DANK Numero 20 – Flieg, Pferdchen flieg!

Leben 1095 – Donnerstag, 09.01.2014

DANK Numero 20 – Flieg, Pferdchen flieg!

Das letzte Mal im Kino? Das weißt Du bestimmt noch, wann das war. Und auf einem Konzert? Da brauchst Du auch nicht lange überlegen, oder? Aber wann Du zuletzt im Varieté warst, da musst Du schon länger überlegen. Glaub ich mal.

Warum sollte man auch in Varieté gehen? Um sich Ballwurfakrobatik oder Kraftmeierei anzugucken? Langweilende Menschen an Seilen und Tüchern? Das hast Du oft genug schon im Fernsehen erlebt?

Ich habe das Glück, obwohl ich in tiefster Provinz wohne, nicht weit weg von mir eine engagierte Kleinkunstbühne vorzufinden, die immer wieder außergewöhnliche Künstler zu einem interessanten, kurzweiligen und teilweise sogar atemberaubenden Programm zusammenstellt.

Am vergangenen Freitag war ich wieder einmal Gast im Pegasus in Bensheim. Durch den Abend führt Charlie Martin, der besonders stark ist, wenn er spontan agiert, etwa wenn er einem aufgekratzten Gast charmant bedeutet, dass ER, der Charlie Martin, doch bitteschön für die Pointen zuständig sei. Und dass er „ver“zaubern kann, beweist er, als er eine Zigarette im Jackett eines Gastes ausdrückt. Wobei er natürlich vorher Vorkehrungen getroffen hat, dass da aber auch GAR NICHTS schief gehen kann. Doch heute Abend geht es – wie jeden Abend – schief. Amüsant, wie er aus der Nummer wieder herauskommt.

Auch wenn die aktuelle Wintershow „Elements of light“ heißt, für mich ist es vornehmlich eine gelungene Komposition aus kreativer Körperbeherrschung und Anmut.

Der Eisbrecher des Abends heißt Chris Petterson. Am Schlappseil. Für ihn gilt, wie auch später für James Miller am Chinesischen Mast: Minimale Requisite. Maximale Kreativität. Ich möchte nicht wissen, wie oft die beiden sich im Training „weh“ getan haben, um mit so viel Nonchalance und Leichtigkeit ihre Auftritte zu gestalten.

Dann eine absolute Augenweide. Für die Damen. Und ein Ansporn für die Herrenwelt. Zwei junge, durchtrainierte Männer, das Duo Polonski, zeigen auf ästhetische Weise Kraftsportkunst, bei der die Gesetze der Physik ausgehebelt zu sein scheinen.

Und überhaupt: Den Kampf gegen Erdanziehung und Ungleichgewicht gewinnen sie alle, die Künstler des Kopf-nach-unten-Hängens und Quer-im-Raum-Schwebens.

Und schon sind wir bei SolAir, zwei Damen, die am Vertikalseil den frühen Morgen, den jungen Tag, das Geweckt-Werden durch die ersten Sonnenstrahlen zelebrieren.

Und bei Alexey an den Strapaten. Ein hochgewachsener Mann mit Ballettausbildung, der durch Kraft und harmonische Bewegungen überzeugt.

Bevor ich zu „meinem“ Höhepunkt des Abends komme, noch kurz ein Wort zu Kasimir, dem „tölpelhaften“ Begleiter des Conferenciers. Kasimir lässt immer wieder aufblitzen, was für ein erstklassiger Kleinkunst-Allrounder er ist. Seine Rolle in diesem Programm lässt mehr nicht zu. Kasimir gefällt durch Gestik, Mimik, Komik, Jongleurik.

Ich bevorzuge bei Varieté wirklich gerne das Einfache, aus dem das Kreative geboren wird. Weniger so Technik-Zeugs. Trotzdem war für mich das Highlight des Abends Oleg Basanov, der mit Licht malt, mit und ohne Schablonen, der Konturen für eine Weile zum Leben erweckt. Und während ich realisiere, was er denn da gemalt, gezeichnet, skizziert hat, ist das Bild schon wieder der Vergänglichkeit übereignet, und im Vordergrund entsteht schon wieder eine weitere Facette dieses Kunstwerkes.

Den Abend beschließt das Duo Filippov, das auf kleinstem Raum erstklassige Rollschuhakrobatik darbietet.

Schluss. Finale. Alle noch mal auf der Bühne.

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Doch diesmal ist alles irgendwie anders.

Weil in Mitteleuropa der Winter ausfällt, spielen ALLE Unterhalter des Abends MITEINANDER ein kleines Wintermärchen, absolut unkitschig, eher berührend, weil bei diesem Schlusspunkt sehr schön zum Ausdruck kommt, dass wir heute Abend kein Nummerntheater gesehen haben, sondern ein gemeinsames Event aller Beteiligten auf der Bühne. Klasse Idee, gelungene Umsetzung.

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Nein, ich kriege keine Freikarten für diesen Artikel. Smile.

Aber vielleicht bekommst Du Lust aufs Pegasus in Bensheim oder einen Varieté-Besuch in Deiner Nähe. Das Programm läuft nur noch bis 02.02.14. Dann ist Schluss! (Und das nächste Programm steht vor der Tür, smile.)

Ich danke den Verantwortlichen des Pegasus für ihre unermüdliche Arbeit, die große Welt in die kleine Provinz zu holen.

Und ich danke den Künstlern des Abends für die wundervollen Unterhaltung.

P.S.: Flieg, Pferdchen flieg? Pegasus ist das fliegende Pferd aus der griechischen Sage. Mehr weiß Wikipedia.

© Ulf Runge, 2014

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Bine sagt:

    Du erlebst richtig schöne Dinge Ulf. Viel Freude weiterhin. Ich habe mir auch vorgenommen, dass ich ab diesem Jahr wieder im Chor singen werde. Auch eine Freude für mich.
    LG. Bine.

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  2. Volker Kunz sagt:

    Lieber Ulf, das mit „in tiefster Provinz wohne(n)“ meinst Du doch sicherlich nicht ernst? Aber sei es drum, Dein Bericht vom letzten Freitagabend ist so plastisch ausgefallen, dass man sich den besuch des Pegasus fast ersparen kann!
    Danke, für den herrlichen Bericht und beste Grüße,
    Volker

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  3. Ulf Runge sagt:

    Liebe Bine,

    das ist ein toller Entschluss.
    Obwohl ich selber noch nie im Chor oder in einem Orchester unterwegs war,
    kann ich mir intensiv vorstellen, wie intensiv die Freude am Musizieren und an der Gemeinschaft sein kann.

    Mein Kalenderblatt zeigt gerade folgenden Spruch:
    Der Tag, an dem Du einen Entschluss fasst, ist ein Glückstag. Japanisches Sprichwort

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  4. Ulf Runge sagt:

    Lieber Volker,

    nein, wir stoßen hier keine Provinzdebatte an. Das lassen wir andere an anderer Stelle tun.

    Nur soviel: Ich freue mich, in einer lebendigen Region zu leben, in die andere des Urlaubs wegen reisen.

    Das mit dem plastischen Bericht ist nicht so gewollt, dass Du jetzt auf einen Besuch im Pegasus verzichtest… 🙂

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  5. Bine sagt:

    Kurze Rückmeldung bezüglich meiner 1. Chorprobe nach wohl fast 15 Jahren:
    Es war sooooooooo schöööööööööööön!!!!! Ich habe nie gedacht, dass mich so viele Menschen liebevoll begrüßen und sich freuen, dass ich wieder da bin. Habe mich sehr glücklich gefühlt dabei!
    Liebe Nachtgrüße sendet Dir Bine.

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  6. Ulf Runge sagt:

    Liebe Bine,

    das freut mich riesig, dass Du diese schöne Begrüßung bekommen hast. Da macht es doch gleich doppelt Spaß, wieder ein Teil dieser Gemeinschaft zu sein.
    Danke, dass Du hierüber hier berichtest.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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