Alfred ist angekommen

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Leben 1240 – Freitag, 29.04.16

Alfred ist angekommen

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Die Stadt Weinheim hatte eingeladen. Um über die ehrenamtliche Arbeit mit Flüchtlingen zu berichten und fürs Mitmachen zu werben.

Ein beeindruckender, teilweise ergreifender Abend.

Unterschiedliche Musik-Ensembles gaben dem Abend eine fröhliche und zugleich bewegende Stimmung. One World Jam mit vorwiegend afrikanischen Mitgliedern sowie die Refugee Band als „Melting Pot“ von Zu-uns-Gekommenen und Einheimischen demonstrierten sozusagen intravenös, welche bereichernden Impulse wir von anderen Kulturen empfangen können.

Ich werde hier jetzt nicht den Abend nacherzählen. Ich werde auf das verkürzen, was mich besonders berührt hat.

Das ist vor allem das Schicksal von drei Zu-uns-Gekommenen, die es „geschafft“ haben, bei uns „richtig anzukommen“.

Alle drei sind noch keine 10 Monate in Deutschland. Alle drei haben die bisherige Zeit genutzt, Deutsch zu lernen. (Nicht alle bekommen diese Chance. Nicht alle, die diese Chance bekommen, nutzen sie. Diese drei haben ihre Chance ergriffen.) Und nun kommen sie in Beschäftigung bzw. sind kurz davor.

Irgendwie angenehm überraschend war, dass zwei von ihnen sich von ihren Paten vertreten lassen mussten: wegen „beruflicher Verpflichtungen“! Hoppla.

Bleibt noch der dritte, der seine deutschsprachige Vorstellung selber vorliest. Nun hat er einen nicht so einfachen Namen. Also beschließt er vor einiger Zeit, sich den Namen „Alfred“ zuzulegen. Da kann man nicht anders, als freudig mitzulächeln.

„Alfred“ spricht mittlerweile vier Sprachen. Englisch und Französisch hatte er mitgebracht. Deutsch und insbesondere Woinemerisch (so spricht man in Weinheim) lernt er jeden Tag ein wenig mehr. „Horsche mal“ (hör mal) und „alla dann“ (auf Wiedersehen) spricht er ohne jeden hochdeutschen Akzent!

Das sind drei wirklich gute Geschichten. Nicht alle Schicksale der Neu-zu-uns-Gekommenen verlaufen so. Eine wesentliche Voraussetzung, damit es solche Erfolgsstorys geben kann ist, ist das ehrenamtliche Engagement von Menschen mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten und auch zeitlichen Möglichkeiten.

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Da ich selber Sprachvermittler bin, erspare ich mir hier jegliches Eigenlob. Rufe statt dessen alle auf, die Sprache lieben und etwas Zeit abzwacken können, sich darauf einzulassen, wunderbare Erfahrungen mit dankbaren Noch-Fremden zu machen. Das, was man gibt, kommt auf andere Art vielfältig und bereichernd zu einem selber zurück.

Jetzt weiter im Text. Dass es also derartige Erfolgsstorys gibt, führe ich neben der Sprache auf zwei wesentliche ehrenamtliche Rollen zurück: Die Koordinatoren von Unterkünften, die sich ganzheitlich und aufopfernd um alle Themen der erstuntergebrachten Menschen kümmern. Und die Paten, die unseren neuen Mitbürgern die Türen öffnen in ihre eigene Privatsphäre. Mit ihnen zu Behörden, zum Einkaufen oder ins Konzert gehen. Ihnen wertschätzend immer wieder „Willkommen“ sagen!

(Und dann gibt noch all die anderen Helfer, die ich heute unerwähnt lasse, egal ob sie sich um Kinderbetreuung, Fahrdienste, Eine-Welt-Cafés, Kleidung, Spenden, Fahräder was auch immer kümmern.)

Die Worte des Arbeitgebers sowie des Paten fand ich bemerkenswert und hilfreich:

Ein Arbeitgeber hat nicht die Zeit, sich um Bürokratie zu kümmern. Dies ist eine Aufgabe, in die sich Ehrenamtliche z.B. als Paten einbringen können. Das schafft befriedigende Ergebnisse. Für den Neubürger. Für den Arbeitgeber. Für den Paten. Und, deshalb schreibe ich das jetzt: Für unsere Wirtschaft, unsere Solidargemeinschaft, unsere Gesellschaft, unsere Kultur, unsere Werte.

Schließen möchte ich mit den Worten des Arbeitgebers, das ich nicht nur auf die Selbständigen münzen möchte, sondern auch auf alle, die wir als Privatmenschen unterwegs sind: „Schließlich sind wir Unternehmer, nicht Unterlasser!“

Vielleicht machst Du es wie ich. Frage Bekannte, ob sie schon unterwegs sind. Frage die Organisationen, die bei Dir positiv besetzt sind. Rotes Kreuz, Kirche, politische Parteien, oder in Deinem Sportverein. Du wirst staunen, wer schon unterwegs ist. Und dann gibt es noch das Internet. Da findest Du uns auch. Wann sehen wir uns?

 

© Ulf Runge, 2016

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. Gefällt mir sehr.
    Es sind manchmal auch schon die kleinen Dinge, die etwas verändern. Hier und da mal jemanden lächeln, einen (ernstgemeinten) „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag“-Gruß, einfach mal mit der Kassiererin smalltalken… Das sorgt für gute Laune. Nicht nur beim Gegenüber, sondern auch bei sich selbst 🙂

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    1. Ulf Runge sagt:

      Ja, das erfahre ich auch so.
      Ein freundliches Lächeln lässt Eisberge schmelzen.
      Drückt Wertschätzung aus.
      Ist ansteckend. 🙂

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  2. maribey sagt:

    Schön, Ulf! Unterstreiche ich in ganz bunten Farben, das, was wir geben, bekommen wir bereichernd zurück.

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    1. Ulf Runge sagt:

      Manchmal kommt es aus einer anderen Richtung zurück.
      Nicht immer aus der, in die man gegeben hat.
      Gerade wenn ich am wenigsten oder gar nichts erwarte, passiert am meisten. Resonanz lässt sich nicht erzwingen. Sie mag selber gerne entscheiden, ob sie stattfindet, wann, wo und wie sie stattfindet.

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      1. maribey sagt:

        Das ist sehr schön und passend gesagt…

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  3. Bella sagt:

    Ich konnte am Mittwoch terminbedingt leider nicht vor Ort sein. Umso mehr freue ich mich über deine Worte. Danke. Gerne geteilt!

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    1. Ulf Runge sagt:

      Es war ein gelungener Abend,

      weil er gut besucht war (das Foyer war mehr als gut gefüllt: mit Ehrenamtlichen, Interessierten und Asylbewerbern),
      weil er authentisch war (erfolgreiche Integration kommt nicht von alleine; wir brauchen noch mehr ehrenamtliche Begleiter),
      weil er kurzweilig, stimmungsvoll und berührend war.

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