Ostregen

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Leben 981 – Freitag, 01.02.13

Ostregen

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Ich glaube, die nachstehende Begebenheit habe ich noch nicht berichtet. Hier, in diesem meinem Blog. Sie ist einige Jahre her. Ungefähr 25 Jahre. Warum sie mir gerade heute einfällt? Etwa, weil gerade soviel Regenwasser in der Luft ist? Wer weiß…

Ost-Berlin. Die Mauer ist noch nicht geöffnet, ich bin das erste Mal in meinem Leben „drüben“. Habe Westgeld gegen Ostgeld getauscht. Betrete zum ersten Mal den Alex. Das ist der Platz, auf dem es das kommunistische Regime gewagt hat, dem „Langer Lulatsch“ genannten West-Berliner Funkturm ein Pendant gegenüber hinzustellen.

Auf der Glaskugel dieses Ostberliner Fernsehturm ist bei Sonnenschein immer ein Phänomen zu sehen ist, das meine Oma, und nicht nur sie, immer „Die Rache des Papstes“ genannt hat: Die Sonne erzeugt in der horizontalen und in der vertikalen Mitte einen Reflex, und sowas sieht dann aus wie ein Kreuz. Ziemlich unerwünscht im Arbeiter- und Bauernstaat.

Aber nein, heute scheint nicht die Sonne, es regnet in Strömen, ich gehe einige Straßen weiter, bin erstaunt, wieviele Menschen sich bei dem Schmuddelwetter die Nase am Schaufenster einer Buchhandlung platt drücken. Ich suche das Trockene, betrete die Buchhandlung und schaue mich ein bisschen um. Ich willmuss ja das Ostgeld noch unter die Leute bringen. Die Stimmung im Laden erdrückt mich fast. Ich fühle mich beobachtet, habe das Gefühl, als Wessi erkannt zu sein, spüre Kälte um mich herum, Ablehnung in den Gesichtern. Ich finde in der Tat ein Buch, eine mathematische Statistiksammlung, frei von jeglicher Ideologie, gehe zur Kasse, bezahle, verlasse den Laden. Wo immer noch dem Regen trotzende Menschen die Schaufenster anstarren.

Wenige Tage später im Spreewald erzähle ich von meinem ersten Ostberlinbesuch. Nein, die Menschen in der DDR seien weder schaufenster- noch regensüchtig. In ostdeutschen Geschäften sei es üblich, dass nur so viele Menschen den Laden betreten, wie es Einkaufskörbe gebe. Und wenn keines mehr verfügbar sei, werde draußen gewartet. Egal, was das Wetter so zu bieten habe…

Ob ich mir darüber klar sei, wie sehr ich elementarste Regeln ostdeutscher Gemeinschaftskultur verletzt habe?

Betreten schweige ich. Weil ich das nicht gewollt habe. Und weil ich Disziplin und Rücksicht richtig und wichtig halte. Und weil ich finde, dass von Menschen für Menschen aufgestellte Regeln in Grenzsituationen gebrochen werden dürfen. Etwa um die Gesundheit zu erhalten.

Im Rahmen der Wieder(?!)-Vereinigung haben wir Wessis den Ossis eine ganze Menge von ihrer Identität weggenommen, finde ich. Diese Regelung mit den Einkaufskörben und dem strömenden Regen, die vermisst niemand, hoffe ich…

© Ulf Runge, 2013

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