Linksrheinisch

Leben 1006 – Mittwoch, 15.05.13

Linksrheinisch

Linksrheinisch ist gut. Das habe ich selber schon so empfunden. Obwohl ich als Rechtsrheiner gebürtig bin. Aber ich bin in Köln-Nippes auf der richtigen Seite zur Schule gegangen, und auch die Mainzer Jahre waren absolut nicht verkehrt. Die übrigen Jahre meines Lebens habe ich also auf der falschen Seite gelebt?

Seit gestern Abend ist das für mich relativ leicht erklärbar und frei von Widersprüchen. Dr. Manfred Lütz stellt in seinem (zum aktuellen Buch passenden) Vortrag „Bluff!“ gleich mal am Anfang klar, dass es eigentlich nur ein Leben links des Rheines geben kann. Und Bensheim, wo er sich heute Abend aufhalte, sei natürlich auch linksrheinisch, ebenso wie Spanien oder Anatolien, eben weil es sich hier um den Teil der Welt handle, der mit Kultur was am Hut habe. Keinesfalls aber Westfalen, oder gar Ostwestfalen. Und leitet seinen nur vordergründig lustigen und immer unterhaltsamen Vortrag über die Welt(en), in denen wir (zu) leben (glauben), mit der inzwischen allbekannten Bielefeld-Verschwörung ein.

Zwei Stunden und 47 Minuten später, das Buch ist mittlerweile in der kurzen Autogrammstundenpause erworben und signiert, beschließt Dr. Lütz den Abend mit dem Schlussappell aus seinem Buch, sich auf die existenzielle Welt einzulassen, eine Welt voller Liebe, Gefühle, Sinn und Gott. Wir mögen uns die Frage stellen, ob wir uns in den kommenden zwei Wochen unverändert in unseren bevorzugten Milieus, die da sind Wissenschaft ohne Kenntnis der eigenen Grenzen, aufgeschwätzte Phänomene wie Burn-out, Fokussierung auf Medien und Social Media, Überbewertung materieller Werte und spirituelle Scharlatanerie, ob wir uns also auch weiterhin unverändert in diesen Milieus bewegen würden, wenn wir wüssten, dass es unsere letzten beiden Wochen sind.

Bezüglich seiner Einschätzung der „Esoterik“ habe ich vermutlich eine konträre Meinung zu ihm, doch will ich da erst noch einmal in seinem Buch die entsprechenden Stellen nachlesen.

Dr. Lütz plädiert auch, sich doch bitte noch einmal intensiv mit der Kirchengeschichte zu beschäftigen, zumal es das Verdienst des Christentums sei, Mitleid und Nächstenliebe in den Mittelpunkt zu stellen. Diesem Rat zu folgen, tue ich mich schwer, nicht wegen des christlichen Glaubens, sondern alleinig wegen der kirchlichen Institutionen.

Wo ich total konform mit ihm bin, ist seine Antwort auf die Frage, ob denn die Tränen der Tochter wichtiger sind oder die Tagesschau, die gerade von dem traurigen Mädchen gestört wird.

Geradezu köstlich, wenn er darüber berichtet, wie Rheinländer sich neben sich stellen können, wenn sie etwa bei einer Verkehrskontrolle angesprochen werden, sie seien mit dem AUTO in der STADT zu schnell gefahren und hätten MENSCHEN gefährdet: (bitte in Gedanken rheinisch gefärbt mitsprechen und am Ende lang gesprochen die Stimme heben) AUTOOOOO? STADTTTTT? MENSCHENNNNN?

Umwerfend die Schilderung, wie er in Rom auf einer stark befahrenen sechsspurigen Einbahnstraße regelmäßig auf der Busspur verbotenerweise IN GEGENRICHTUNG fuhr. Und eines Tages von einem Polizisten deswegen angehalten wurde. Und diesen Caribiniero mit einer wirklichkeitsumdeutenden Antwort dazu brachte, ihn straffrei weiterfahren zu lassen.

Immer gibt er auch Einblick in seine psychiatrische Praxis, mit der wir alle hoffentlich nie in Berührung kommen. Für alle Fälle verrät er uns die wichtigste Frage, die man sich in der Psychiatrie stellt: „Wie geht’s hier raus?“

Dr. Lütz bringt uns viel zum Schmunzeln und Lachen, und gibt auch immer wieder Augenblicke, da ist es mucksmäuschenstill. Etwa bei der oben berichteten Szene mit den Tränen der Tochter zu Tagesschau-Unzeit.

Ich danke Justus Keller und seinem Team von Lebenskunst Bensheim, dass er immer wieder so unterhaltsame Menschen, die auch etwas zu sagen haben, in die LINKSRHEINISCHE „Provinz“ holt. Oder ist Provinz nur dort, wo zu wenige Leute zu so einem Vortrag hingehen? Der Bürgersaal in Bensheim war auf jeden Fall erneut bis auf den letzten Platz gefüllt. An einem Dienstag Abend.

Wer wissen möchte, warum der 1. FC Köln für die Bewohner der Domstadt das Antidepressivum Nummer 1 ist und warum man bei Vorstellungsgesprächen das rechte Bein über das linke schlagen sollte, darf sich einen Vortrag von Dr. Lütz nicht entgehen lassen.

© Ulf Runge, 2013

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. andrea2110 sagt:

    Lieber Ulf, lieben Dank für Deine unterhaltsame Schilderung eines unterhaltsamen Abends und ich könnte fast zu jedem Thema auch etwas kommentieren – das erspar ich Dir aber und Deinen Lesern:-). Soviel für den Moment: ich hab doch mal heimlich bei Wikipedia gesucht, ob ich auf der richtigen Rheinseite wohne – JA, Glück gehabt und ich finde, das hab ich besonders verdient, weil ich doch schon aus einer Stadt komme, die es eigentlich gar nicht gibt:-). Verschwörerische liebe Grüsse Andrea

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  2. Hase sagt:

    Lieber Ulf,
    danke für deinen wunderbaren Vortrag. Das glaube ich Dir gerne , dass das wieder einmal ein gelunger Abend war, der mir und meinen Lachmuskeln auch bestimmt gefallen hätte.
    Egal auf welcher Seite des Rheins man/frau wohnt, das andere Ufer ist immer die „anner Seit“.
    linksrheinische Grüße
    schunzel :mrgreen:
    Erika 🙂

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  3. Hase sagt:

    P.S. Jetzt hab ich Dich schon im Stillen einen Vortrag halten hören, ich meinte natürlich Deinen Beitrag….. 🙂

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  4. zentao sagt:

    da habe ich ja Glück, dass auch die Schweiz – Linksrheinisch – ist.
    immer interessant Deine Ausführungen.
    Liebe Grüsse Erwin

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