Novembersplitter Nummer 2 – Asche auf Reisen

Leben 1151 – Sonntag, 02.11.14 – Allerseelen

Novembersplitter Nummer 2 – Asche auf Reisen

Das Telefon an meinem neuen Arbeitsplatz war noch nicht freigeschaltet, als mein Chef das Büro betrat. Er zögerte einen Augenblick, dann sprach er mich an und sagte leise, Augenkontakt mit mir haltend, man habe angerufen, mein Vater sei soeben gestorben.

Die folgenden Stunden und Tage waren für mich, als befände ich mich in einem gläsernen Tunnel, der immer weiter nach vorne führt. Dieser Tunnel, er heißt Zeit, und es gibt da kein rückwärts. Kein Entrinnen. Kein Pausieren.

Seine Alterspension zu genießen, war meinem Vater nicht so wirklich gegönnt. Er starb überraschend früh. Womöglich hatte er einen friedlichen Tod. Vermutlich schlief er einfach so ein. Alleine.

Es war für mich tiefgehend, meinen eigenen Vater aufgebahrt liegen zu sehen. In seine toten Augen zu blicken. Kein Herzschlag mehr bewegt den Brustkorb, um Luft einzuatmen. Ihm waren die Barthaare weitergewachsen. Ihm, der immer gut rasiert durch die Gegend lief.

Er wurde verbrannt. Hatte ich bis dahin dem einen oder anderen Toten ins Erdengrab hinterher geschaut, so war es für mich befremdlich zu wissen, dass da nun etwas Ungeheures mit dem Sarg passieren würde. Wenige Tage später wird dann eine Urne bestattet werden, in der angeblich die Asche von meinem Vater sein soll.

Bald darauf zog meine Mutter um, in die Nähe meines Bruders. Es wurde ihr gestattet, die Urne mitzunehmen an den wunderschönen Friedhof in ihrer neuen Gemeinde.

Obwohl von Krankheit gezeichnet, verbrachte meine Mutter noch erfüllte Jahre in ihrer neuen Heimat.

Vor einigen Jahren haben wir auch von ihr Abschied genommen. Sie fand ihre letzte Ruhe ebenfalls in einer Urne, auf dem gleichen Friedhof, auf dem auch die Urne meines Vaters war. Ihre Urne allerdings fand ihren Platz in einer schön anzusehenden Stelen-Anlage. Auf der Stelen-Platte ihr Name, Geburtstag, Todestag.

Mein Bruder und ich hatten den Wunsch, meinen Vater von seinem Urnen-Erdengrab in ebendiese Stelenkammer unserer Mutter zu überführen. Luftlinie 100 Meter.

Was die Friedhofsverwaltung kategorisch ablehnte. Man würde keinen Urnentourismus unterstützen.

Wir haben das nicht verstanden.

Wir haben das dann erst recht nicht verstanden, als wir an anderen Stelenkammern Sterbedaten entdeckten, aus denen hervorging, dass ganz offensichtlich dieser vermeintliche Urnentourismus hier sehr wohl schon mehrfach statt gefunden haben musste. Trotzdem bedurfte es noch der Intervention durch einen Rechtsanwalt, bis die Friedhofsverwaltung sich mit uns darauf einigte, die Urne unseres Vaters zu unserer Mutter zu überführen. Mit der merkwürdigen Auflage, dass unser Vater 25 Jahre tot sein müsse, bevor wir seinen Namen ebenfalls auf die Stelen-Platte eingravieren lassen.

Auch diese Auflage haben wir nicht verstanden. Bei der Friedhofsverwaltung hatte wohl niemand wahrgenommen, dass unser Vater seinerzeit schon über 20 Jahre tot war.

Die 25 Jahre sind mittlerweile vorbei. Es ist an der Zeit, die Beschriftung zu ergänzen.

Letztendlich war es meinem Bruder und mir doch vergönnt, die sterblichen Überreste unserer Eltern zusammenzubringen. Urne zu Urne, Asche zu Asche.

© Ulf Runge, 2014

P.S.: Der ursprünglich angedachte Titel Novemberpakete erscheint mir nicht angemessen. Ich finde „Splitter“ besser.

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Maria H sagt:

    Lieber Ulf!
    Ich verstehe auch vieles nicht! Deinen Zeilen gibt es nichts hinzuzufügen oder zu kommentieren. Ich empfinde Stille, Nachdenken, das Bewusstsein der Vergänglichkeit, Traurigkeit.
    Alles Liebe
    Maria

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  2. Berend Lange sagt:

    Danke Ulf.
    Ja, die Bürokratie treibt seltsame Blüten; hier meine eigene Erfahrung mit dem Tod meines Vaters in Kapstadt vor 10 Jahren : http://www.meinkompass.at/Als-mein-Vater-starb.htm
    Die Energie dieser Jahreszeit lädt uns ein, ganz individuell über den Tod und besonders auch das Leben nachzudenken.
    Gruß : Berend

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  3. Ulf Runge sagt:

    Liebe Maria,
    danke für Dein Mitgefühl.
    Liebe Grüße,
    Ulf

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  4. Ulf Runge sagt:

    Lieber Berend,
    danke für „Deine“ Gedanken zum Thema „Loslassen“.
    Liebe Grüße,
    Ulf

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