Gesucht: Augenmaß

Leben 1319 – Freitag, 23.12.16

Gesucht: Augenmaß

Hinweis vom 24.12.16:
Mittlerweile ist der Hauptverdächtige des Berliner Attentats von dieser Woche nicht mehr am Leben. Das ändert nichts an der Aktualität des nachstehenden Artikels.

Jetzt also wird ein Tunesier gesucht. Es entspricht unserem Rechtsempfinden, ihn zu stellen, ihn zur Rede zu stellen, ihn frei zu sprechen, wenn er der Tat nicht überführt werden kann, ihn zu einer für unser Empfinden angemessenen Strafe zu verurteilen, wenn wir ihn mit einem rechtsstaatlichen Verfahren für schuldig befunden haben.

Ein Tunesier.

Nicht alle Tunesier. Auch nicht alle Araber. Auch nicht alle Geflüchteten, die in Deutschland, in Europa oder sonst wo auf dieser Welt um Schutz bitten. Schutz vor Gewalt, Schutz vor Willkür, Schutz vor Einschüchterung.

Menschen, die in Freiheit leben wollen wie wir.

Und auch Menschen, die sich erhoffen, dass sie an unserem Wohlstand teilhaben können.

Da gibt es welche, die glauben, dass das einfach wäre, dass man sich nicht anstrengen muss.

Und dann gibt es ganz viele, die sich integrieren und arbeiten wollen, aber (noch) nicht können.

Und eine Vielzahl, die wollen und können, aber nicht dürfen, weil unsere Gesetze, und damit also wir (!) es nicht wollen.

Die Praxis, welche Herkunftsländer als sicher betrachtet werden und welche nicht, ist für mich nicht wirklich nachvollziehbar. Vermutlich kann man da argumentativ alles in jeder Hinsicht begründen. Politik. Die Kunst des Machbaren. Deshalb möchte ich diesen Diskurs auch nicht führen.

Ich möchte statt dessen noch einmal daran erinnern, dass wir in Deutschland aufgrund unserer Alterspyramide eigentlich ein Einwanderungsland sein müssten. (Am liebsten natürlich nur für hochintelligente, höchst fleißige Experten in genau den Berufen, die bei uns Mangelware sind.)

Die Menschen fremder Herkunft, die ich im vergangenen Jahr habe kennen lernen dürfen, waren ausnahmslos friedliebend.

Statt jetzt wegen eines Tunesiers, der nach derzeitigem Stand der Erkenntnisse wohl Hauptschuldiger am Attentat in Berlin ist, statt also alle zu uns Geflüchteten über einen Kamm zu scheren und darauf zu bestehen, jeden nicht anerkannten Geflüchteten schnellstmöglich abzuschieben, ist es an uns, Nächstenliebe (egal ob sie christlichem Glauben entspringt oder einem humanistischen Weltbild) in eine Win-Win-Situation zu bringen mit dem Nutzen, den die Integration der zu uns Gekommenen bringen kann. Arbeitsplätze im Rahmen der Begleitung dieser Menschen, eine Verjüngung der Alterspyramide und damit Entschärfung der desolaten Rentenfinanzierung, und zu guterletzt: etwas kulturelle Auffrischung für unsere Gesellschaft.

Dass wir durch die Geflüchteten den lange vielerorten verloren gegangenen Gemeinschaftssinn wiederentdeckt haben, ist ein beruhigender Aspekt der Veränderungen der vergangen zwei Jahre.

Und das lässt uns hoffen, endlich auch die Nachbarn wiederzuentdecken, ebenso die Abgeschobenen, wobei ich da nicht nur an die Alten denke, sowie die Unterprivilegierten, egal, ob sie nach unserer Einschätzung Schuld sind an ihrer Situation oder nicht.

Ich wünsche mir, dass wir jetzt nicht die Sau durchs Dorf treiben, sondern mit Augenmaß daran arbeiten, dass die vielen positiven Veränderungen in unserer Gesellschaft sich festigen und weiter wachsen.

© Ulf Runge, 2016

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Volker Kunz sagt:

    Einen wunderschönen Guten Morgen lieber Ulf,

    meinen herzlichsten Dank für diesen Beitrag, der es sicher verdient hat,
    eine möglichst hohe Reichweite zu erhalten.

    Ich würde mich freuen, wenn Du diese Zeilen hier

    https://www.xing.com/communities/forums/100098262

    einstellen würdest.

    Falls wir uns nicht noch vor Weihnachten „sehen“ und oder lesen,
    schon jetzt Dir und Deinen Lieben ein besinnliches Weihnachtsfest
    und schöne Feiertage verbunden

    mit den besten Grüßen aus und ins Nibelungenland
    Sigrid und Volker

    Gefällt 1 Person

    1. Ulf Runge sagt:

      Liebe Sigrid, lieber Volker,

      danke für die lieben Wünschen zu Weihnachten, die sehr gerne erwidere.

      Dem Vorschlag, den Artikel auch im Nibelungenland an entsprechender Stelle zu veröffentlichen, bin ich sehr gerne nachgekommen.

      Herzliche Grüße,
      Ulf

      Gefällt mir

  2. Er ist kein Tunesier. Er ist ein Krimineller, der zufälligerweise in Tunesien geboren wurde 😉
    (Dass ich aber immer noch einen draufsetzen muss. Schrecklich!)

    Gefällt 1 Person

    1. Ulf Runge sagt:

      Wenn jemand Schande über die Gruppe bringt, der sie oder er zugehörig ist, entlässt dies diese Person nicht aus ihrer Zugehörigkeit.

      Ich verstehe genau, was Du meinst.
      Wir dürfen nicht zulassen, dass jetzt Schubladen aufgemacht werden. Auf denen draufsteht: Kollektivschuld.

      Gefällt 1 Person

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