Inkognito

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Leben 951 – Freitag, 19.10.12

Inkognito

 

Das Konzert ist zu Ende, im Foyer stehen Unentwegte, warten darauf, dass sich die Garderobentür öffnet und sich die Künstler – endlich – zur nachkonzertlichen Autogrammstunde einfinden.

Ich bin auch ein Unentwegter.

Ich ertappe mich dabei, wie ich ein attraktives weibliches Gesicht fixiere, immerhin über 20 Meter hinweg, merke, wie mein Blick erwidert wird, spüre die gleiche Irritation bei ihr wie bei mir.

Wir verlieren uns aus den Augen, ich kümmere mich um das Autogramm, mache Fotos von den Künstlern, habe alles im Kasten. Drehe mich um. Da steht SIE direkt vor mir.

Wir lächeln uns an. Immer noch irritiert.

„Entschuldigung!“ fasse ich mir ein Herz, „wir kennen uns, oder? Ich habe keinen blassen Schimmer woher!“ Das gehe ihr genauso, sie meine auch, mich zu kennen, sei aber auch ratlos.

„Arbeiten Sie beim … (es folgt der Name eines lokalen Supermarktes)?“ Sie schüttelt den Kopf und verrät mir, bei welchem Fachgeschäft sie tätig ist.

„Stopp!“ sage ich heftig, „nicht verraten, wie Sie heißen. Sie sind…“ ich prüfe noch mal ab, ob ich richtig liege, ja doch, ich bin mir sicher, „Sie sind Frau … (und ich sage ihr in der Tat zu ihrer vollen Verblüffung ihren Namen).“

„Ich habe mir zum Hobby gemacht“, fahre ich aufklärenderweise fort, „mir die Namen der Menschen zu merken, denen ich immer wieder begegne, z.B. wenn ich in einem Geschäft bedient werde. Sozusagen als kleine Übung gegen Alzheimer.“

Sie ist angenehm berührt, ist sich aber noch nicht so sicher, wie ich denn heiße.

Da kläre ich sie auf, dass ich nicht der bin, für den sie mich halten könnte. Sie kennt mich zwar als den Herrn, der jede Woche die gleichen vorbestellten Artikel abholt. Aber…

„Meine Frau und ich haben nicht den gleichen Namen, und weil das Stress bei der Reinigung und sonstwo geben kann, wenn man was Vorbestelltes abholt, bin ich für die Geschäfte hier immer unter dem Namen meiner Frau aufgetreten.“ Ich gebe ihr meine Visitenkarte, sie liest meinen Namen, und in der Tat, diesen Namen kann sie mit meinem Gesicht nicht in Verbindung bringen.

Auf einmal fangen ihre Augen zu funkeln an. „Das wird ein Spaß!“ sagt sie.

„Was wird ein Spaß?“ will ich von ihr wissen.

„Oh, wenn Sie am Samstag das Geschäft betreten, und ich Sie – statt mit Ihrem Inkognito-Namen – überraschenderweise mit ‚Guten Tag, Herr Runge‘ begrüße!“

© Ulf Runge, 2012

 

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Hase sagt:

    Lieber Ulf,

    Deine Phantasie geht Dir nie aus , das ist einfach klasse und belebt Deinen Alltag.
    Heute ist Samstag , mal gespannt, ob „SIE“ das in die Tat umgesetzt hat, Herr Runge !

    wünsche Dir ein schönes Wochenende
    liebe Grüße
    Erika 🙂

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  2. Ulf Runge sagt:

    Liebe Erika,
    danke!
    Ja, SIE hat es nicht vergessen, und ich habe Ihr einen Ausdruck von diesem Beitrag mitgebracht.
    Leider war so viel Trubel ringsum, dass es niemand gemerkt hat. Da ich da aber regelmäßig hingehe, wird der Augenblick noch kommen, wo die Lauscher der KollegInnen bei der Nennung meines Namens senkrecht stehen werden…
    Liebe Grüße,
    Ulf

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