Die Buchlacherin

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Leben 1021 – Mittwoch, 10.07.13

Die Buchlacherin

 

„Und wie fandest Du das Buch, mein lieber Ulf?“

So oder ähnlich würde er mich heute fragen, bestimmt. Hatte er mich doch zum Abschied dieses Buch geschenkt, mit dem geheimnisvollen Titel, wieviel Sonnenschutzfaktor denn ein NUssiger, auf den TELLA, ahem nein aufs Brot kommender Aufstrich habe.

„Spannend!“ könnte ich lügen. Habe bis heute keine Zeile gelesen. Also kommt dieses ungelesene Buch mit in den Rucksack, wird Gegenstand meiner Aufmerksamkeit sein, wenn ich mit der Bahn zu unserem Treffen fahre.

Der Zug fährt an, ich schlage das Buch auf, weiß, dass ich jetzt in einer Stunde ein gutes Bild über dieses Buch bekommen willmuss.

Ich brauche keine Stunde, es ist eine Sache von Sekunden. Dieses Buch erzählt mir keine Geschichte, bei der auf Seite 200 von 240 der Protagonist aus Versehen von einer Person ermordet wird, die sich die Autorin auf Seite 180 hat einfallen lassen, damit es denn irgendwann ein Ende gebe.

Nein. Auf jeder Seite erfahre ich hier multiples Wissen in Kurzform. Unnützes Wissen.

Etwa, dass die Clownfischschwärme von einer Frau angeführt werden. Da werden sich die Frauenbeauftragten aber freuen, denke ich mir. Und wenn die stirbt, dann wird ein Männchen Chef. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere: Er muss eine Sie werden, er muss weiblich werden. Ich stelle mir gerade vor, dass wir per Gesetz nur noch Bundeskanzlerinnen haben werden. Und wenn Peer Steinbrück oder welcher Mann auch immer sie beerben will, okay Frau Merkel muss nicht gleich sterben, abgewählt werden reicht schon, also dann müsste der Peer zur Peerli werden, sich geschlechtsumwandeln, und das ist gut so.

Oder dass das Wort Lagerregal oder Regallager vorwärts wie rückwärts gelesen werden kann. Das wird kurzfristig Folgen für meinen Blog haben.

Ich sitze so im Zug und genieße dieses kurzweilige Buch, als sich eine Dame mir gegenüber hinsetzt. Auch sie ist Buchleserin, sie ist aber viel weiter als ich, sie hat ca. drei Viertel ihres Buches schon durch, als sie zu lesen beginnt.

Ich bedenke gerade die Folgen für meinen Blog, die sich aus dem Umstand der Existenz von Regallagern ergeben, als mein Gegenüber heftig zu glucksen und lachen anfängt. Sie genießt diese freudige Stimmung, wandert mit ihrem fröhlichen Blick durch den Waggon, irgendwann treffen sich unsere Blicke, sie ist sowas von hocherfreut, ich lächle zurück, sie genießt diesen wunderbaren Augenblick des FreudebeimLesenhabens…

Das sei aber ein amüsantes Buch, versuche ich zu parlieren.

Das sei jetzt drei Viertel lang eher nicht unterhaltsam gewesen, entgegnet sie, aber in der Tat, jetzt habe sie ihren Spaß.

Ob sie mir denn den Titel verraten wolle. Nein, antwortet sie, wir sind ca. 5 Minuten vom Zielbahnhof entfernt, sie klappt ihr Buch zu, lässt es im Bermudavieleck ihrer Handtasche verschwinden… Lächelt mich an, wünscht mir noch einen Tag.

Hallo?

Ich merke mir, dass der Bucheinband aus vier Quadraten besteht, zwei dunkelroten, die sich gegenüber liegen und zwei gelborangenen, ebenfalls gegenüber, ginge auch gar nicht anders.

Da mach ich was draus, denke ich mir.

Ich stehe an der Tür, vor mir die sympathische Buchlacherin. Drücke ihr meine Karte in die Hand, sie solle (frühestens) morgen mal auf meinem Blog vorbeischauen.

Eine Stunde am Nachmittag gönne ich mir, in Google und Amazon nach diesem Cover zu suchen, erfolglos. Ich würde so gerne wissen, was das für ein Buch ist, dass drei Viertel seiner Länge dröge daherkommt, dem man aber treu bleibt, weil man hofft, oder gar weiß, dass danach der Lachbär abgeht…

Publikumsjoker, ich ruf Dich jetzt mal an. Kennst Du so ein Buch?

Und über die Konsequenzen von Lagerregalen, da wird sich was tun hier. Kurzfristig. Bin da voller Ideen.

 

© Ulf Runge, 2013

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