Postfaktisch

Leben 1310 – Freitag, 09.12.16

Postfaktisch

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Da isses also. Das (Un?)Wort des Jahres. „Postfaktisch“ heißt es. Ist mir dieses Jahr nicht wirklich begegnet. Stattdessen das Wort des vergangenen Jahres: „Flüchtling“. Wobei ich da lieber Geflüchtete sage. „ling“ klingt für mich so abwertend. Lehrling. Engerling. Was auch immer.

„Postfaktisch“ gibt es immerhin bei Wiktionary und ist also eine (Fehl?-)Übersetzung aus dem Englischen. Abgeleitet aus „post-truth“. Die Wahrheit lieber ignorieren und sich ein anderes Weltbild verschaffen wollen.

Nun haben wir sowieso alle unsere eigene Wahrheit.

Wenn jemand nicht mehr lebt, ist er dann tot? Oder lebt er in unseren Herzen weiter? Und die Seele? Sowieso!

Wenn jemand nicht mehr kommuniziert? Ist das dann keine Kommunikation? Oder eher vielsagend?

Bei Entscheidungen folgen wir sowieso immer unserem Gefühl und lassen dann den Kopf sehr aufwändig begründen, warum es keine Alternative geben kann. Das verstehe ich nicht unter postfaktisch.

Postfaktisch ist eher, uns unsere eigenen Wahrheitsschutzburgen zu bauen und darin zu verkriechen. Sie als Wahrheit kommunizieren. Ich glaube, die Welt wird nicht schöner dadurch, dass wir sie uns schön „reden“, dem Postfaktischen Macht über uns geben und andere entsprechend beeinflussen, sondern offen sind für die unangenehmen „Wahrheiten“ anderer.

Grübel.

Hoffentlich war das jetzt nicht postfaktisch…

© Ulf Runge, 2016

10 Kommentare Gib deinen ab

  1. Jules sagt:

    Eine Wahrheitsschutzburg zu bauen kann nicht richtig sein….. nicht heute…

    Ein absolutes Unwort…… leider….

    Wir müssen der Wahrheit ins Gesicht sehen und handeln! Erst recht, wenn die Fakten unliebsam sind!

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    1. Ulf Runge sagt:

      Es gibt in der Tat Unstrittiges, was nicht „schön geredet“ werden darf.
      Und es ist natürlich jeder und jedem überlassen, sich seine eigene Meinung hierzu zu bilden.

      Und dann, das ist aber hier außen vor, gibt es sicherlich noch all die vielen Dinge, die wir nicht wissen, weil wir keine Antennen dafür haben. Oder nicht zulassen, dass wir sie wahrnehmen könnten. Das sind Wahrheiten ganz anderer Natur, bei denen wir immer wieder abwägen müssen, wie sehr wie sie in unser Leben hineinlassen.

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  2. Ich frage mich, ob die Zeit des Mittelalters, in der man wissenschaftlich noch nicht besonders weit war und alles mit bösen Hexenmächten oder Religion erklärte, dann „prä-faktisch“ war?

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    1. Ulf Runge sagt:

      Präfaktisch scheint hinsichtlich seiner Bedeutung noch nicht vergeben zu sein.
      Wobei ich präfaktisch eher bei der Beeinflussung von Taten durch vorhergende Gedanken sehen würde.
      Ich denke, also bin ich. Oder „Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden….. Taten.“

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  3. Lieber Herr Runge!
    Sehr seltsam. Ich höre postfaktisch dieses Jahr zum ersten Mal. Zugegeben ich sehe wenig fern, aber ich lese die Tageszeitung und stöbere im Internet. Selbst da ist mir dieses Wörtchen nie vor die Augen oder in die Gehörgänge gekommen. Oder hat das gar nichts mit der Häufigkeit des Gebrauchs zu tun, dass dies nun das Wort des Jahres ist? … grübel … 🙂
    Herzliche Grüße
    Mallybeau

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    1. Ulf Runge sagt:

      Ich glaube, sehr vielen Menschen, auch den politisch interessierten, ist es so gegangen, dass sie sich verwundert die Augen reiben. Und fragen, ob der „Wort des Jahres“ dazu dient, einen typischen Begriff für dieses Jahr zu würdigen oder „aus erzieherischen Gründen“ vielleicht noch einen Begriff unter die Menschheit zu bringen.
      Herzliche Grüße vom Hölderlinland ins Hölderlinland

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  4. nihaojulia sagt:

    Ich habe das Wort noch nie gehört…

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    1. Ulf Runge sagt:

      Aber jetzt zumindest gelesen… 😉

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  5. Der Emil sagt:

    Engerling war übrigens eine sehr, sehr geile Band der DDR (Hörtip für Blueser).

    Und bitte: „ling“ und neuerdings „ant“ sollen abwertend klingen? Ja wie denn: Wird die gesamte Deutsche Sprache jetzt zum Instrument der Abwertung u.a. dümmlicher Hirnfratzenauswüchse gemacht? Nein, damit bist ausdrücklich nicht Du persönlich angesprochen!

    Und selbst das, was da als „postfaktisch“ bezeichnet wird, ist meist nichts anderes als „Kontrafaktisch“ oder „nonfaktisch“ …

    Herr Geheimrat würde sich sehr indigniert umsehen ob unseres Sprachgebrauches.

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  6. Ulf Runge sagt:

    Dann werde ich mal nach Engerling suchen; bin gespannt.

    Ich finde „ling“ schon etwas abwertend. Und akzeptiere, dass Du es anders siehst.
    Wann immer ich (und damit meine ich wirklich nur mich) das Gefühl habe, dass ein Ausdruck nicht (für mich) wertschätzend genug ist, wähle ich lieber einen anderen, der mich besser gefällt, auch wenn er nicht „mainstream“ (Hallo Anglizismenfans!) sein mag…

    Egal was der Geheimrat denken würde; ich glaube, es ist schon mal gut, dass wir überhaupt intensiv darüber nachdenken, wie wir unsere Sprache angemessen einsetzen.

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