Noch ein Gutschein

Leben 1037 – Sonntag, 04.08.13

Noch ein Gutschein

Ein paar Zitronen, eine Butter und Olivenöl, das wollte ich noch eben besorgen. Ich wollte mich an der Kasse anstellen, als mir einfiel, dass auch kein Wein mehr im Haus war. Also nochmal zurück an die Spirituosentheke und einen trockenen Rotwein ausgesucht, zwei Flaschen in das Wägelchen und ab zur Kasse.

Die junge Dame scannt meine Artikel, kassiert mich ab und drückt mir einen Gutschein in die Hand. Einen Euro Rabatt, wenn ich das nächste Mal drei Flaschen Wein einkaufe. Okay, denke ich, das lässt sich machen.

Es ist das nächste Mal. Ich fülle das Wägelchen mit allem, was man zum Leben und Putzen braucht oder zu brauchen meint. Gleiches Spiel wie beim letzten Mal, mir fällt noch rechtzeitig, bevor ich alles aufs Band gelegt habe, ein, dass ich keinen Wein ausgewählt habe. Da war doch was! Erinnere ich mich. Stopp! Wo ist der Gutschein? Ich durchstöbere meine Geldbörse und richtig, da ist er!  Einen Euro Rabatt beim Kauf von drei Weinflaschen. Gültig bis… Ende nächster Woche. Also rüber zu den alkoholischen Getränken und diesmal packe ich drei Flaschen ein, um mir den Rabatteuro zu sichern. Und lecker hat er auch geschmeckt, der Tropfen Merlot aus der Provence.

Kasse. Ich zahle. Löse meinen Gutschein ein. Muss einen Euro weniger zahlen. Und bekomme – völlig überraschungsfrei – einen neuen Gutschein. Wenn ich beim nächsten Mal vier Flaschen kaufe, dann gibt es einen Euro fünfzig Rabatt.

Ich denke mir gerade einen passenden Radiospot aus: So ein Gutschein ist ganz fein, darf’s ne Flasche extra sein? Werd nicht weich, sauf Dich reich!

Es gibt immer ein nächstes Mal. So auch hier. Ich mache es kurz. Lade vier Flaschen ein, zeige meinen Gutschein, bezahle, nachdem ich einen Euro fünfzig abgezogen bekomme habe. Und? Genau: Beim Kauf von sechs Flaschen (die fünf wird ausgelassen, das Tempo nimmt zu) bekomme ich das nächste Mal eine Flasche gratis.

Du ahnst es. Ich mach das. Kaufe beim nächsten Mal sechs Flaschen ein, muss nur fünf zahlen. Und erhalte erneut einen Gutschein: „12 Flaschen zum Preis 10, gültig nur HEUTE!“

Das ist verdammt günstig denke ich mir, lade mein Wägelchen in mein Auto um und gehe noch mal rein. 12 Flaschen Rotwein. Zunächst ist es ein Spießrutenlaufen durch den Supermarkt. Ich höre die Menschen hinter mir tuscheln.

Ich stelle mich in die Kassenwarteschlange.

Ich werde von dem Herrn hinter mir angesprochen.

Ich schaue in sein Wägelchen. Er ist offensichtlich ebenso monoartikelmäßig unterwegs wie ich. Nur, dass er statt Wein H-Milch geladen hat. Ob ich ihn vorlassen könne, fragt er mich. Er sei schnell abkassiert. Er habe nur H-Milch 1,5% geladen. 100 Kartons. Sein Rabatt-Gutschein sei allerdings nur noch 5 Minuten gültig. Deshalb sei er in Eile. Ob ich ihn eventuell vorlasse?

Ich lasse ihn.

Ich überlege, wo ich zu Hause 100 Flaschen Wein lagern könnte. Wie ich die sicher im Auto nach Hause bringe. Und was mein Bankkonto dazu sagt.

An der Kasse zeige ich meinen Gutschein. Der junge Kassierer lächelt mich wissend an. Er sagt „Moment, bitte“ und spricht in sein Mikrofon, so dass es im ganzen Supermarkt ertönt: „73 an 5 5 5“.

Ich zahle. Kein Gutschein. Schade, ich hatte das mit den 100 Weinflaschen eigentlich schon gedanklich durch. Stattdessen aber jemand, der mich anspricht: „Guten Abend, der Herr! Ich bin von der Suchtberatungsstelle, haben Sie Interesse, sich mit mir anonym und unauffällig  zu unterhalten?“

„Hallo Ulf, na Du hast Dein Wägelchen aber vollgeladen! Hast heute noch was vor, oder?“ spricht mich ein Bekannter an.

Das erinnert mich an den Präservativwerbespot, der vor vielen Jahren im Fernsehen lief.

Ich grüße den Bekannten zurück, wünsche dem Suchtberater noch einen schönen Abend und bin froh, dass ich keinen 100er-Gutschein bekommen habe.

© Ulf Runge, 2013

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Hallo Ulf, ich habe mit Freude und Interesse deine kleine Geschichte gelesen.
    Ja, ja, wie das Leben so spielt!

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  2. Ulf Runge sagt:

    Liebe Monika,
    vornehmlich bei Internetkäufen wird man immer aufdringlicher gedrängt, noch etwas ganz ganz Tolles dazuzukaufen. In den nächsten 10 Minuten würde noch ein unschlagbarer Sonderpreis gelten…
    Herzliche Grüße,
    Ulf

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  3. Ulf Runge sagt:

    Und für den Fall, dass nicht alle den Präservativwerbespot kennen, ich ergänze jetzt noch den Link dorthin… Viel Spaß…

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  4. Hase sagt:

    Lieber Ulf,
    so ist das mit den Gutscheinen. Vielleicht könntest Du auch paar an Deine Blogleser verteilen *schunzel*
    Danke für die schöne Geschichte …. ja, den Werbespot kenne ich noch !
    liebe Grüße
    bleib sparsam 😆
    Erika
    🙂

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  5. …ein „Circulus viriosus“ offenbar…das Karussel es dreht sich immer weitrer…letzlich bekommt man nichts geschenkt, es sei denn, Aufmerksamkeit, lieber Ulf, und zwar verdiente…

    schönen Sommerabend!

    Chris

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  6. Sorry, lasse mich ein/zwei Korrekturen vornehmen: 1) virtiosus…2) Karussell (übrigens dreht sich letzteres ab Freitag wieder hier auf der Woinemer Kerwe;-) )

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  7. Ulf Runge sagt:

    Liebe Erika,
    Gutscheine soll ich verteilen? Grübel.
    Ich mache es jetzt mal wie Axel Hacke.
    Der hat am Anfang seine Geschichten geschrieben.
    Und dann hat er LeserInnenpost bekommen.
    Und schreibt jetzt die Geschichten, die andere erlebt haben…

    Wer mir interessante Begebenheiten zukommen lässt und keine Rechte an einer daraus von mir geschriebenen Erzählung geltend macht, hat gute Chancen, dass ich daraus eine Geschichte mache, die ich gerne hier veröffentliche…. 🙂

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  8. Hase sagt:

    Lieber Ulf,

    *schunzel*
    JETZT nutze ich doch die Gelegenheit, hier meine gestrigen Erlebnisse aufzuschreiben:

    SO KLEIN ist die WELT

    Bei uns war das zweite WE des Guntersblumer Kellerweg-Festes
    .http://de.wikipedia.org/wiki/Guntersblumer_Kellerweg
    In einem Keller spielte eine tolle Band
    http://www.toadry.de/index2.php?c=5
    Ich setzte mich an einen Tisch mit einer Traubensaftschorle. Es gab auch leckeren Flammkuchen aus dem Holzofen. Zu mir gesellten sich nette Leute, die mit dem Bus aus Limburg angereist waren. Wir kamen ins Gespräch, was bei mir ganz schnell geht.
    Es entstand eine schöne Unterhaltung zu toller Musik. Auch einige Einheimische, die mich kennen, winkten mir zu. Sicherlich dachten sie, die Menschen an meinem Tisch wären Besucher von mir. Ein Herr der Limburger Gruppe erzählte , dass er einmal einen Guntersblumer auf einem Bankseminar kennengelernt hat. Der Name verriet mir, dass auch ich ihn kenne. Als die Gruppe sich weiter auf die Entdeckungstour durch den 1 km langen Kellerweg machte, verabschiedeten wir uns mit den Worten :“ Wir sehen uns noch“.
    Und gesagt, geschehen: Wir trafen uns zwei Stunden später in der Menschenmenge wieder.
    Und der Mann aus Limburg hatte tatsächlich den G. Bankmenschen getroffen. Etwas später sprach auch dieser mich an und fragte nach dem Namen meines Mannes, der an diesem Abend meine Tochter nach dem siegreichen Fußballspiel Mainz gegen Wolfsburg im Mainzer Stadion zum Flugfhafen fuhr. Es stellte sich heraus, dass ein ehemaliger Studienkollege nach meinem Mann gesucht hatte. Als er auch mich ansprach, erzählte er mir, dass er vor 40 Jahren mit meinem Mann in Idstein studiert hat. Und , jetzt kommt es ganz dicke: er war sogar bei der Gruppe, die aus Limburg im Bus nach Guntersblum gereist war…..
    So klein ist die Welt…..

    Ich liebe Begegnungen mit Menschen…..

    So, jetzt hast Du mich dazu angeregt, es hier aufzuschreiben. DANKE für den Impuls und die Freude, die dabei noch einmal aufleben konnte.

    Liebe Grüße
    Erika 🙂

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