Prise? Nein! Portion!

Leben 1183 – Sonntag, 05.07.15

Prise? Nein! Portion!

 

Marktsamstag in meiner Marktsamstagseinkaufsstadt.

Noch schnell zum Bäcker Brot kaufen. Mein Hund darf draußen warten, ich lasse mich von der Dame hinter der Theke beraten. Auf meine Frage nach dem Weizenanteil der bei von mir angedachten Brote, erklärt sie mir ausführlich die Zutaten und Herstellung. Ich kaufe anderthalb Brote und zücke meine Treuekarte. Für jedes Brot bekommt man hier ich einen Stempelabdruck, nach zehn Mal tauscht man die vollgestempelte Karte gegen ein kostenloses Brot.

Die freundliche Dame hinter der Theke erklärt mit, dass das ab heute anders sei. Sie hätten ein neues Bonussystem, da bekomme man zukünftig für einen Mindesteinkauf von 3 Euro einen Stempel. Und zwar auf den neuen Bonuskarten. Sie holt eine hervor und überträgt die Stempel von der alten Karte auf die neue.

Ich bezahle und wir wünschen uns gegenseitig ein schönes Wochenende.

Mein Hund und ich gehen weiter, Richtung Marktstand. An einer engen Stelle der Fußgängerzone sind wir auf Kollisionskurs mit einem Herrn halblinks von mir. Ich werde langsamer, er wird langsamer, ich nehme das wahr, ohne ihn direkt anzuschauen, wir beeilen uns, dass er nicht so lange warten muss, ich drehe mich zu ihm um, sage freundlich „Dankeschön!“

Er lacht. „Nein, nein, das habe ich nicht für Sie getan!“ Er guckt verschmitzt. „Nicht für Sie, aber für Ihren Hund!“ Wir lachen. Gehen unseres Weges.

Rufen. Ich höre Rufen. Hinter mir. Ich drehe mich um. Vor mit steht die Bäckereifachverkäuferin. Hält die neue Bonuskarte in der Hand, die ich wohl liegengelassen habe.

Kleiner Hinweis: Es ist ein mächtig heißer Tag. Und die Dame ist außer Puste, weil sie sich beeilt hat, mich wiederzufinden. Ich frage nach ihrem Namen und bedanke mich maximal wertschätzend.

Das muss man sich mal überlegen. So eine Karte hätte mir – voll gestempelt – einen Nutzen von, ich greife mal hoch – 5 Euro gebracht. Es ist aber nicht der finanzielle Wert, der hier eine Rolle spielt. Die Dame hat keine Sekunde gezögert zu beweisen, dass ich in ihrem Stellenwertsystem nicht nur ein Brotkäufer bin, sondern ein Kunde, dem sie durch dieses Kümmern höchste Wertschätzung zeigt.

Ich vermute, dass wiederum mein Dank ihr ein gutes Gefühl gegeben, das man nur bekommt, wenn man mehr als Brote verkaufen möchte.

Wir kommen endlich am Marktstand an.

Die Marktfrau fragt mich nach meiner Woche, ich sie nach ihrer. Ich rufe ihr zu, was auf meinem Einkaufszettel steht, sie fasst es ein und wiegt das Gemüse und das Obst ab, und führen parallel dazu unser Gespräch fort. Nur vermeintlich belanglos, denn was wir uns nicht sagen: Ich schätze Dich, weil Du meinen „Alltag“ durch Freundlichkeit verschönst.

Bananen.

Ich kaufe fast jede Woche Bananen. Fünf Bananen. Oder mehr.

Ich bin am Ende meiner Einkaufsliste.

„Zum guten Schluss bräuchte ich noch Bananen!“ rufe ich meiner Marktfrau zu. Und weil Sie auch heute wieder so gut drauf ist, fragt sie: „Fünf Bananen wie immer? Oder sechs? Sieben? Acht?“ Sie lacht voller Erwartungsfreude auf meine Antwort.

„Vier!“ höre ich mich sagen. „Auf meinem Zettel steht vier!“ Sie mag es fast nicht glauben. Und hätte sich vermutlich am liebsten meinen Zettel zeigen lassen. Sie lacht und ich denke mir, sie glaubt, ich habe mir heute einen Spaß erlaubt.

Neben mich stellt sich eine Dame, die ich vom Sehen, vom Auch-hier-kaufen kenne. Ob mich denn die Dame aus der Bäckerei gefunden habe, möchte sie wissen. Ich verstehe. Noch eine Person, bei der ich mich bedanken darf. Ein Netzwerk von Helfern im Hintergrund zeigt die Spitze seines Eisberges.

Ich freue mich auf nächsten Samstag. Wenn ich mir wieder eine Prise, nein eine ganze Portion Lebensgefühl und Wertschätzung holen werde. An meinem Marktsamstag.

©Ulf Runge, 2015

 

P.S.: Ich vermute, dass das Ganze nicht funktioniert, wenn man es provoziert. Mit Absicht irgendwo etwas liegen lässt. Um dann gefunden zu werden und ins Gespräch zu kommen. Nee, nee, so nicht.

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