Unbar, aber wahr

Leben 1278 – Donnerstag, 18.08.16

Unbar, aber wahr

Wir lernen Deutsch. In diesem Fall bedeutet das, dass ich einen jungen Mann, der aus einem fernen Land zu uns gekommen ist,  dabei begleite, in seinem nun zweiten Ausbildungsjahr so gute Deutschkenntnisse zu entwickeln, dass er im Laufe der kommenden Monate ein richtig gutes Berichtsheft erarbeitet und dann auch die Prüfungen vor der IHK sicher besteht.

Er kann schon richtig gut Deutsch, wobei ich mich nicht auf ein Sprachniveau festlegen möchte. Das ist für diese Begebenheit unerheblich.

Da ich ihn erst sehr kurz kenne, habe ich mir gedacht, wir schauen mal ganz tief an der Basis, ob es da etwas zu tun gibt. Ich lasse ihn das Alphabet lesen. Das macht er richtig gut. Einige wenige Buchstaben kommen mehr Englisch als Deutsch raus, aber so, dass vermutlich alle ihn verstehen würden.

X und Y sind nicht so sein Ding, aber das wird schon.

Ich hole zur Intensivierung des Buchstabenthemas ein Arbeitsblatt heraus, das Doppellaute enthält.

Wir fangen mit „ei“ an. Die Aussprache ist ihm nicht geläufig, ein Wortbeispiel fällt ihm nicht ein. Ich erzähle ihm etwas über Hühner, male ein ovales Etwas auf das Papier und sage „Ei“. Erkläre ihm, dass das Ei im Laden ein Produkt der Hühner ist.

„ie“ klappt prima.

Nun kommt „au“, das er etwas ratlos anschaut. Ich tue so, als würde ich mich schlagen und dabei die Miene verziehen. Sage „Au“. Er tut es mir gleich, mimt, als würde er sich ebenfalls schlagen und schaut mich mit schmerzverzerrtem Gesicht an, aus dessen Mund das soeben gelernte „au“ entfleucht.

Jetzt zum „eu“, dass er auch erst einmal nicht zu kennen schein.

Ich male ein rundes Etwas auf das Papier. Einen Ring. Um diesen einen größeren Ring. Schreibe die Zahl 1 in den kleinen Ring.

Ich zeige auf mein Kunstwerk und frage ihn, womit man denn so in Deutschland zahlt.

Ohne Zögern kommt die Antwort: „Mit Karte!“

Als ich ihm kurz darauf erkläre, dass die Musterlösung „Euro“ gewesen wäre, versteht er mein (eigentlich unpädagogisches) Lachen und stimmt freudig mit ein.

P.S.:

Die Arbeit mit unseren neuen Mitbürgern ist bereichernd. Wenn Dich Kinderaugen anlächeln, die vor noch nicht langer Zeit in ihrem jungen Leben bereits Angst und Terror des Krieges kennengelernt haben, wenn Du siehst, dass Zuwendung mit dem Herzen und die Weitergabe von Sprache und von Wissen diese Menschen bei uns in Arbeit und Lohn bringen kann, dann bist Du mehr als belohnt für das Opfern von Zeit und das Einlassen auf die Andersartigkeit anderer.

Wir können gar nicht genug sein. Ich würde mich freuen, wenn Du einfach mal in Deiner Nachbarschaft oder Gemeinde nachfragst, ob es da nicht etwas gibt, was Du auch einbringen kannst.

© Ulf Runge, 2016

6 thoughts on “Unbar, aber wahr

  1. Einen schönen Guten Abend lieber Ulf,

    ein schönes Motto: „Wenn jeder etwas tut, ist allen geholfen!“

    und noch besser, Du und Deine Kolleg(inn)en, lassen es nicht nur beim Motto,
    sondern setzen es auch um.

    Ich denke, dieser Beitrag hat es wirklich verdient, möglich viele Leser zu erreichen.
    Daher würde ich mich freuen, wenn Du diesen auch im Nibelungenland veröffentlichen
    würdest.

    Noch einen schönen Abend
    und sagenhafte Grüße

    Volker (Kunz)

    Gefällt 1 Person

  2. Ja, die lächelnden Kinderaugen der Flüchtlinge auch bei uns im Ort sind sehr berührend
    Ich unterstütze als Leselernhelferin einen syrischen Jungen, der in der ersten Klasse ist und schon
    so schön lesen und sprechen kann… Es kommt soviel zurück, wenn man etwas gibt…
    Die Flüchtlinge grüßen mich alle sehr freundlich, wenn ich mit dem Fahrrad fahre und jemanden sehe…
    Und in meinem Elternhaus lebt eine syrische Familie, die Jugendlichen sind sehr ehrgeizig und haben schon einige Prüfungen in Deutschkursen bestanden…. Unsere Kirchengemeinde engagiert sich sehr für die 102 Personen, die bei uns im Ort leben…

    schön, lieber Ulf, dass auch du hilfst und mit uns teilst

    Gefällt 1 Person

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