Ein Präservativ, schwarz!

Leben 1125 – Sonntag 22.06.14

Ein Präservativ, schwarz!

So etwas wie am Freitag Abend habe ich noch nicht erlebt. Ich sitze im Nationaltheater Mannheim. In der Oper. Und im Publikum sitzt ein Mann mit Hut. Auf dem Kopf! Nimmt ihn nicht ab. Den Hut. Ich korrigiere. Ich sehe nicht einen Mann. Mit Hut. Ich sehe richtig viele Männer. Mit Hut. Strohhüten. Oder schwarzen Hüten.

Mein Nachbar meint, das sei ziemlich respektlos. Recht hat er. Aber heute darf man in der Tat in der Mannheimer Oper respektlos sein. Hut tragen. Sonnenbrille. Mitklatschen. Und mitsingen.

Mehr hierzu weiter unten.

Ich drehe die Uhr einige Jahre zurück.

“Ulf, Du kennst die Blues Brothers nicht?”

Mein Kollege blickt mich ungläubig (oder gar fassungslos?) an. Er kennt meinen Musikgeschmack. Und erst recht meine Freude an Komik, Witz und Surrealismus.

Wenige Tage später überreicht er mir leihweise seine DVD mit dem Blues Brothers Film.

Kaputt geömmelt habe ich mich über diesen urkomischen Film. Auch wenn die Handlung prinzipiell in 60 Sekunden erzählt ist, so faszinieren mich immer wieder die Schauspiel- und Tanzkunst sowie die tiefgehenden Soul- und Blues-Balladen, von den Ohrwürmern ganz zu schweigen, die den Rhythm bei R&B ausmachen.

Ich kenne auch Menschen, die finden den Film nicht lustig. Verstehen nicht, dass ich an immer wieder der gleichen Stelle lachen kann. Ich kenne Menschen, die mögen lieber andere Musik hören.

Egal. Die Blues Brothers. Das ist MEIN Film.

Jahre später.

Ich studiere das Programm des NTM. Nationaltheater Mannheim. Ich lese da etwas, traue meinen Augen nicht, lese es laut: Blues Brothers! In der Oper!

Das will ich sehen!

Tage später.

Ich sitze in der Oper und frage mich, wie sie die Verfolgungsjagden mit den Polizeiwagen darstellen wollen. Das Demolieren eines kompletten Einkaufszentrums.

Es beginnt mit der legendären Entlassung aus dem Knast. Der Rückgabe der konfiszierten Utensilien. Wichtig: Schwarze Hose, schwarze Hose, ein Hut. Schwarz. Allerwichtigst: Ein Präservativ, schwarz.Unbenutzt. Und ein benutztes.

Ferngesteuerte Miniaturpolizeiwagen fahren auf der Bühne rum. Genial. Kopfkino. Die beiden Jungs da vorne spielen das so gut, dass die Szene mit der Hebebrücke ganz deutlich vor meinem Auge entsteht: Ich schwebe mit den beiden durch die Luft und lande unsaft auf der anderen Brückenseite.

Die Schauspieler sind ausnahmslos so genial, dass ich stimmlich und schauspielerisch John Belushi und Dan Aykroyd vor mir sehe. Und James Brown, Aretha Franklin, und und und …

Die Inszenierung ist witzig. Man sollte den Film vorher allerdings mindestens einmal gesehen haben, um so richtig Spaß an der Inszenierung zu haben. Und gleichzeitig macht sie Lust, den Film noch einmal zu sehen.

Die Sänger, Tänzer, Schauspieler sind hin- und mitreißend. Und die Band? Sie intoniert diesen Sound, als hätte sie ihn selber erfunden. Frisch, fetzig, swingend, einfühlsam. Den ganzen Raum füllend.

Ich habe noch nie im NTM erlebt, dass es Standing Ovations gab, dass das Ensemble zwei Zugaben geben musste, durfte. Das sind Augenblicke und Emotionen, die man festhalten, nicht mehr loslassen möchte. Vakuumverpackt einschweißen, um sie bei Bedarf wieder rausholen zu können, um sich in diesen tiefgehenden Blues Brothers Mood zu bringen.

Wenn Du das Glück hast, noch Karten für die verbleibenden Vorstellungen in dieser Saison zu bekommen, und wenn Blues Brothers auch Dein Film ist, dann mach Dir einen unvergesslichen Abend in Mannheim. Und hinterlasse hier doch bitteschön, ob es Dir auch so gut gefallen hat.

Wenn ich ein zweites Mal hingehe, überlege ich mir, ob ich nicht auch schwarz gekleidet sein sollte. Und auf dem Kopf einen Hut, schwarz. In der Hosentasche ein …

© Ulf Runge, 2014

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Lieber Ulf, ich oute mich hiermit als aboluter Fans der Blues Brothers und bin richtig neidisch auf Deinen tollen Abend. Mannheim ist ein bisschen weit weg, aber ich werde es trotzdem auf meine Wunschliste setzen. Die Musik ist grossartig, die Brüder Kult. Vor Jahren kannte ich mal einen Gitaristen (war der Freund einer guten Freundin) einer Blues Brothers Revival Band und die haben es auch richtig drauf gehabt – war da immer eine super Stimmung… „everybody… needs somebody… somebody to love, love, love …“ Singende, summende, groovende Grüsse Andrea

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  2. Hase sagt:

    ja, die sind klasse!!!!
    danke für deinen Bericht, lieber Ulf 🙂
    Du hast mir grad gute Laune beschert …
    liebe Grüße
    Erika

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  3. Ulf Runge sagt:

    Liebe Andrea, liebe Erika,

    könnt Ihr Euch vorstellen, dass DER FILM gerade JETZT spielt und Ihr seid Teil des Films? Genau dieses Gänsehaut-Feeling überkommt einen beim Besuch der Musical-artigen Inszenierung in der Oper des NTM Mannheim. Ich sage nur: Hingehen!

    Danke für Eure Kommentare.

    Everybody Needs somebody…
    Groovy Grüße, Ulf

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  4. Ulf Runge sagt:

    Aus wohlunterrichteten Kreisen erreicht mich diese Nachricht, die ich hier nicht vorenthalten möchte und auf einen regelrechten Blues Brothers Hype schließen lässt…

    … Blues Brothers in den Burgfestspielen in Bad Vilbel — endlich die Konzession erhalten. http://www.kultur-bad-vilbel.de/burgfestspiele/spielplan/?id=8709

    Einen schönes Wochenende allen Blogleserinnen und -lesern hier,
    Ulf

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