Schokoladenschnittiges

Leben 1309 – Freitag, 09.12.16

Schokoladenschnittiges

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Auf meinem Schulweg in die katholische Grundschule, in die ich im ersten Schuljahr ging, solange die evangelische Grundschule noch nicht gebaut gewesen war, ja, Du liest richtig, christliche separierte Grundschulen, so war unsere Gesellschaft vor über 50 Jahren aufgestellt, also, auf diesem Schulweg gab es einen Einzelhandelsladen namens Konsum, das war seinerzeit eine Ladenkette mit – wenn ich mich recht erinnere – genossenschaftlichem Hintergrund.

Am Eingang dieses Konsumladens hing eine Schokoladenwerbung, mit dem Namen einer vermutlich heute nicht mehr so bekannten Firma. Immer wenn ich ihren Namen las, kam ich ins Wortspielen, vielleicht ist diese Werbung sogar ursächlich mit daran beteiligt, dass ich mit Buchstaben und Wörtern schon als Kind Spaß hatte. Und da Männer ja bekanntlich nicht erwachsen werden, deshalb wohl heute auch noch. Spaß.

Es-Zet. So der Firmename. Mit den weltweit berüchtigten Es-Zet Schnitten.

Das war die Zeit, in der mir die Schreibweisen „sz“ oder „ss“ für das „ß“ geläufig wurde. Und dass man nicht nur „Eszet“ sagen kann, sondern auch „scharfes Es“. Niemand wäre auf die Idee gekommen, nach einem großgeschriebenen „ß“ zu verlangen. Vielleicht auch, weil die Computer noch nicht erfunden waren. Beziehungsweise in die Erfahrungswelt der Normalbürger eingedrungen waren. Womöglich gab es schon die BLOCKBUCHSTABENSCHRIFT für Formulare, aber da wurde ja immer darauf hingewiesen, man solle „SS“ schreiben. Und ein Wort, das mit „ß“ anfängt? Vermutlich undenkbar. In damaliger Zeit war noch sehr viel undenkbar. Es galt, den Wohlstandsstaat aufzubauen und den kalten Krieg nicht eskalieren zu lassen. Da brauchte niemand ein großes „ß“.

Im Schwabenland habe ich dann noch die nette Bezeichnung „Dreierles-Es“ kennengelernt. Mit Sicherheit braucht man da mehr Zeit für, um diesen lieblichen Begriff auszusprechen, aber er ist allemal „süßer“ als das nach Preußendeutschland klingende „Es-Zetttttt!“, bei dem man eigentlich schon ein hintergesprochenes „Jawoll! Ja!“ raushören mag.

Bei einem Pharmagroßhandel habe ich dann gestaunt, dass ein IBM-Poster an der Wand, das die Entwicklung der Datenverarbeitung, so hieß IT seinerzeit, dargestellt hat, beginnend beim Abakus über die Herren Pascal und Zuse bis hin zu den IBM Großrechnern der 360er-Serie, dass also dieses Plakat handschriftliche Annotationen hatte. Mein Nachfragen ergab, dass der EDV-Leiter dieser Firma höchstpersönlich in die Reihe der großen Informatiker aufgenommen worden war, und zwar – ich zitiere wörtlich – als „Erfinder der kleinen Ziffern“! Vermutlich war es ihm gelungen, die allseits bekannte schwäbische Sparsamkeit in die platzarme Speicherung von Ziffern zu übertragen, woraus dann wohl die Erfindung der kleinen Ziffern wurde.

Warum erzähle ich das alles?

Gestern nun wurde bekannt gegeben, dass – nachdem die letzte große Rechtschreibreform viele „ß“-Schreibweisen dem Altar der inkonsequenten Sprachvereinfachung geopfert hatte – jetzt endlich einem dringenden Bedürfnis der Deutschen entsprochen werden soll: Die Einführung des großgeschriebenen „ß“. Man sei noch dabei, das genaue Aussehen dieses Buchstabens festzulegen, aber dass diese Erweiterung der Schriftsprache kommen wird, ist sicher wie weiß ich auch nicht.

Und dass das Thema sogar uralt ist, zeigt dieser Artikel: http://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fes_%C3%9F

Endlich werden Dinge angepackt und von unseren Steuergeldern finanziert, auf die wir nicht länger warten wollen.

Ich vermute mal, dass hinter diesem Projekt ein cleverer Schachzug der Computertastaturenhersteller liegt. Weil, wenn das große „ß“ auf der gleichen Taste liegt wie das kleine, dann muss das Fragezeichen wandern. Und dann ist die Frage, wohin?! Neue Keyboards braucht das Land!!!

Schließt sich der Kreis: Brauchen wir nicht auch kleine Sonderzeichen? Für kleine, unbedeutende Fragen wie diese hier das kleine Fragezeichen? Für nicht so ernst gemeinte Aufforderungen bzw. Wünsche, die man nicht durchsetzen kann („Die Ente bleibt draußen!“) das kleine Ausrufezeichen!

Ich bin dafür, dass wir jetzt auch Wörter suchen und finden, die mit „ß“ anfangen, damit der neue Buchstabe möglichst viel Verwendung findet. Diese Situationen fallen mir spontan ein:

„Was ist das für ein Hund?“ „Das ist ein Irish ßetter.“

Vor Wut warf sie die Vase durch das Fenster. Er: „Mach jetzt bitte keine ßene!“

Oder sollte das alles nur ein Werbegag einer Schokoladenfirma sein? Die diese leckeren Schnitten herstellt? ßschnitten?!

© Ulf Runge, 2016

Mehr zu Eszet hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Eszet

Hinweis: Ich suche noch nach einer Idee, einen ähnlichen Artikel über Milka oder Ritter Sport zu schreiben. Bis mir nichts weiteres einfällt, bleibt dies der erste und einzige Artikel meiner Schokotriologie.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Wohl eher 60 statt 50 Jahre her *Ulf aufzieh*
    Eszet-Schnitten hab ich als Kind geliebt! Doppelt mit Butter auf’s Brot gedrückt und dann schön waagerecht halten, damit nix runterpurzelt, mhhh.
    Lies doch mal, wie es zum Namen „Ritter Sport“ kam, dann fällt dir vielleicht was neues ein 😉

    Gefällt 1 Person

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