Lochtrend

Leben 1173 – Samstag, 04.04.15

Lochtrend

Prolog 1:

Annette von Aretin – Wer ist Annette von Aretin?

Das ist die Dame in der Robert-Lemke-Ratesendung „Was bin ich?“, die vorzugsweise an zwei lebensentscheidenden Fragen erkennbar ist: „Paarhufer oder Unpaarhufer“ sowie „Sind Sie mit der Herstellung oder Verteilung von Waren beschäftigt?“

Nein, wer Robert Lemke ist, sage ich nicht, dafür gibt es Gugelpedia.

Also Annette von Aretin soll mal sinngemäß gesagt haben, dass sie viel zu „arm“ sei, um sich keine Qualität zu leisten. Will implizit sagen, dass Qualität oftmals teurer ist, dafür aber auch länger hält. Und somit geht die Rechnung auf.

Muss nicht. Kann aber.

Um sich etwas Höherwertiges leisten zu können, muss man natürlich auch die entsprechende Kohle haben. Wenn stattdessen der Überziehungskredit einspringt, kann der wirtschaftliche Vorteil schon im Eimer sein.

Prolog 2:

Beim preiswerten Einkaufen gibt es noch einen weiteren Aspekt. Ich kaufe lieber dort ein, wo ich auch den Service in Anspruch nehme, falls mal etwas defekt ist. Beispiel: Den Geschirrspüler ungerne im Doof-Markt, lieber beim Elektriker, der auch ins Haus kommt, um vor Ort zu reparieren.

Ende der Prologe.

Es gibt Artikel, die ich sehr lange trage. T-Shirts etwa. Brillengestelle. Joggingschuhe. Für das Marketing modischer Produkte bin ich relativ resistent. Das gilt auch für meinen Gürtel. (Ja! Richtig gelesen: Für den einen Gürtel, den ich verwende. Die anderen sehr, sehr alten und unansehnlichen Gürtel würde ich nur tragen, wenn ich hierdurch Leib und Leben retten könnte; denn prinzipiell funktionieren sie ja noch. Ein Killerargument fürs Wegwerden.)

Nach vielen Jahren habe ich mir vor kurzem in der Tat einen neuen Gürtel gekauft. Allerdings entgegen dem von mir unter Prolog 1 geschätzten Annette-von-Aretin-Prinzip. Ich war im Discounter und habe meine jahrelang gehegte Kaufentscheidung nun endlich umgesetzt und einen echten Ledergürtel für unter 20 Euro erstanden.

Der alte liegt jetzt bei den anderen alten und wartet auf seine letzte Chance (Gefahr im Verzug, Rettung von Leib und Leben, etwa durch Zusammenbinden aller alten Gürtel nach dem Rapunzelprinzip.)

Voller Stolz trage ich seit einiger Zeit den neuen Gürtel.

Allerdings. So schön er ist, ihm fehlt etwas. Er hat sechs Löcher. Ich benutze immer das innerste Loch und doch habe ich die Erfahrung gemacht, dass dieses innerste Loch nicht wirklich geeignet ist, meine Jeans am Rutschen zu hindern.

Das sieht nicht unbedingt gut aus (was mir relativ egal ist), es ist einfach unangenehm, wenn die Hose sich ungewollt nach unten bewegt. Ein Gefühl von Unsicherheit stellt sich ein und ob das T-Shirt jetzt in der Hose oder außerhalb getragen wird, würde ich schon gerne selber entscheiden.

Wer Prolog 2 gelesen hat, weiß jetzt, dass ich in der Zwickmühle bin. Ich kann doch nicht mit dem Discounter-Stück zu meinem Schuhmacher gehen und ihn um das siebte Loch bitten.

Zwei weitere Wochen hoserutschender Verzweiflung vergehen, bis ich mir heute ein Herz fasse. Ich betrete das Geschäft meines Lieblingsabsatz- und sohlenreparierers, der natürlich auch Gürtel im Sortiment hat, und frage ihn, ob er sich vorstellen könnte, in meinen Gürtel …, da hat er schon dieses Werkzeug in der Hand, Dornenrad will ich es mal nennen, er bedeutet mir, mich meines Gürtels zu entledigen, fragt mich „Ich nehme an, innen, oder?“ ich nicke und schwupp die wupp ist das ersehnte Loch da, wo ich es brauche.

Nein, das würde nichts kosten. Ich entdecke ein Sparschwein mit der Aufschrift „Kaffeekasse“ und werfe meinen Dank durch den Schlitz hinein, was mir ein freudiges Lächeln meines Gegenübers einbringt.

Mit meinem Gürtel in der Hand gehe ich einen Schritt zur Seite, um dem soeben herein gekommenen Herrn den Weg zum Tresen frei zu machen.

Während ich meinen Gürtel anziehe, zieht er seinen aus. Auch er möchte ein weiteres Loch haben. Innen.

Wir lachen ob der Duplizität der Ereignisse und verabschieden uns, einander ein schönes Osterfest wünschend, mit der Erkenntnis, dass wir womöglich einen neuen Ostertrend kreiert haben: „Vorm Fest den Gürtel enger schnallen!“

© Ulf Runge, 2015

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Dieser neue „Ostertrend“ würde mir unbehagen bereiten, wo ich mich doch so sehr von Herzen den kulinarischen Genüssen hin gebe.
    O.k., mit dem fasten nach dem Fest fällt es etwas schwerer, aber der Genuss wird erst einmal so richtig ausgelebt.
    Bei neu erstandenen Gürteln probiere ich vorher schon aus, ob ich noch einige Löcher mehr in beide Richtungen zur Verfügung habe.

    G. l. G. Jochen

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s