Weinreich

Leben 937 – Samstag, 29.09.12

Weinreich

Es war einmal vor langer, langer Zeit, dass es zwei Königreiche gab. Das eine wurde von einer Königin regiert, das andere von einem König. Beide Länder waren einander spinnefeind, weil sie den Namen ihres Königreiches für sich alleine beanspruchten: Weinreich.

Und deshalb nannte sich die Königin Weinkönigin und der König Weinkönig. Sie hatten einander noch nie persönlichen Kontakt gehabt, aber es war „gute“ Tradition, dass die man das Nachbarreich verachtete. Kriege führten sie nicht, dafür waren sie zu friedliebend, die beiden Weinvölker.

Im Reich der Weinkönigin wurden die wundersamsten und wundervollsten Rebsorten angebaut und Weine kreiert, die nicht nur gut schmeckten, sondern auch beim Kauf zur Erheiterung führten, etwa , wenn jemand Kröver Nacktarsch oder Oppenheimer Krötenbrunnen haben wollte.

Im Reich des Weinkönigs war alles anders. Sein Reich war auch ein fruchtbares Land. Aber  die einzige Nutzpflanze, die hier gedieh, war die Zwiebel. Und wann immer es galt, die Zwiebeln zu verarbeiten, blieb den Menschen nichts anderen übrig, als den ganzen lieben langen Tag zu weinen. Es gibt Gerüchte, dass eine Delegation aus dem Königin-Weinreich dem König-Weinreich den Vorschlag gemacht haben soll, sich in Heul-doch-Land umzubenennen. Worauf die Delegation mit Zwiebelsud übergossen worden sei und zurückgejagt in deren Weinreich. Gerüchte. Muss man nicht alles glauben.

Der Umgang mit Zwiebeln ist bei weitem schwieriger als der mit Wein. Anders ist es nicht erklärbar, dass Städtenamen wie Darmstadt oder gar Pforzheim entstanden sind.

Eines Tages wurde die Weinkönigin schwer krank und ihre Ärzte waren ratlos wie noch nie. Das Fieber konnte selbst durch die Verabreichung von Eiswein nicht gesenkt werden. In höchster Not wendete sich das königinliche Weinamt an das königliche Weinamt, ob man man eine Idee oder gar Hilfe wüsste.

Der Weinkönig himself nahm sich der  Sache an, schnitt einige Zwiebeln in Ringe, legte sie in ein Tongefäß, etwas Wasser und Zucker drüber, und ließ das Ganze über Nacht ziehen.

Die kranke Weinkönigin war erstaunt, den von ihr doch so verachteten Weinkönig an ihrem Krankenbett zu sehen, wie er ihr seine Zwiebeltinktur in den Mund löffelte.

Machen wir es kurz. Die beiden haben ineinander die große Liebe gefunden und sind inzwischen stolze Eltern von süßen Weinprinzessinnen und –prinzen.

Im königinlichen Weinreich ist die Zwiebelsafttinktur DAS ERKÄLTUNGSABWEHRMITTEL schlecht hin, und in allen Weinstuben des Reiches wird neuerdings Zwiebelkuchen ohne Ende angeboten.

Und im königlichen Weinreich haben die Zwiebelbierbars dicht gemacht. Stattdessen gibt es in jedem Ort jetzt eine Vinothek mit den Köstlichkeiten des Nachbarreiches.

Und wenn sie nicht gestorben sind, wählen das Vereinigte Zwiebel- und Wein-Königreich jährlich die Weinköniginnen und Weinprinzessinnen aus dem Kreis der Weinköniginnen der abgelaufenen Session.  Das war auch heute so. Ich gratuliere allen Gewählten und nicht Gewählten, dass sie ihre Chance genutzt haben, einer breiten Öffentlichkeit zu zeigen, dass sie nicht nur ausgesprochen ansehnlich sind, sondern total was auf dem Kasten haben und voll sympthischer Ausstrahlung sind.

© Ulf Runge, 2012

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. Hase sagt:

    „Ich gratuliere allen Gewählten und nicht Gewählten, dass sie ihre Chance genutzt haben, einer breiten Öffentlichkeit zu zeigen, dass sie nicht nur ausgesprochen ansehnlich sind, sondern total was auf dem Kasten haben und voll sympthischer Ausstrahlung sind.“

    Auch der scheidenden „Deutschen Weinkönigin“ Annika, die ja auch aus unserer Verbandsgemeinde kam , noch einmal ganz herzlichen Dank ..

    Dem kann ich mich nur anschließen, lieber Ulf . Vielen Dank für Deinen „reichen“ Beitrag.
    liebe Grüße
    aus Rheinhessen
    Erika 🙂

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  2. Hase sagt:

    P.S. „Wein-reicher“ Beitrag müsste es natürlich richtig heißen!!!!!!

    es wurde auch geweint gestern, aber ein edler Tropfen Wein wird die Tränen in kostbare Essenz verwandeln….

    Einen schönen Sonntag !
    Erika 🙂
    *schunzel*

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  3. Und der Autor stammt scheinbar aus dem Pointenreich. Köstlich 🙂

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  4. Ulf Runge sagt:

    Liebe Erika,

    das waren und sind allesamt Sympathieträger, und insgeheim stelle ich mir die Frage, warum es keinen Weinkönig gibt…

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  5. Ulf Runge sagt:

    Lieber Roland, danke für diese schöne Wortschöpfung.
    Und da stelle ich mir die Frage, wenn eine Pointe weiblich ist, wie heißt dann ihr männliches Pendant? Point?
    Liebe Grüße,
    Ulf

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  6. Hase sagt:

    Lieber Ulf,
    Dich würde ich sofort als Kanditat zur „Wahl des ersten Deutschen Weinkönigs“ nominieren.
    DAS wäre doch die Krönung , oder ????
    *Schunzel*
    Erika

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  7. Ulf Runge sagt:

    das war dann einen jacobs krönung wert…
    rückschunzel…

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