Und sie dreht sich doch noch

Leben 1260 – Sonntag, 19.06.16

Und sie dreht sich doch noch

 

Jüngst kam in mir eine Erinnerung hoch an meine Jugendzeit. Es geht um Musik. Musik in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, das waren Vinylschallplatten. Die kleinen mit 45 UpM als Single oder EP, die großen mit 33 1/3 UpM. UpM sind Umdrehungen pro Minute.

Auf einer Single waren immer zwei „Lieder“ drauf. Eines auf der A-Seite, das andere auf der B-Seite. Manchmal landete auch die B-Seite in der Beliebtheit vor der A-Seite. Wobei, physikalisch betrachtet war es die gleiche Platte, ich habe keine Idee, wie man herausgefunden hat, ob die Leute nun die A-Seite oder die B-Seite gewählt hatten. Vermutlich ging das nur über das Voting, das damals noch nicht so hieß, zumindest nicht in Deutschland. Da hat man Hitparaden-Postkarten gezählt, vielleicht bisweilen auch schon Anrufe.

Auf einer EP, „ihhh“ „piii“ gesprochen, ich gugel das mal nicht, vermutlich steht es für Extended Platte, nein natürlich nicht, „P“ steht auf jeden Fall für „Play“, weil ich definitiv weiß, dass „LP“ für „Long Play“ steht. Fange nochmal an. Auf einer EP waren auf der A-Seite zwei Titel und auf der B-Seite ebenfalls zwei Titel. Die erste EP, die ich in der Hand hielt, war von den Beatles.

Und dann die LPs. Groß, unhandlich, kostbar. Bloß nicht mit der Hand drauffassen. Nicht auf den Boden fallen lassen. Nicht draufsetzen und all sowas.

Schallplatten waren schwarz.

Eines Tages hielt ich eine Sensation in der Hand. Eine LP mit diversen Interpreten, einen Sampler. Die Musik war klasse, am meisten hat mich aber beeindruckt, dass das Material bunt war. Weiß mit farbigen Schlieren. Als hätte ein Marmorkuchenbäcker die bunte Farbe vorsichtig unter die weiße Farbe gemischt. Und es sah einfach cool aus, dieses bunte Dingens auf dem Plattenteller rotieren zu sehen.

Warum ich das alles erzähle? Weiß ich nicht wirklich. Möglicherweise damit die eigentliche „Story“ weiter unten besser in ihrem Kontext wahrgenommen werden kann.

Wie vermutlich die meisten Menschen war (und bin) ich überzeugt von meinem guten Musikgeschmack. Deshalb will ich hier auch gar nicht über ihn schreiben.

Bemerkt werden soll stattdessen, dass ich mich schon mal – trotz sehr beschränkter Taschengeldkasse und minimalem Schülernebenverdienst bei Cornelius Stüssgen, zunächst als Auffüller an der Konserven- und Seifentheke, später dann nach 5-Finger-Blindtipp-Prüfung als Kassierer – dazu herleiten ließ, „andere“ Musik zu kaufen. Avantgardistische. Ein bisschen Studentenrevolte mit einer Prise LSD-Feeling.

Dazu sollte man wissen, dass es die Zeit der 68er-Bewegung war. Junge Leute waren links. Schnitten die Zöpfe von 1000 Jahren, die sich unter den Talaren befanden, mit der Schere ab. Manchmal geschah es in der Phantasie, bisweilen machte es schnipp und schnapp und irgendwas war ab.

In den Metropolen des Landes gründeten sich Politkommunen, junge Menschen, die in Wohngemeinschaften nicht nur das gemeinsame Geschirrabwaschen ausprobieren wollten, sondern auch mal gucken, wieviel Spaß Promiskuität und spärliche Bekleidung denn so mit sich bringen. Lange Bärte, ungewaschene Typen, nackte Schönheiten, das war das Bild, das die Medien der prüden Gesellschaft von diesen Kommunen vermittelten.

Wegbegleiter dieses Lebensgefühls war u.a. Amon Düül mit avantgardistischer „Musik“. Auf Schallplatten. (Endlich ist ein Handlungsstrang bei diesem Blogbeitrag vermutbar.)

Dann gab es noch Amon Düül 2. Die seien laut Wikipedia musikalischer gewesen.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich heute nicht mehr weiß, von welcher dieser beiden Gruppen denn das Album war, das ich seinerzeit erworben hatte. Ich würde das heute vermutlich nicht mehr als Musik bezeichnen. Eher als Klanggemälde. Mit einem erkennbaren Bezug zur Kakophonie.

Für das weitere Verständnis kann es hilfreich sein, die nächsten beiden Sätze nicht zu überspringen.

Im Gegensatz zur CD oder DVD mit ganz vielen kreisförmigen Spuren hat eine herkömmliche Schallplatte genau zwei Spuren. Eine auf der A-Seite. Und eine auf der anderen.

Wenn das Ende der Spur erreicht ist, bleibt der Tonabnehmer, der in der Spur fährt und die Berge und Täler auf der Vinyloberfläche in Hörbares umwandelt, einfach stehen. Spurende erreicht, also Stoppen.

Nicht so bei dieser Amon Düül (2?) LP.

Am Ende der Spur landet der Tonabnehmer in einer Kreisspur, aus der er nicht mehr herauskommt. Das Drehen der Platte findet kein Ende.

Hiermit ist die Beschreibung des von mir geschildert werden sollenden Sachverhaltes abgeschlossen. Eigentlich.

Wen es interessiert, was denn da zu hören war in dieser Endlosschleife, die oder der möge einfach hier hineinhören:

© Ulf Runge, 2016

2 thoughts on “Und sie dreht sich doch noch

  1. Sehr schön, lieber Ulf. Habe die Woche gerade an einem Training teilgenommen, in dem es ebenfalls um die gute, alte Schallplatte ging. Um Ton-Spuren einzelner Lieder/Leben/Handlungen. Die Endlosschleife hätte ergänzend noch hervorragend zum Thema gepasst. 🙂

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