klo. Da habe man ja auch nicht das Ziel, selbiges möglichst zu 100% auszunutzen.

Abschweifung Numero 2:

Beim Auto gibt es ja auch mehr als nur eine Scheibe. Allerdings ist es recht ungerecht verteilt, wie diese von den beförderten Personen genutzt werden. Am häufigsten und völlig überraschungsfrei die Frontscheibe. Interessanterweise führt der Blick durch die gleiche Scheibe trotzdem zu unterschiedlichen Interpretationen. Während der Beifahrer mir verkündet: „Hier sind 50 erlaubt, Du fährst zu schnell!“, beschränke ich meine Kommunikation vorzugsweise – unter Beibehaltung des Tempos – auf lautloses Sprechen und sage unvernehmbar: „50? Die habe ich lässig!“

Jetzt also zum Klo, von denen genau genommen also zwei zur Verfügung stehen.

Auch wenn das mathematisch nicht haltbar sein mag, aber die Tatsache der Existenz zweier Toiletten verdoppelt vermutlich die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens eines irgendwann einmal kaputt geht.

Auch wenn mir das jetzt niemand glauben mag, mir ist der Klodeckel beim Hochklappen aus der Hand gerutscht, gegen die Wandfliese. Ich war nicht verärgert oder so, es ist einfach passiert. Und nach 18 Jahren des Deckelklappens nach oben, springt dieses Mal nun ein gefühltes Drittel des Deckels weg. So ein Ärger! Materialermüdung? Vermutlich gibt es auf den Klodeckel 200 Jahre Garantie. Aber leider nicht die dazu wünschenswerte Garantie, dass man den Kassenbeleg findet, wenn man ihn nach Jahren plötzlich braucht.

Um so einen kaputten Deckel zu reparieren, hilft vermutlich nur der Tausch gegen einen intakten. Uhu und Konsorten scheiden als Mittel der Wahl wohl aus.

Ein neuer Klodeckel muss her. Wobei. Der alte sieht aus, als sei er teuer gewesen. Kann ich mir überhaupt einen neuen, so teuren Deckel leisten? Und wo bekomme ich einen her, der zum noch intakten Kunststoffsitz passt?

Wochen mit peinlichem Klodeckelanblick vergehen, weil es aussichtslos erscheint, ohne Kreditaufnahme und wochenlangem Baumarktbesuch (ich hasse Baumärkte) zur Lösung zu kommen.

„Der Aldi hat Toilettensitze mit Deckel im Angebot“ werde ich eines Tages jäh daran erinnert, dass da noch ein Thema offen ist. 12 Euro 99. Da kann man nicht viel falsch machen, wenn das Teil nichts taugt. Aber kann ein WC-Sitz für diesen Preis überhaupt einen Wert haben? Einmal draufgesetzt und schon kaputt, oder?

Ich kaufe das Teil. Die Montage ist nicht wirklich schwer. Aber doch nicht ganz so, wie im Prospekt beschrieben. Weil, dieser Toilettensitz ist anders. So ein Teil habe ich bisher noch nicht wirklich gesehen oder besser gesagt erlebt. Ein WC-Sitz mit Schwebedeckel.

Es stellt sich heraus, dass ich nicht nur ein Sanitärutensil gekauft habe, nein, im Preis inbegriffen ist auch eine massive Erhöhung der Lebensqualität. Und geschenkte Lebenszeit.

Wie das, wirst Du Dich jetzt fragen. Bisher war es bei mir so, dass ich dem Spülwasser hinterhergeschaut habe, um sicher zu sein, dass „ALLES“ auch wirklich runter ist. Beim Beobachten dieses Schauspiels konnte ich bisher nichts tun, bis ich endlich den Klodeckel runterklappen konnte (ich bin ein notorischer Klodeckelschließer), um mir danach die Finger zu waschen.

Mit Schwebedeckel geht das so: Ich bewege ihn nur ein bisschen runter, so auf 60-Grad-Winkel-Stellung, dann schwebt er langsam und majestätisch nach unten. Während ich die Hände wasche kann ich nebenher beobachten, ob „ALLES“ weg ist.

Diesem Gewinn an Lebensqualität stehen zwei bedenkliche Aspekte gegenüber.

Aspekt 1: Was mache ich mit dem noch funktionsfähigen WC-Sitz, den ich ausgebaut habe?

Aspekt 2, der mich fast nicht mehr schlafen lässt: Was ist, wenn eines der Haushaltsmitglieder sich so sehr an den neuen Schwebedeckel gewöhnt hat, ihn allerdings auf der falschen Toilette volle Pulle fallen lässt, auf dass er auch zu Bruch gehe? Sollte ich aus Sicherheitsgründen auf diesen Klo vorsorglich ebenfalls einen Schwebedeckel nachrüsten? (Dann hätte ich einen funktionsfähigen Nichtschwebedeckel und zwei funktionsfähige WC-Sitze, die zu entsorgen ich wohl nicht übers Herz brächte…)

© Ulf Runge, 2015

Nase, Blick und Lippen – irgendwie hirnrissig

12. März 2015 1 Kommentar

Leben 1170 – Donnerstag, 12.03.15

Nase, Blick und Lippen – irgendwie hirnrissig

Ich stelle mich hinten an. Die Schlange ist überschaubar kurz. Wir alle hier wollen ein Andenken an diesen erbaulichen Abend, eine Widmung in einem der Bücher, die der Vortragende geschrieben hat. Halb hinter mich, halb neben mich stellt sich ein Herr, schaut mich an und frägt, wie mir der Abend gefallen habe.

„Gut!“ oder sogar „Sehr gut!“ hätte ich jetzt wahrheitsgemäß antworten können. Tue ich aber nicht.

Nun hatte der Organisator des Abends verlauten lassen, die Eltern des Vortragenden seien auch anwesend. Ich frage den Herrn, ob er mit dem Vortragenden „verwandt oder verschwägert“ sei. Seine Antwort ahnend. Freudig bestätigt er mir: „Ich bin der Vater!“

Nun muss er noch meine Antwort über sich ergehen lassen, dass der Abend sehr unterhaltsam und informativ gewesen sei, dass der Vortrag mit „Prezi“ exzellent in der Darstellung ist, dass ich in jedem Augenblick das Gefühl gehabt habe, dass der frei vorgetragene Vortrag im Kopf des Redners wie ein Bild vorhanden sei, das er jederzeit abrufen könne.

Nun, das wollte der Vater nicht wirklich wissen, „Gut!“ oder „Sehr gut!“ hätte gereicht.

Und Du willst das auch nicht wirklich wissen.

Aber vielleicht interessiert es Dich, wie man bereits nach 3 Minuten Vortrag den gesamten Saal in ein vergnügliches Lachen bringen kann.

Das geht zum Beispiel so: Du stellst in Aussicht, dass Du gleich über drei Aspekte reden wirst. Etwa, was ein schönes Gesicht ausmacht. Und dann zeigst Du zu jedem Aspekt eine Folie so wie hier:

Eine schöne Nase

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Ein liebevoller Blick

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Unwiderstehliche Lippen

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Und wie hier gesehen zu jedem Argument das gleiche Bild. Es funktioniert, oder? (Das im Vortrag erlebte Beispiel war noch amüsanter…)

Aber jetzt im Ernst. Gestern Abend durfte ich in der Vortragsreihe Lebenskunst Bensheim, inszeniert von Justus Keller, Henning Beck kennenlernen. Ein mehr als gut gefüllter Bürgersaal in Bensheim lässt hoffen, dass es bald eine Wiederholung dieser Veranstaltung gibt. „Hirnrissig“ ist der reißerische Titel von Vortrag und Buch, in das ich mir die Widmung eintragen ließ.

Da es nicht fair ist, den Vortrag hier nachzuerzählen, möchte ich nur kurz auf zwei Aspekte eingehen.

Oligodendroglia. Das sind Helferlein im Gehirn, die möglicherweise mehr als alles andere den Unterschied zwischen Mensch und Raupe oder Tintenfisch ausmachen. Wunderbar erklärt Henning Beck, dass es die Geschwindigkeit der Reizübertragung sein kann, die darüber entscheidet, dass wir als Wurm bereits nach durchschnittlich 3 Monaten vom (frühen?) Vogel gefressen werden.

Und dass wir Menschen eine eigentlich innerhalb (!!!) von Nervenbahnen nicht erreichbare Geschwindigkeit von 400 Stundenkilometern erreichen, das verdanken wir den Oligodendroglia. Die legen um die Nervenbahnen ab und zu eine Isolatorschicht herum. So ähnlich wie die unterbrochenen Striche auf der Autobahn. Und das Geniale bei dieser Technik ist, dass sich nun die Nervenreize außerhalb (!!!) der Nervenbahnen fortpflanzen, weil sie im Rahmen eines hierdurch aufgebauten elektromagnetischen Feldes zwischen den nicht-isolierten Stellen springen.

Henning Beck zeigt hierzu wunderbare bildhafte Darstellungen. Diese Nervenleiter-Ab-und-Zu-Isolierung, die hat nur der Mensch. Kein Tintenfisch. Kein Wurm.

Ein zweiter Aspekt seines Vortrages widmet sich der Frage, wie wir mit „neuesten wissenschaftlichen“ Erkenntnissen umgehen. Henning Beck berichtet von einem Experiment, das mit Fischen gemacht worden sei, um herauszufinden, wie emotional diese Spezies auf Menschen reagiert. Hierzu seien beeindruckende Fotos von bildgebenden Verfahren erstellt worden, die irgendetwas beweisen sollten. Als dann allerdings recherchiert wurde, wie diese Fotos entstanden seien, kam heraus, dass die Tiere zur Beobachtungszeit bereits tot waren.

Nicht tot war das Publikum den ganzen Abend über. Hochkonzentriert wie Herr Beck und eine Tube Tomatenmark lauschten die Anwesenden dem maximal verständlichen Vortrag. Ein vergnüglicher Abend, der sein Nachspiel in der Lektüre eines „hirnrissig“en Buches haben wird.

© Ulf Runge, 2015

Dum – oder die Angst des Duschers unter der Brause

7. März 2015 4 Kommentare

Leben 1169 – Samstag, 07.03.15

Dum – oder die Angst des Duschers unter der Brause

Seit Jahren trägt der Bruno ein Trauma mit sich herum, über das zu sprechen er sich nun das erste Mal traut. Es geht ums Duschen. (Keine Angst bzw. zu früh gefreut; dieser Artikel bleibt jugendfrei.)

Berichtet der Bruno also, wie er sich üblicherweise duscht. Ziemlich überraschungsfrei unbekleidet. Zunächst duscht er sich ein erstes Mal ab, damit der Körper für die Seife und die Haare für das Shampoo nass genug sind, um darauf gleichmäßig verteilt zu werden.

Und wenn er dann fertig sei mit dem Einseifen, dann würde er sich ein zweites Mal Abduschen, bis er das Gefühl habe, wieder sauber zu sein.

Nun müsse das Handtuch her, und wenn er größtenteils trocken sei, steige er vorsichtig aus der Duschkabine, um die letzten feuchten Partien zu frottieren.

Was denn nun sein Trauma sei, will ich wissen.

„Stell Dir vor, Du stehst eingeseift unter der Dusche, schaltest die Brause ein, um alles runterzuspülen, da hörst Du es!“

„Was?“ will ich wissen.

„Dieses dumpfe ‚Dum‘“?

Ich schaue ihn irritiert an.

„Okay, also was ist schneller beim Gewitter? Der Donner oder der Blitz?“

Blöde Frage, denke ich mir, natürlich ist der Blitz schneller.

„Zwischen Blitz und Schall gibt es in Sachen Geschwindigkeit noch etwas, und das ist das ‚Heiße Wasser‘! Es macht Dum, und während Du das Dum hörst, ist das heiße Wasser schon da!“

„Beim Gewitter?“ frage ich.

„Nein, beim Duschen! Also, ich wohne oben im Haus, und unter mir die Wohnung, da ist in der Toilette kein Spülkasten eingebaut, sondern ein Druckspüler. Während eine Spülkastentoilette ihren gierigen Wasserbedarf aus dem Spülkasten abholt, geht der Druckspüler direkt auf die Kaltwasserzufuhr.“

„Danke, jetzt kenne ich also Deine Klosituation bei Deinen „Unter“mietern. Was hat das mit Deiner Duscherei zu tun?“

„Wenn jemand den Druckspüler unten betätigt, kommt es zu plötzlichem Kaltwasserdruckabfall, der dieses leise, kaum vernehmbare ‚Dum‘-Geräusch erzeugt. Und dann hast Du nur noch ein klein wenig mehr Zeit als wenn ein Blitz einschlägt, sagen mir mal, Du zählst bis zwei, also ‚Eins Zwei‘, und beim ‚Z‘ von ‚Zwei‘, da ist es da: Sengend heißes Wasser. Das ist der Augenblick, wo Du halbblind, weil mit eingeseiften Augen, den Duschhebel suchst, um das Wasser schleunigst abzuschalten. Die Kaltwasserzufuhr ist gleich Null, das Warmwasser tritt maximal aus. Wenn Du zu langsam bist, ist das Klo einen Stock tiefer schön kalt gespült, und Dein Körper zum Ausgleich dafür heftigst angebrüht.“

Ich bedaure den Bruno, zitiere das Fledermaus-Zitat, dass glücklich ist, wer vergisst, was nicht zu ändern ist.

Und gratuliere ihm, was bleibt mir sonst übrig, zu seinem exzellenten ‚Dum‘-Gehör, ohne das er vermutlich schon auf der Intensivstation gelandet wäre.

Ich weiß nicht, ob ich dem Bruno heute helfen konnte, aber jetzt ist es endlich raus dieses Trauma…

„Dir ist das wohl noch nicht passiert!“ fährt er – beinahe vorwurfsvoll – fort. „Selbst wenn ich dann schnell genug bin mit dem Ausschalten, dieses blöde heiße Wasser ist ja trotzdem noch drin in der Leitung. Anschließend gucke ich zu, dass ich das Wasser Richtung Abfluss brause, aber meine Füße müssen da noch ganz schön was aushalten…“

Ich verspreche dem Bruno, dass, wenn es in meiner Macht steht, also wenn ich Bundeskanzlerin werde oder Euro-Infrastrukturkommissar oder so, dass ich dann eine Druckspülerabwrackprämie einführe. Oder Druckspülernutzungszeiten. Oder internetgekoppelte Gerätesynchronisation.

Oder diesen Artikel schreibe, um die Massen aufzurütteln.

© Ulf Runge, 2015

Win-Win

Leben 1168 – Donnerstag, 05.03.15

Win-Win

Frühling liegt in der Luft. Mein Hund und ich gehen wieder einmal auf den Weinberg. Dort treffen wir wieder auf unseren Weinbergmann. Es ist ein herzliches Begrüßen, er erzählt mir wieder einen Witz, den ich zu meiner Schande nicht behalten habe, eine Spaziergängerin kommt ebenfalls des Wegs, auch sie kennt den Weinbergmann, sie begrüßen einander ebenfalls herzlich.

Ich verabschiede mich, gehe den gewohnten Pfad entlang des Berges, als ich bemerke, dass die Spaziergängerin zunächst den gleichen Weg nimmt wie wir. Sie ist schneller und so parken mein Vierbeiner und ich am nächsten Weinberghang etwas auf der Seite, damit sie uns überholen kann.

Als sie auf unserer Höhe ist, sagt sie etwas Nettes über unseren gemeinsamen Bekannten und auch ich lobe seine Liebenswürdigkeit in höchsten Tönen.

Da fragt sie mich, ob ich denn wisse, wie er heißt. „Ja, das ist der Herr Baumann!“ erfährt sie von mir. (Name von der Redaktion geändert.)

Worauf sie meint: „Sehen Sie, ich weiß nur dass er Bernd heißt!“ (Name ebenfalls von der Redaktion geändert.)

Wir freuen uns, dass wir durch Miteinander reden (*) eine Win-Win-Situation geschaffen haben und unser Wissen gegenseitig erweitert haben.

Das Typische an dieser Situation ist, dass wir uns seit Jahren grüßen, ohne dass wir Anlass gehabt hätten, auch nur mal ein Wort mehr als den Tagesgruß zu wechseln. Solche Menschen kennst auch Du, oder? Seit „Ewigkeiten“ vertraut. Und doch ohne wirkliches Gespräch.

(*) Miteinander reden: Ein wunderbares Buch von Friedemann von Schulze-Thun.

© Ulf Runge, 2015

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