Das Vermächtnis der aussterbenden Witze

Das Vermächtnis der aussterbenden Witze

Leben 507 – Mittwoch, 21.10.09

Gestern war ein historischer Tag. Ein trauriger Tag. Ich nehme ihn zum Anlass, nicht nur auf den Grund für die Traurigkeit hinzuweisen, sondern auf ein damit einhergehendes Phänomen, nämlich das der aussterbenden Witze.

Wer mich kennt, vermutet jetzt schon wieder etwas Skurriles, Witziges, Doppelsinniges. Dem ist in der Tat so. Und ich möchte aber gleich hinzufügen, dass ich mich über die Menschen, die jetzt extrem traurig sind, absolut nicht lustig mache. Im Gegenteil, ich fühle mit ihnen und ihren existenziellen Sorgen.

Aussterbender Witz Nummer 1 (Der Euro ist schuld, Nummer 1):

Diesen Witz habe ich bereits zum besten gegeben. Und zwar hier.

Wer nicht clicken möchte, braucht es auch nicht. Hier ist er:

Ich riskiere einen Österreicher-Witz, den ich selber immer gerne erzählt habe, als man die Utensilien hierfür noch mit sich rumgetragen hat. (Dieser Witz könnte sich aber genauso gut über andere liebe Nachbarn der Deutschen lustig machen. Hauptsache, die anderen sind die Doofen.)

Bayerisch-österreichische Grenze. Der österreichische Grenzer sieht etwas am Boden liegen. „Ja mei, wos is denn des?“ sagt er laut zu sich selber. Hebt die beiden runden Dinger vom Boden auf und wiederholt seine Frage: „Ja mei, wos is denn des?“

„Des han zwoa Groschn. Mit dena konn man bei uns telefoniern.“ ruft ihm der bayerische Grenzer zu, der das die ganze Zeit beobachtet hat. Worauf der Österreicher die eine Münze vor seinen Mund hält, die andere ans Ohr und laut vernehmlich ruft: „Servus Zenzi, kannst Du mi hörn?“

Hinweis: Der Witz ist hier zu Ende. Im Radio und Fernsehen würde durch Lacher-Einspielungen jetzt klar sein, dass das lustig war. Wem in Österreich und Deutschland kann man diesen Witz heute noch erzählen? Groschen, was ist das? Was ist eine Telefonzelle? Wie funktioniert das mit Münzen in einer Telefonzelle? Wobei die schönste Frage, die ich mir von jungen Menschen wünschen würde: Was ist eine Grenze?

Hinweis: Für die Übersetzungen vom Hochdeutschen ins Bayerische habe ich mich seinerzeit eines Übersetzers bedient.

Aussterbender Witz Nummer 2 (Der Euro ist schuld, Nummer 2):

Auch diesen Witz habe ich bereits zum besten gegeben. Und zwar ebenfalls hier.

Wer nicht clicken möchte, braucht es auch nicht:

Der zweite Witz ist ein Tünnes- und Schäl-Witz, bei dem ich mich aber nicht ins Kölsche verkünsteln will, sondern die wörtliche Rede hochdeutsch halte. Auch dieser Witz ist so heute nicht mehr erzählbar:
Tünnes und Schäl haben Falschgeld gedruckt. Als sie ihre Scheine zählen, merken sie, dass es die 15-D-Mark-Scheine, die sie gedruckt haben, in Wirklichkeit gar nicht gibt.

Tünnes weiß Rat. „Wir fahren in die Eifel zu den dummen Bauern, da kriegen wir das Geld los!“ Gesagt, getan. Im erstbesten Eifel-Dorf sagt der Schäl: „Pass auf, da vorne ist ne Gaststätte, da geh ich rein und kauf ne Packung Zigaretten.“

Fünf Minuten später kommt der Schäl freudestrahlend aus der Kneipe raus, in der einen Hand eine Packung Zigaretten, in der anderen das Wechselgeld. „Du glaubst es nicht“ sagt der Schäl, „die haben mir doch tatsächlich ne Packung Stollwesand verkauft und zwei 7-Mark-Stücke rausgegeben!“

Auch hier darf jetzt bei Bedarf gelacht werden. Dass Peter Stuyvesant, ein Niederländer seinerzeit New Amsterdam, das heutige New York gegründet hat, das habe ich seinerzeit von den Zigarettenpackungen bei uns zu Hause abgelesen. Diese Zigarettensorte ist, glaube ich, heute auch nicht mehr so angesagt wie früher, als in der Zigarettenwerbung (Was ist das?) noch der River-Quai-Marsch gespielt wurde. Dass eine Packung Zigaretten mal eine Mark gekostet hat, das glaubt heute auch keiner mehr. Und was ne Mark ist? So was ähnliches wie ein Groschen, bloß „größer“. Siehe oben.

Statt der ausländischen Nachbarn sind es diesmal die „dummen Eifelbauern“, die hier als Gegenstand der Belustigung herhalten müssen. Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich mit einem leichten Grinsen zugebe, dass ich beide Witze seinerzeit gerne erzählt habe.

Aussterbender Witz Nummer 3 (Der Mammon ist schuld, Nummer 1):

Meinen „StammleserInnen“ ebenfalls nicht gänzlich unbekannt sollte dieser Witz hier sein. Auch den wiederhole ich gerne noch einmal hier:

Hertie

Die Mainzer einst gingen zum Hätti,
und kauften wie Krehti und Plehti.
Doch wo kauften ein,
die rechts wo vom Rhein?
„Oh je, bei Härtjeeh“, sprach die Betty.

Hinweis: Es gab einmal eine Warenhauskette namens „Hertie“. Während die Mainzer als bodenständig gelten und deshalb zu „Hätti“ (betont auf der ersten Silbe) gingen, sagte man den etwas vornehmeren Wiesbadenern nach, sie würden zu „Härtjeeh“ (betont auf der langgezogenen zweiten Silbe) gehen.

Aussterbender Witz Nummer 4 (Der Mammon ist schuld, Nummer 2):

Ich habe immer meinen Argwohn gehabt, wenn Geschäftsleitungen der Globalisierung wegen sich ganz schnell eines traditionsreichen Firmennamens entledigt haben. Seit gestern steht es fest: Quelle macht dicht. 7.000 Menschen verlieren ihre Arbeit. Das ist so unsagbar bitter, wenn man bedenkt, dass dies vor nicht allzu ferner Zeit ein gesundes Unternehmen war. Dass soviel Know-how nun den Bach runter geht. Und jede Menge Familien vor dem finanziellen Ruin stehen.

Ich mache mir den Übergang zum nun vierten und letzten Witz angesichts dieser Schicksale nicht leicht, aber mit Quelle (und zuvor Neckermann) geht auch dieser Witz „über den Jordan“:

Martin hat heute seinen ersten Arbeitstag. Bei Neckermann. Sein Chef sagt ihm, dass der Firmengründer, der Herr Neckermann persönlich, einmal am Tag durch die Gänge gehe und dass Martin ihn schön ordentlich grüßen soll.

Am Nachmittag kommt es zur ersten Begegnung, und Martin grüßt voller Freude: „Guten Tag, Herr Nackermann!“
„Nackermann? Sie sind wohl neu hier! Ich heiße Neckermann, merken Sie sich das bitte!“
„Entschuldigung, jawohl!“ stammelt Martin heraus.

Am nächsten Tag kommt es wieder zur Begegung und Martin konzentriert sich ganz fest, um dann freudig herauszurufen: „Guten Tag, Herr Nackermann!“
Dieser wiederum weist Martin zurecht und geht verärgert weiter.

Dritter Tag. „Guten Morgen, Herr Nackermann!“ Herr Neckermann schickt Martin ins Lohnbüro, er solle seine Papiere abholen und nach Hause gehen.

„Aber Martin, warum kommst Du denn so niedergeschlagen nach Hause?“ fragt ihn seine Frau, als er zu Hause ankommt.

„Du glaubst es nicht! Du glaubst es nicht!“ Unter Tränen dann: „Das gleiche wie beim Qualle!“

© Ulf Runge, 2007-2009

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. andrea2007 sagt:

    Lieber Ulf, zum Glück war ich auch schon „gross“ zu der Zeit, als die ausgestorbenen Dinge noch gab und so hab ich herzlich gelacht über Deine Witze. Von dieser Seite hab ich das noch gar nicht betrachtet, nachdenkliche Grüsse Andrea

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    1. Ulf Runge sagt:

      Liebe Andrea,

      es gibt noch andere ausgestorbene Witze, über deren Verschwinden ich mich freue.

      Etwa den, in dem eine Minderheit demnächst per Gesetz bei Rot über den Zebrastreifen gehen darf. Und ab kommendem Jahr MUSS.

      Oder den, bei denen sich ein Deutscher, ein befreundeter Nachbar und ein Feindbildnachbar vor dem Stinktiergehege verabreden,
      um zu erfahren, wer es längsten beim Stinktier aushält. Deutscher kommt nach fünf Minuten raus und sagt: „Ihgitt, Stinktier stinkt.“
      Das gleiche mit dem befreundeten Nachbar, nur dass der es 10 Minuten aushält.
      Der Feindbildnachbar geht als letzter rein. 5 Minuten, 10 vergehen. Nach 15 Minuten kommt das Stinktier raus. Sagt: „Ihgitt, Feinbildnachbar stinkt.“

      Ja, diese Bösartigkeiten dürfen gerne aussterben.

      Liebe Grüße,
      Ulf

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  2. Mo sagt:

    Lieber Ulf,
    ich bin ganz Deiner Meinung:
    Bösartigkeiten dürfen gerne aussterben.
    Neu ist für mich, dass Du Dich so offenkundig dafür einsetzt.
    Weiter so. 😉

    LG – Mo

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    1. Ulf Runge sagt:

      Liebe Mo,

      ich glaube wirklich, dass ich für Dich immer wieder für Überraschungen gut bin…
      🙂

      Liebe Grüße,
      Ulf

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