Das Portemonnaie – oder EINS, ZWEI, VIELE

Leben 1311 – Sonntag, 3. Advent, 11.12.16

Das Portemonnaie – oder EINS, ZWEI, VIELE

 

Nicht ALLE feiern Advent,

aber wir ALLE brauchen Licht;

 

Für alle, die Licht brauchen

 

„Das macht dann“ – und schon an dieser Stelle komme ich ins Stocken, überlege wann ich das letzte Mal auf einem Weihnachtsmarkt gewesen war; was bitte kostet ein Glühwein? Drei fünfzig? Oder gar 5 Euro? Ich gehe ins Netz, suche, sehe dass ich mit meiner Schätzung im oberen Bereich liege, ich fange nochmal an: „Das macht dann drei fünfzig!“ Egon fasst sich an die Hose, sucht das Portemonnaie, fingert herum, findet es nicht, wo ist es, verloren? Gestohlen? Hinter ihm die Schlange wird unruhig, will auch bedient werden, allein seine Geldbörse sucht Egon vergebens. Der Bruno holt nun seine heraus, zahlt den Glühwein und fragt: „Wann hast Du sie denn das letzte Mal gehabt?“ Und ermahnt: „Such doch noch mal genau in allen Taschen!“

Das Portemonnaie bleibt unauffindbar, stattdessen findet sich ein kleiner Schokoladennikolaus in der Manteltasche. „Hast Du mir den da rein gesteckt?“ will der Egon wissen.

Beide schauen sich staunend an, der Bruno schüttelt den Kopf. Das sei er nicht gewesen. Fässt selber in seine Manteltasche, aus der nun auch ein Schokoladennikolaus mit unbekannter Herkunft hervorkommt.

Allein, das Portemonnaie bleibt verschwunden.

„Der alte Mann! Erinnerst Du Dich noch an den alten Mann, als wir aus dem Bus ausgestiegen sind? Der mit uns zusammengerempelt ist? Das ist doch der typische Trick der Taschendiebe, wenn die was klauen wollen. Durch Anrempeln ablenken und dann schnell zugreifen.“

Sie haben die gleiche Idee. Laufen zur Bushaltestelle. Dort steht in der Tat immer noch der alte Mann, dessen Augen zu leuchten beginnen, als der nächste Bus vorfährt. Die Türen öffnen sich, die Menschen strömen heraus, laufen zum Weihnachtsmarkt. Und möglichst viele davon rempelt der alte Mann an. Die Sache ist klar!

Den jetzt bloß nicht aus den Augen verlieren, denken sich Bruno und Egon!

Der Bus hat sich geleert, ist weitergefahren, die Menschentraube ist von dannen, und auf der Bank an der Haltestelle sitzt der alte Mann, lächelt vor sich hin, vermutlich war die Beute gut.

Bruno und Egon sprechen ihn an, fordern Egons Geldbörse heraus. Der alte Mann schaut überrascht, tut unschuldig. Da gibt es für Bruno und Egon kein Halten, sie überwältigen den alten Mann, durchsuchen seine Taschen.

Sofort werden sie fündig. Seine Taschen sind randvoll. Allerdings nicht mit Diebesgut. Stattdessen unzählige, VIELE Nikolausmänner in Plastiktüten und warten darauf, verteilt zu werden, heimlich in den Manteltaschen Unbekannter ihren Platz zu finden. Beschämt lassen sie den Alten wieder los, fragen ihn, was er hier mache. Licht in die Welt bringen! ist seine Antwort.

Das Portemonnaie findet der Egon zu Hause auf der Flurkommode, dort, wo er es liegen gelassen hatte.

© Ulf Runge, 2016

10 Kommentare Gib deinen ab

  1. Der Emil sagt:

    Das ist eine wirklich … ja, eine wunderbare Geschichte.

    Hach, die gefällt mir!

    Gefällt 1 Person

  2. Ulf Runge sagt:

    Das freut mich sehr, lieber Emil, dass sie Dir gefällt, die Geschichte. Und dass es auch hier so kommentierst. Danke.

    Gefällt mir

  3. Dieter sagt:

    Gefällt mir sehr gut, genau richtig um sich mal selbst ein paar Gedanken zu diesem aktuellen Rummel zu machen.
    Wünsche dir einen schönen 3. Adventabend
    VG Dieter

    Gefällt 1 Person

    1. Ulf Runge sagt:

      Dankeschön. Es ist so wichtig, das, was wir beobachten, nicht immer und sofort in die gleichen Schubladen zu tun; sondern zu hinterfragen, ob das, was wir wahrnehmen, auch einen ungewohnten Grund haben kann.

      Gefällt 1 Person

  4. Bäumchen sagt:

    Wunderschöne Geschichte, lieber Ulf. Sie bringt mich dazu, darüber nachzudenken, wie ich selbst in dieser Zeit ein kleines Licht in die Welt bringen kann. Sie von dir vorgelesen zu bekommen macht sie übrigens noch schöner.

    Gefällt 1 Person

  5. Ulf Runge sagt:

    Das ist schön, wenn diese Geschichte dazu anregt, selber Licht in die Welt zu tragen.
    Es macht in der Tat immer mehr Spaß, die Geschichten auch vorzulesen.

    Gefällt mir

  6. Hase sagt:

    Wir haben am Wochenende bei unserem Konzert „Stimmlichter“ ganz viele Lichter in die Kirche gestellt und eine schöne Geschichte erzählt, in die wir die Lieder eingebunden haben 🙂
    lichtvolle Grüße

    Gefällt 1 Person

    1. Ulf Runge sagt:

      Ich war in Gedanken bei Euch. Ihr bringt musikalisches Zauberlicht in die Welt. Lichtvolle Grüße zurück

      Gefällt 1 Person

  7. Hase sagt:

    danke, das ist sehr schön 🙂

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s