Blutdruck

Leben 1316 – Samstag 17.12.16

Blutdruck

Irgendwann hat mir der Arzt einmal gesagt, dass ich einen zu hohen Blutdruck habe und dass ich auf ihn aufpassen solle. Deshalb habe ich beschlossen, dem Hinweis meines Arztes Folge zu leisten und achte, so lange ich lebe, auf meinen Blutdruck. Zumindest tagsüber. Nachts bekommt er das wohl schon selber hin.

Ich vermute, dass mein Blutdruck ist wie ich. Mal geht es ihm besser, mal schlechter. Vielleicht stehen wir sogar unter Wechselwirkung. Wenn ich matt bin, will er auch nicht. Ist er „gut drauf“, sind meine Lebensgeister ziemlich aktiv.

Vermutlich passen wir gegenseitig auf uns auf.

Ich bin beim aufeinander Aufpassen ihm gegenüber im Vorteil. Ich habe mir vor Jahren ein Blutdruckmessgerät gekauft. Batteriegetrieben. Ich lege es um eine meiner Fesseln, drücke auf Start, und dann legt sich die Manschette immer enger um die schmalste Stelle meines Unterarms.

Irgendwann piept es. Dann ist das Messergebnis da.

Wenn es nicht piept, kann es sein, dass Manschette immer enger wird, weil das Gerät nicht aufhört weiterzuarbeiten. Man bekommt Angstgefühle, und kann das Gerät hoffentlich noch rechtzeitig ausschalten und ausziehen. Kommt nicht häufig vor. Aber doch schon mal. Fälle von Menschen, die das nicht überlebt haben, sind zumindest nicht in meine Öffentlichkeit gedrungen.

Also, irgendwann piept es.

Dann ist der Blutdruck da. Systolisch, diastolisch, und als Abfallprodukt auch noch der Puls.

Seitdem dem ich hundeauslaufbedingt gelernt habe, vor und während des Joggens ebenso wie hinterher in meinen Körper hineinzuhören, kalibriere ich meine Selbsteinschätzung gerne durch aktuelle Messergebnisse. Will sagen, eigentlich weiß ich, wie es mir geht. Und die Messung mache ich eher, um meine linke Gehirnhälfte zu beruhigen.

Nein. Heute piept es nicht. (Und ich frage mich gerade, ob es „piept“ oder „piepst“ heißen muss. Ich wechsle zu „piepst“. Obwohl ich das Wort im Nachfolgenden vermutlich nicht mehr brauche. Aber wenn, dann wird es „piepsen“. Wie komme ich bloß auf „piepen“?)

Statt kleiner oder großer Zahlen steht auf dem Display E. E wie Error. Das ist der Tribut eines Made-in-Germany-Gerätes an den internationalen Markt. (Als Language habe ich natürlich German ausgewählt.)

In der Zeit, als die Nutzung eines Betriebssystems noch vergleichbar war mit einem PC-Spiel, bei dem man hoffentlich noch ein zweites oder drittes Leben hat, in dieser Zeit habe ich von Windows gelernt, dass man der Technik noch einen zweiten oder weitere Versuche geben sollte.

Mache ich also auch mit diesem Gerät. Schalte aus. Schalte ein. Messe. E.

Nun möchte ich an dieser Stelle verraten, dass es bei der Benutzung von Blutdruckmessgeräten den vielfach unbekannten Links-Rechts-Trick gibt. Diese Geräte sind nämlich linksseitig und rechtsseitig benutzbar. Der Links-Rechts-Trick geht so: Ausschalten, auf die Set-Taste drücken, auf rechten Arm einstellen, ausschalten, einschalten, messen. (Und später vielleicht wieder auf links zurückstellen.)

Die diesem Trick zugrunde liegende Theorie besagt, dass ein Gerät, das immer linksschief gehalten wird, hierdurch und hiervon müde wird. Halte Du mal Deinen Kopf den ganzen Tag lang schief. Da bekommst Du auch Nackenschmerzen oder sonst was. Wirbelsäule. Oder wo es sonst weh tut.

Ich stelle also auf rechte Hand um. Messe an der rechten Hand. E.

(Ich würde an dieser Stelle gerne erinnern: Ich bin frisch aufgestanden. Bzw. war. Ich vermutete, dass ich einen niedrigen Blutdruck habe bzw. hatte, den ich gerne gemessen haben würde bzw. hätte. Weil, man will ja ein gutes Ergebnis haben und nicht ein schlechtes, damit der Arzt dann nicht eine medikamentöse Indikation hat. So heißt das vermutlich, wenn man Tabletten und sowas nehmen soll.)

Ich möchte an dieser Stelle nicht verschweigen, dass ich mittlerweile etwas genervt bin.

Es gibt da noch den Ulf-Trick, der auf der Linksschief-Theorie aufbaut. Ich schalte das Gerät aus, schüttele es kräftig, mehrmals. Vielleicht ist da etwas drin, was wieder ins Gleichgewicht kommen will. Das hat auch schon geholfen. Hilft auf jeden Fall, um erste aufkommende Aggressionen abzubauen.

Ich wende den Ulf-Trick an. Schüttle. Mehrmals. KRÄFTIG!!!

Ich schalte ein, messe mich wieder rechts (wir sind ja immer noch umgestellt) und lese. Sehe. Genau. E.

Das wichtigste beim Blutdruckmessen ist übrigens, dass man vorher keine Anstrengungen unternommen hat, möglichst auch nicht gerade gegessen hat. Und sich auch nicht aufgeregt hat. Einfach cool und relaxt ist. Das mal so nebenbei.

Vermutlich hat die Batterieleeranzeige nicht genügend Strom, um anzuzeigen, dass die Batterien leer sind. Ich hole frische. (Ja, ich verwende bei diesem Gerät keine wiederaufladbaren. Es ist doof, dass wenn irgendwie autobiographisch unterwegs ist, gleich ein schlechtes Gewissen hat, wenn man sowas schreibt. Manchmal wünschte ich mir, ich wäre eine Romanfigur. Die darf so was.)

Ich messe erneut. E. E. E. E. E.

Ich sage mir, dass ist vermutlich ein Geschenk des Universums an mich, damit ich ein weiteres Mal lerne, ruhig zu bleiben. Ich reg mich nicht auf. ICH DOCH NICHT!!!

Der Tag ist jung. Und ich lasse mir die Laune nicht vermiesen. NICHT VON SO EINEM GERÄT!!! SO EIN DOOFES, BLÖDES GERÄT!!! ICH NICHT!!!

Schnaufend sitze ich am Küchentisch. Den Gegenstand der Ärgernis vor mir.

Sage mir, wenn das Gerät jetzt funktionieren würde, dann wäre das Ergebnis jetzt vermutlich sowieso bei unbrauchbaren 188 130 90.

Was soll’s?

Ich wünsche dem Gerät und meiner Leserschaft einen schönen Tag. Bis wir uns hoffentlich morgen wieder eine Chance geben.

© Ulf Runge, 2016

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. maribey sagt:

    Herrlich! Ich wusste gar nicht, dass Geschichten über Blutdruckmessgeräte so köstlich sein können. Ich grüße lachend und mit einem gedanklichen Pieps die Nicht-Romanfigur Ulf, Marion

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    1. Ulf Runge sagt:

      Immer dann, wenn wir auf Technik stoßen, vom Menschen unausgegorene Erfindungen, die Gestalt angenommen haben, sehen wir unsere Unvollkommenheit darin gespiegelt. Und haben jede Menge Grund, amüsiert zu sein. Leider schaffen wir das nicht immer…
      Ich grüße zurück an die Schöpferin des Ein-Satz-Ein-Bild-Ganz-viele-Gedanken-Findesatz-Blogs Marion,
      Ulf

      Das isser: http://mbeyersreuber.wordpress.com/

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      1. maribey sagt:

        Viele deiner Worte malen Humorpunkte. Und daneben gibt es die ernsten, tiefen. Gute Mischung.
        Und Danke für diese überaus feine Beschreibung, die ein Hach-und-nochmals-lesen hervorrufen : )

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      2. Ulf Runge sagt:

        Danke für den feinen Begriff „Humorpunkte“.

        Und: jetzt weiß ich endlich, was die deutschsprachige Übersetzung von „da capo al fine“ ist: „Hach-und-nochmals…“

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  2. Du bist einfach tot, deswegen zeigt es nix an. 😀

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    1. Ulf Runge sagt:

      „Nach Diktat verreist“ wird also zukünftig ersetzt durch „Vor Messung verstorben“?

      Oder: „Ich messe nix, also bin ich nix?“

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    2. Ganz genau.
      Mal ohne Witz: Mein Vater schaffte ein regelmäßiges „E“ auf der Digitalwaage, weil er den Maximalwert überschritt. Hoffen wir, dass es bei dir nicht auch sowas ist…

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  3. Ulf Runge sagt:

    Richtig, einen E-Artikel über die Digitalwaage schreiben. Wobei, die zeigt kein „E“ an. Sondern immer nur falsche Werte…

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