Macht doch was ihr wollt – aber nicht mit meinen Daten

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Leben 1162 – Samstag, 31.01.15

Macht doch was ihr wollt – aber nicht mit meinen Daten

Datenschützer allerorten wundern sich, wie leichtfertig viele Menschen persönliche Daten in das „Schaufenster“ facebook stellen.

Diejenigen, die das tun, zucken oftmals mit der Schulter und sagen, „in Zeiten von NSA“ kann man ja eh nichts dagegen tun.

Um genau diese Diskussion soll es im Nachfolgenden nicht gehen.

Es geht vielmehr darum, was andere von Berufs wegen mit unseren Daten tun. Ohne dass einen leisen Schimmer haben, dass wir dazu etwas beigetragen hätten. Ohne dass wir informiert werden, was man uns da antut.

Beispiel 1, kam gestern auf SWR1 RP. Eine Frau aus Mainz parkt ohne Ticket und wird von einem damit beauftragten Privatunternehmen zu einem heftigen Knöllchen vergattert. Als sie nicht zahlt, kommt ein Inkasso-Unternehmen um die Ecke mit einer noch gravierenden Forderung, kurz unter 100 Euro.

Was war passiert, aus Sicht der Betroffenen? Sie hatte ein Ticket gezogen, kann das sogar beweisen, weil sie mit Kreditkarte gezahlt hatte. Sie kann aber nicht beweisen, dass sie vor Ausstellen des Knöllchens das Ticket gezogen hat. Weil das private Beaufsichtigungsunternehmen nicht mit der Uhrzeit rausrückt, wann denn die Ordnungswidrigkeit notiert worden ist.

Hinzu kommt, dass die Dame im Dunkel des Abends zu ihrem Auto zurückkehrt und dabei wohl das Knöllchen übersieht und somit nicht bemerkt, dass sie nun ein Fall für die nächste Eskalationsstufe wird.

Bei allem Mitgefühl für die Dame, es ist jetzt an dieser Stelle egal, ob sie recht hat, ob sie Recht bekommt. Oder auch nicht.

Weil, die für mich interessante Geschichte fängt jetzt an.

Bestellt die Frau im Internet einen Artikel. Will mit ihrer schon sehr lange dort hinterlegten Kreditkarte zahlen. Als ihr das auf einmal verweigert wird. Sie hinterfragt das und bekommt die Auskunft, dass ihre Bonität nicht mehr gegeben sei. Sie müsse mit Vorkasse zahlen, da sie als nicht kreditwürdig gemeldet worden sei. Möglicherweise von dem Inkassobüro.

Und an dieser Stelle frage ich mich: Warum erfahre ich als Bürger oder als Unternehmen nicht, wenn jemand mich irgendwo „anschwärzt“?

Dass die Kommunikation über die Bonität von Einzelpersonen und Geschäftspartnern unvermeidbar ist, um sich vor schwarzen Schafen zu schützen, dafür habe ich volles Verständnis. Aber warum werde ich nicht von Rechts wegen darüber informiert, dass mich jemand entsprechend bewertet und dies an Dritte weiterverbreitet?

Ist uns das egal? Kann uns das nicht passieren? Oder hat es sowieso keinen Zweck sich dagegen zu wehren?

Ich erzähle die Geschichte dem Bruno. Er hört mir aufmerksam zu. Um dann zu erzählen, dass er selber Opfer eines ähnlich gelagerten Falles sei.

Beispiel 2:

„Vor einigen Monaten ist mir passiert, dass mein Steuerberater dem Finanzamt aus Versehen eine falsche Lohnsteuerklasse gemeldet hat. Die Klasse wurde verdoppelt, mein Gehalt sozusagen halbiert.

Ich habe einen Riesenpapierkrieg führen müssen, um meinen Arbeitgeber zu überzeugen, dass das ein Fehler war. Und weil mein Arbeitgeber ein großer Arbeitgeber ist, ist er auch nicht in der Lage, die falsche Gehaltabrechnung zeitnah zu korrigieren. Ich habe einen ganzen Monat gucken müssen, dass mein Konto nicht gegen die Wand läuft.

Den Zinsverlust hat mir niemand bezahlt.

Und ich sag Dir was: Wenn einmal der Wurm drin ist, ist er drin.

Diesmal hat es vermutlich das Finanzamt verbockt, aber die sagen, sie seien es nicht gewesen. Und beweisen kann ich nichts. Eine Wand des Schweigens. Erneut erhalte ich meinen Gehalt einen Monat zu spät.

Und ich sag Dir was: Warum erfahre ich nicht vom Finanzamt von Amts wegen und von meinem Arbeitgeber vor lauter Arbeitnehmerfreundlichkeit, dass die Steuerklasse geändert worden ist. Und vielleicht auch warum.

Warum dürfen ‚die‘ mit meinen Daten einfach machen, was sie wollen, ohne dass eine Informationspflicht existiert?

Der Bruno wird das vermutlich überleben mit seinem Konto.

Und die Dame aus Mainz wird wohl auch „irgendwann“ wieder kreditwürdig sein.

Aber ich frage mich, warum lassen wir Bürger uns das gefallen?

©Ulf Runge,

 

 

12 Kommentare Gib deinen ab

  1. sweetkoffie sagt:

    Von wegen gläsern … Das ist ein Spiegelglas, nur von einer Seite durchsichtig.

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  2. sweetkoffie sagt:

    Hat dies auf Sweetkoffie's Blog – Leben live rebloggt und kommentierte:
    Gläsern – einseitig verspiegelt

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  3. nurmalich sagt:

    Und dann kommt sicher jemand daher und sagt: „bedauerliche Einzelfälle“

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  4. Klaus Welter sagt:

    Wenn´s in unsere unmittelbare Geldwirtschaft eingreift ist es schlimm.
    Doch ebenso macht betroffen, wenn in unseren Informationskonsum eingegriffen wird.

    Folgendes steht bevor: Antennenfernsehen wird sukzessive abgeschafft. TV wird nur noch über die Kanäle der Mobilfunk-Provider gestreamt, also adressiert, also personalisiert. Infolge werden TV-Inhalte für den Empfänger individuell zugeschnitten.

    Beispiel: Nicht der Regisseur eines Spielfilms bestimmt, wie die Wohnung des Protagonisten ausgestattet ist oder welches Auto er fährt oder in welcher Kneipe er seinen Drink zu sich nimmt, sondern die Werbewirtschaft. Wer es nicht glaubt, dem nenne ich die „Medientage München“, abgehalten im Oktober 2013, wo gezeigt wurde, wie individuell passende Werbeplakate als Filmkulisse gesetzt wurden. Über weiteres wurde berichtet. Praktisch heißt das, dass die Konsumenten selbst zwar das gleiche Programm, aber nicht mehr das selbe Programm siehen; der Nachbar also eine andere Version vorgesetzt bekommt, als man selbst.

    Wer es immer noch nicht glaubt, der frage mal seinen Fernsehfachbetrieb. Dort weiß man um die zurückliegende Streichung der Hälfte aller terrestrischen Fernsehkanäle. Und es setzt sich fort. Noch 2015 werden weitere Frequenzen an die Mobilfunk-Provider verkauft. Es wird noch weiter gehen mit dem Argument, die Jugend schaue eh nur noch mit Tablets, i-phones etc. fern und im Übrigen mehr VoD (Video on Demand) als Live-Streaming.

    Broadcast wird aufgegeben zu Gunsten Unicast entsprechend dem Geschäftsmodell der Provider. Wer will das?

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  5. Ulf Runge sagt:

    Ich bedanke mich für die enorme Resonanz auf diesen Artikel. Hier und anderorten. 🙂

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  6. Man kann nicht umsichtig genug sein, aber irgendwann tappt man doch in eine Falle. Musste ganz schnell handeln, als mir eine Mitarbeiterin vom hiesigen Ordnungsamt trotz weithin sichtbarer Parkraumbewirtschaftungsplakette für Anwohner ein Knöllchen unter den Scheibenwischer drückte. Bei meinem sofortigen Besuch beim Ordnungsamt konnte dieses Knöllchen wegen eingefrorenem Gerät nicht gelöscht werden, also abwarten, dann nach Erhalt der Post vom Polizeipräsidenten Widerspruch einlegen (natürlich war er nicht gerade freundlich ausgefallen, da ich mich im Recht befand) und hoffen, dass dem statt gegeben wird. Nach mehreren Wochen endlich Entwarnung und Nachricht über Einstellung des Verfahrens. Dieses persönliche Schreiben habe ich mir an die Wand genagelt.

    G. l. G. Jochen

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  7. Ulf Runge sagt:

    Liebe sweetkoffie,

    danke fürs Rebloggen. Ja manchmal wünscht man sich, dass die einseitige Verspiegelung umgekehrt angebracht ist:

    Wir sehen die, die uns heimlich sehen. Und die merken es nicht einmal…

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  8. Hase sagt:

    Lieber Ulf,
    das ist mal wieder ein guter Artikel, der vieles in Bewegung setzt, nur nicht da, wo es nötig wäre…(vielleicht doch….. )
    Mir fällt zu dem Mainzer Fall eine Geschichte von mir ein :
    In Oppenheim ist auch ein Privatunternehmen für „Knöllchen“ zuständig.
    Bei einem Arztbesuch hatte ich ein Parkticket, das gerade mal einige Minuten abgelaufen war, da hatte ich einen Verwarnzettel am Auto. Ich bin zum Ordnungsamt gefahren, hab erzählt, dass ich doch beim Arzt war und ein Parkticket hatte. Sie können nichts machen, weil das ein privates Unternehmen sei und sie nicht dafür zuständig wären. Sie notierten aber meine Autonummer und wollten veranlassen, dass ich kein Bußgeld zahlen soll. Aber es kam doch die Verwarnung, da rief ich beim Ordnungsamt an und schilderte noch einmal meinen „Fall“ und dass ich doch bei ihnen vorgesprochen hätte. Ich bekam das Bußgeld erlassen. So kann es auch gehen…. Wenn man persönlich vorbeischaut und denen genau den Vorfall schildert. Schließlich hatte ich ja ein Ticke t und musste lange beim Arzt sitzen.
    Das ist doch dem privaten Unternehmen gleichgültig. Auch am WE bekommt man Knollen bzw. Verwarnungen. Da muss sich die Stadt nicht wundern, dass immer weniger Menschen in die Altstadt kommen und es auch bald keine Geschäfte mehr gibt. …
    liebe Grüße
    Erika 🙂

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  9. Ulf Runge sagt:

    Hallo nurmalich,

    natürlich ist es ein bedauerlicher Einzelfall. Der Fehler ist ein Einzelfall.
    Dass keine Transparenz herrscht, das allerdings ist System.
    Darauf hinzuweisen und dagegen zu halten, lohnt sich…

    Herzliche Grüße,
    Ulf

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  10. Ulf Runge sagt:

    Hallo Klaus Welter,

    danke für diesen brisanten Exkurs in die Zukunft des personalisierten Unicasts.
    Vermutlich werden wir uns eines Tages anonym in einem konspirativen Kohlenkeller treffen, um gemeinsam alle das gleiche zu gucken: Vielleicht eine werbefreie Episode von Dick und Doof.

    Wenn heutzutage das Kaufverhalten Aufschluss geben kann, ob eine Frau schwanger ist (bevor sie es selber weiß), wie wird dann morgen die Prognose ausfallen, ob ein Volk bereit ist, für seine Freiheiten einzustehen. Und zu welchen Konsequenzen mag das führen bei denen, die die Prognose beauftragt haben…

    Herzliche Grüße,
    Ulf

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  11. Ulf Runge sagt:

    Lieber Jochen,

    das Schreiben an die Wand zu nageln, ist eine Möglichkeit.
    Das Schreiben von innen an die Windschutzscheibe zu kleben, wäre eine Alternative, oder?
    Die mit Sicherheit mit einer Ordnungswidrigkeit bestraft wird…

    Alles wird gut. Manchmal sogar besser. 🙂

    Herzliche Grüße,
    Ulf

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  12. Ulf Runge sagt:

    Liebe Erika,

    dass preisgünstige Parkplätze eine ideale Antwort auf den Internethandel sind, haben einige Kommunen noch nicht verstanden. Und auch einige Supermarktketten, die jetzt Private zur Parkplatzaufsicht einsetzen.

    Du hast Glück gehabt, dass die Gemeindeverwaltung nicht an Private outgesourct worden ist, sonst hätte es kein Erbarmen gegeben. Sondern höchstens noch eine Gebühr fürs (vergebliche) Vorsprechen auf dem Rathaus…

    Liebe Grüße,
    Ulf

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