Anders gelaufen

Leben 1271 – Freitag, 29.07.16

Anders gelaufen

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Ich wollte eigentlich nicht hier laufen. Sondern lieber da, wo ich sonst immer unterwegs bin. Wo ich meine Ruhe habe.

Aufgrund von getätigten Erledigungen war ich nun sowieso schon hier in der Gegend und verzichtete darauf, dorthin zu fahren, wo ich (fast) immer laufe.

Mein Hund dankte es mir, weil er gerne auch mal andere Gerüche schnüffelt als die, die auf unserer Hausstrecke üblich sind.

Wenig los hier heute, denke ich mir. Nur eine ältere Frau schiebt einen Buggy durch die Gegend. Als sie vorbei ist, starten wir unseren Spaziergang.

Mein Hund schnüffelt, was das Zeugs hält, ich lasse meine Seele baumeln und erfreue mich an der Landschaft, an der Natur und dem Spiel der Wolken.

Am Ende unseres Rundwegs treffen wir erneut auf die Buggy-Dame. Sie fragt nach dem Alter meines Begleiters, das ich sie zunächst einmal raten lasse. Aufgrund seiner grauen Gesichtshaare vermutet sie vorsichtig zehn bis zwölf. Als ich sechzehn sage, verklärt sich ihr Gesichtsausdruck noch mehr und sie bemerkt, dass ihr Hund achtzehn geworden sei.

Wir sprechen über die Schwermut beim Abschiednehmen von einem so alten Familienmitglied und darüber, dass jeder gemeinsame Tag irgendwie ein Geschenk ist.

Wir laufen keine 100 Meter miteinander. In dieser Zeit erfahre ich von ihrem früher ausgeübten Beruf. Und dass sie es seit der Verrentung genießt, endlich das tun zu dürfen, was ihr Spaß macht. Dass sie Freude daran hat, als Schneiderin für die weitläufige Familie arbeiten zu dürfen. Sie zeigt auf ihre Bluse und ihre Hose. In der Tat sehr chic, unauffällig elegant.

Während sie mir all das erzählt, bemerke ich so nebenbei, dass ihr Buggy leer ist. Da ist gar kein Enkelchen oder was auch immer drin. Sie verwendet das Teil als Rentner-Ferrari, wie ein ehemaliger, spitzzüngiger Kollege diesen Gegenstand seinerzeit mal benannt hat. Gleichgewicht auf Rädern sozusagen.

In den vergangenen fünf Minuten habe ich einen zufriedenen alten Menschen kennengelernt. Sie hat mir berichtet, dass sie in einem geborgenen sozialen Umfeld lebt und dass sie eine zufriedenstellende Aufgabe hat. Ich habe wahrgenommen, dass sie sich in Bewegung hält  und dass sie ein dankbarer Mensch ist.

Gesund ernährt sie sich vermutlich auch noch.

Habe ich eben „alten Menschen“ geschrieben? Die Dame ist 78 Jahre. Jung.

Gut, dass ich heute mal einen anderen Weg gegangen bin.

© Ulf Runge, 2016

4 thoughts on “Anders gelaufen

  1. ich mag solche Geschichten, die von Leben sprühen
    oft habe ich auch Erlebnisse, die ich vorher nicht ahne,
    wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin und manchmal noch nicht weiß, wo mich der Weg hinführt…. Dankbar bin ich für alle Begegnungen und Gespräche. Oft sind es gerade die Fremden, die mich am meisten berühren mit ihren Geschichten…
    Wir haben eine 77 jährige Chorsängerin, die so dankbar und positiv ist, sie hat uns alle vor zwei Wochen auf einen Schiffausflug bis zur Loreley eingeladen, ich habe ihr von meinen Fotos ein Fotobuch geschenkt, sie sprühte nur so vor Dankbarkeit. Sie hatte alle Freunde, Nachbarn , Chor, Malgruppe und Verwandte, auch Nachbarn eingeladen,
    Es wurde ein VOLLER Erfolg
    als Kind war sie in einem Internat und fuhr die Strecke oft mit dem Zug nach Hause….
    sie ist diesen Weg noch einmal gegangen, auch wenn es mit dem Schiff war 70 Jahre später
    liebe Grüße,
    Erika

    Gefällt 2 Personen

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