(K)eine Sternstunde oder: Der Elevator Pitch

Leben 1281 – Montag, 29.08.16

(K)eine Sternstunde oder: Der Elevator Pitch

 

Was wir uns für heute vorgenommen hatten, war bald erledigt. Die Hausaufgaben durchgesprochen, offene Fragen geklärt und noch einmal systematisch entwickelt, wie man in der deutschen Sprache Sätze bildet.

Wir stöberten ein bisschen in den Unterlagen der vergangenen Monate. Uns fiel ein „Lebenslauf“ in die Hände, wie er vor einem Jahr mit bedeutend geringeren Sprachkenntnissen entstanden war.

Da hatte ich eine Sternstunde, dachte ich zumindest. Wir sprechen uns gegenseitig unseren Lebenslauf vor. Vom Anspruch her noch ganz weit weg vom Elevator Pitch, eher inhaltlich eine knappe Vorstellung der eigenen Person.

Nein, es wurde keine Deutsch-Sternstunde. Eher ein kleines Stück Ewigkeit der Demut und Besinnlichkeit.

Wir beginnen damit, dass wir uns gegenseitig den Namen sagen. Buchstabieren ihn sicherheitshalber, reden von unserem Geburtsdatum und wo wir unsere Kindheit verbracht haben.

Und auf einmal sind wir in einem völlig anderen Gespräch. Ich erfahre von der Beschwerlichkeit eines täglichen Schulwegs von mehr als 10 Kilometern, einfache Richtung, der ohne Bahn oder Bus zu Fuß zurückzulegen ist.

Höhere Schule. Wir sind inzwischen bei 50 km einfach, jetzt nur noch einmal die Woche, montags hin, am Wochenende zurück. Aber immer noch alles zu Fuß (!).

Höhere Schule. Kann er irgendwann nicht mehr fortsetzen, weil er für die Versorgung und Betreuung der Geschwister in die Pflicht genommen wird.

Ich werde immer stiller, als ich über den Grund der Flucht höre, über die lebensgefährliche und beschwerliche Flucht durch riesige Länder und unwirtliche Wüsten. Gegenden, die nicht mit sengender Hitze das eigene Leben auszulöschen drohen, und Sandstürme feil halten, die einem Sicht und Orientierung rauben.

Eine bessere Lehrstunde hätte ich nicht haben können.

Dass wir achtsam sein müssen im Umgang mit unseren Werten und Freiheiten. Auf dass nicht eines Tages wir diejenigen sind, die Grund zur Flucht haben.

Dass es uns gut zu Gesicht steht, auf die uns fremden Menschen offen, hilfsbereit und wertschätzend zuzugehen. Statt uns abzugrenzen, Gemeinsinn zu zeigen.

Und den Elevator Pitch üben wir ein anderes Mal.

© Ulf Runge, 2016

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