Einfach da – oder: Nicht vergessen

Leben 1285 – Dienstag, 06.09.16

Einfach da – oder: Nicht vergessen

 

Es galt, einen sperrigen und schweren Gegenstand vom Innenhof der Unterkunft in den Außenbereich zu tragen, damit er von der Sperrmüllabfuhr abgeholt werden könnte.

Ich würde bestimmt ein paar kräftige Männer finden, die mir spontan beim Tragen helfen, da war ich mir sicher.

Als ich den Innenhof betrat, sah ich zwei junge Männer, wie sie einen Tisch durch die Gegend trugen. Die hatten sich sofort bei mir qualifiziert. Wussten es aber noch nicht.

Dann sah ich noch einen etwas älteren Herrn, der auf einer Bank saß und mich freundlich ansah. Ich sprach ihn an, auf Deutsch, in meinem Sprachtempo, ich bräuchte Hilfe beim Tragen. Ich war bereit, das nochmal langsam zu wiederholen. Was aber nicht nötig war. Er antwortete: „Die verstehen nicht alles. Moment bitte!“ Er erhob sich, ging zu anderen, bedeutete ihnen, uns beiden zu helfen, was dann ohne Zögern passierte.

Wir trugen den Gegenstand nach draußen, während ich damit zu tun hatte, das soeben Erlebte einzuordnen. Verdammt gutes Deutsch, was ich da eben gehört habe.

Ich bedankte mich bei allen. Wollte schon gehen.

Kam noch einmal mit dem „älteren“ Herrn, um einiges jünger als ich, ins Gespräch. Nein, nein, das sei ein Missverständnis, er wohne nicht hier, sondern in der Nachbarschaft. Nein, er habe auch keine offizielle Aufgabe, er sei nicht im Team der Ehrenamtlichen und er sei auch kein Pate. Er sei einfach da. Immer wieder. Unterhalte sich mit den Geflüchteten.

Das gefiel mir schon einmal sehr, sehr gut. Doch dabei blieb es nicht.

Es sei vor 20 Jahren auch hierher geflohen. Aus dem ehemaligen Jugoslawien. Als dort Krieg geherrscht habe. Er habe nicht vergessen, wie es ihm damals gegangen sei. Er habe sehr viel Hilfe bekommen und sich auch mächtig anstrengen müssen, gerade mit der deutschen Sprache. Die habe er am schnellsten gelernt, indem er in einem Betrieb einfach während der Arbeit in der fremden Sprache sprechen musste. Einen Kurs habe er damals nicht bekommen. Aber die Chance, ganz schnell arbeiten zu dürfen.

Berührt verabschiede ich mich von ihm. Es wäre gut, wenn wir alle nicht vergessen, woher wir kommen, was mit uns passiert ist und wie es uns ginge, wenn das Leben ein bisschen weniger günstig verlaufen wäre.

Und wenn wir nicht vergessen, was uns möglichst nie wieder in Deutschland passieren sollte.

© Ulf Runge, 2016

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