Nase, Blick und Lippen – irgendwie hirnrissig

Leben 1170 – Donnerstag, 12.03.15

Nase, Blick und Lippen – irgendwie hirnrissig

Ich stelle mich hinten an. Die Schlange ist überschaubar kurz. Wir alle hier wollen ein Andenken an diesen erbaulichen Abend, eine Widmung in einem der Bücher, die der Vortragende geschrieben hat. Halb hinter mich, halb neben mich stellt sich ein Herr, schaut mich an und frägt, wie mir der Abend gefallen habe.

„Gut!“ oder sogar „Sehr gut!“ hätte ich jetzt wahrheitsgemäß antworten können. Tue ich aber nicht.

Nun hatte der Organisator des Abends verlauten lassen, die Eltern des Vortragenden seien auch anwesend. Ich frage den Herrn, ob er mit dem Vortragenden „verwandt oder verschwägert“ sei. Seine Antwort ahnend. Freudig bestätigt er mir: „Ich bin der Vater!“

Nun muss er noch meine Antwort über sich ergehen lassen, dass der Abend sehr unterhaltsam und informativ gewesen sei, dass der Vortrag mit „Prezi“ exzellent in der Darstellung ist, dass ich in jedem Augenblick das Gefühl gehabt habe, dass der frei vorgetragene Vortrag im Kopf des Redners wie ein Bild vorhanden sei, das er jederzeit abrufen könne.

Nun, das wollte der Vater nicht wirklich wissen, „Gut!“ oder „Sehr gut!“ hätte gereicht.

Und Du willst das auch nicht wirklich wissen.

Aber vielleicht interessiert es Dich, wie man bereits nach 3 Minuten Vortrag den gesamten Saal in ein vergnügliches Lachen bringen kann.

Das geht zum Beispiel so: Du stellst in Aussicht, dass Du gleich über drei Aspekte reden wirst. Etwa, was ein schönes Gesicht ausmacht. Und dann zeigst Du zu jedem Aspekt eine Folie so wie hier:

Eine schöne Nase

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Ein liebevoller Blick

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Unwiderstehliche Lippen

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Und wie hier gesehen zu jedem Argument das gleiche Bild. Es funktioniert, oder? (Das im Vortrag erlebte Beispiel war noch amüsanter…)

Aber jetzt im Ernst. Gestern Abend durfte ich in der Vortragsreihe Lebenskunst Bensheim, inszeniert von Justus Keller, Henning Beck kennenlernen. Ein mehr als gut gefüllter Bürgersaal in Bensheim lässt hoffen, dass es bald eine Wiederholung dieser Veranstaltung gibt. „Hirnrissig“ ist der reißerische Titel von Vortrag und Buch, in das ich mir die Widmung eintragen ließ.

Da es nicht fair ist, den Vortrag hier nachzuerzählen, möchte ich nur kurz auf zwei Aspekte eingehen.

Oligodendroglia. Das sind Helferlein im Gehirn, die möglicherweise mehr als alles andere den Unterschied zwischen Mensch und Raupe oder Tintenfisch ausmachen. Wunderbar erklärt Henning Beck, dass es die Geschwindigkeit der Reizübertragung sein kann, die darüber entscheidet, dass wir als Wurm bereits nach durchschnittlich 3 Monaten vom (frühen?) Vogel gefressen werden.

Und dass wir Menschen eine eigentlich innerhalb (!!!) von Nervenbahnen nicht erreichbare Geschwindigkeit von 400 Stundenkilometern erreichen, das verdanken wir den Oligodendroglia. Die legen um die Nervenbahnen ab und zu eine Isolatorschicht herum. So ähnlich wie die unterbrochenen Striche auf der Autobahn. Und das Geniale bei dieser Technik ist, dass sich nun die Nervenreize außerhalb (!!!) der Nervenbahnen fortpflanzen, weil sie im Rahmen eines hierdurch aufgebauten elektromagnetischen Feldes zwischen den nicht-isolierten Stellen springen.

Henning Beck zeigt hierzu wunderbare bildhafte Darstellungen. Diese Nervenleiter-Ab-und-Zu-Isolierung, die hat nur der Mensch. Kein Tintenfisch. Kein Wurm.

Ein zweiter Aspekt seines Vortrages widmet sich der Frage, wie wir mit „neuesten wissenschaftlichen“ Erkenntnissen umgehen. Henning Beck berichtet von einem Experiment, das mit Fischen gemacht worden sei, um herauszufinden, wie emotional diese Spezies auf Menschen reagiert. Hierzu seien beeindruckende Fotos von bildgebenden Verfahren erstellt worden, die irgendetwas beweisen sollten. Als dann allerdings recherchiert wurde, wie diese Fotos entstanden seien, kam heraus, dass die Tiere zur Beobachtungszeit bereits tot waren.

Nicht tot war das Publikum den ganzen Abend über. Hochkonzentriert wie Herr Beck und eine Tube Tomatenmark lauschten die Anwesenden dem maximal verständlichen Vortrag. Ein vergnüglicher Abend, der sein Nachspiel in der Lektüre eines „hirnrissig“en Buches haben wird.

© Ulf Runge, 2015

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. DAs Foto ist auf jeden Fall der Hammer, mit der „Einleitung“ dazu noch einen Schlag toller:-) Lg Andrea

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