Leeres Feld

Leben 1217 – Sonntag 10.04.16

Leeres Feld

 

Prolog:

Visitenkarten enthalten üblicherweise den Namen einer Person und die Firma, für die diese Person arbeitet. Ganz wichtig sind Kontaktdaten wie Telefonnummern und E-Mail-Adresse. Bisweilen steht auch ein Titel auf der Visitenkarte. Geschäftsführer etwa. Oder Geschäftsführender Gesellschafter. Da huscht mir immer ein Lächeln durch das Gesicht, wenn ich das lese.

Manchmal ist es gut, wenn man Visitenkarten nur im Geschäftsleben verwendet. Man muss sie nicht unbedingt im Familienkreis zeigen.

So weit, so gut.

Ende Prolog.

Dass ich Blutspender bin, darüber habe ich bereits mehrfach berichtet. Zuletzt hier.

Mit diesem Artikel möchte ich damit beginnen, in lockerer Folge zu berichten, auf was es denn ankommt, wenn man bereit ist, sich von einem halben Liter Vampirnahrung zu trennen.

Im Wesentlichen warten auf einen Blutspender folgende Stationen: Der kulinarische Bereich, durch den man zum eigentlichen Spenderaum hindurch läuft. Hier wird man später auch sitzen. Brötchen und Wurst essen. Oder man hat rechtzeitig „vegetarisch“ gesagt. Dann bekommt man Käse statt Wurst.

Aber der Reihe nach. Erst wird man registriert, dann darf man Formulare ausfüllen, geht Arzt-Warten, darf zur Ärztin oder zum Arzt, geht Fingerstechen-Warten, darf zum Fingerstechen, geht Spende-Warten, darf zum Spenden, spendet, wird zum Mal-gucken-ob-das-Bluten-aufhört-Warten geführt, wartet, darf zum Essen.

Damit man auch weiß, dass man sich in Deutschland befindet, bekommt man nach dem Registrieren ein Formular in die Hand gedrückt.

Auf der Vorderseite dieses Formulars wirst Du, der gerade eben noch seinen Blutspendeausweis mit Namen, Adresse und Geburtsdatum vorgelegt hatte, gefragt, wie Du heißt, was für einen Titel Du hast, wann Du geboren bist, wo Du wohnst und wie Dein Hausarzt heißt. Dies alles für den Fall, dass Du in der kurzen Spanne zwischen Registrieren und Ausfüllen des Formulars schwer dement geworden bist.

Ferner gibt es hier Platz für einen Aufkleber, mit dem man kennzeichnet, ob die Blutprobe verwendet werden sollte oder nicht, etwa weil man sich mit HIV angesteckt hat oder vergleichbare Risiken bei sich vermutet. Damit diese Menschen nicht zu ihrem Lebenspartner oder den Kollegen in der Firma sagen müssen: „Blutspenden? Geht nicht. Will ja schließlich niemand anstecken!“ ist das eine Möglichkeit, die Privatsphäre zu wahren.

Auf der Rückseite des Formulars gibt es eine Riesenliste mit Ja-/Nein-Fragen. Die Musst Du alle mit „Nein“ beantworten, sonst wirst Du nicht zum Spenden zugelassen. Kein England-Besuch (hallo BSE), keine Bluttransfusionen (sonst gibt man als Spender ja eine Spende weiter), keine Medikamente und und und. Also alles mit „Nein“ ankreuzen. Was dazu führt, dass keiner mehr die Fragen liest.

Deshalb haben die Schöpfer dieses Fragenbogens die Kilo-Frage erfunden. „Wiegen Sie mehr als 50 kg?“ Die darf man nicht mit „Nein“ beantworten. Die ist zum Glück immer an der gleichen Stelle im Fragebogen. Erfahrene Blutspender gehen also folgendermaßen vor, um Zeit zu sparen: Die Kilo-Frage finden und „Ja“ ankreuzen. Den Rest mit „Nein“.

(Ganz am Ende bei den Fragen zur Schwangerschaft bietet es sich an, noch einmal aufmerksam zu sein; als Mann einfach nicht ausfüllen; als Frau das Zutreffende ankreuzen.)

(Bei Recherchen zu diesem Artikel habe ich herausgefunden, dass die Intelligenz der Blutspender regional unterschiedlich eingeschätzt wird; bzw. die der Formular-Gestalter uneinheitlich ist; da gibt es Formulare, da musst Du wirklich jede Frage lesen, weil mal „Ja“ und ein anderes Mal „Nein“ erwünscht ist. Sehr anstrengend. Andere Blutspendedienste verzichten auf die Kilo-Frage; da kann man zack-zack die Kreuzchen alle in der gleichen Spalte machen.)

Nachdem ich meine Jugend nie erfolgreich dazu bewegen konnte, sich mal anzugucken, „wie das denn so ist beim Blutspenden“, passiert es eines Tages doch.

Nach der Registrierung erhalte ich das Papierkriegspapier. Wir begeben uns in den Bereich, der ähnlich wie bei politischen Wahlen gegen Fremdeinsichtnahme abgeschottet ist. Üblicherweise ist es hier auch sehr leise.

Ich erkläre meiner Begleitung, dass ich jetzt meinen Namen etc. eintragen muss.

Ich trage Vornamen und Namen ein. Den Eintrag „Titel“ lasse ich leer.

Ich werde in den Arm gestupft, weil ich da nichts eintrage. Ich versuche zu erklären, dass ich keinen Titel habe.

Sekunden später dringt es durch den bis eben noch flüsterleisen Saal, wahrnehmbar bis in den letzten Winkel, hörbar für alle, mit einer Stimme, die Gerechtigkeit fordert: „WARUM DENN? DU BIST DOCH ABTEILUNGSDIREKTOR!“

Das sind so Situationen, in denen es einem die Peinlichkeitsröte ins Gesicht treibt.

Das hält dann zum Glück nicht ewig an. Und kurz danach darf man dann wieder Blut spenden.

 

© Ulf Runge, 2016

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Klingt alles aufwändig und kompliziert.

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    1. Ulf Runge sagt:

      Für eine gute Sache lohnt es sich, die Bürokratie zu ertragen. Und es gibt ja Optimierungsstragien… 🙂

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  2. sweetkoffie sagt:

    Also ich finde indem Zusammenhang den Titel in Kombination mit der Blutgruppe außerordentlich wichtig. Stell dir bloß mal vor, der Herr Generaldirektor bekommt das Blut von der Vorarbeiterin einer Putzkolonne … nicht auszudenken 😎
    LG sk

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    1. Ulf Runge sagt:

      Stimme voll zu: Nach der Blutspende will die Vorarbeiterin auf einmal einen Briefkastenschlüssel haben. Für so ein Postfach in Panama. Geht doch nicht. LG Ulf

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  3. Ich finde es immer noch interessant, dass man diese „kritischen Fragen“ beantworten muss. Wird Blut denn nicht sowieso IMMER auf alle möglichen Krankheiten untersucht? Als Spende-Empfänger hätte ich keine Lust, auf andere Menschen zu vertrauen, die bloß glauben, nicht krank zu sein…

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    1. Ulf Runge sagt:

      Vermutlich ist es wie bei allem im Leben: Eine Frage des Geldes.
      Vermutlich ist maximale Sicherheit bei der Diagnose erreichbar. Zu einem unerschwinglichen Preis.
      Wenn dann bereits (negative) eine Vorauswahl getroffen werden kann aufgrund von Angaben der Spender, dann reduziert es die Kosten für die Diagnostik.

      Augenzwinkernd vertraue ich Dir an: Das herbstliche Blutspenden findet eine Woche nach der Kerwe, dem lokalen „Kirchweih“-Fest statt. In der Hoffnung, dass die Spender bis dahin ausgenüchtert sind.

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