Vier Vier Acht Acht

Leben 915 – Freitag, 27.07.12

Vier Vier Acht Acht

Ich bin Tunnelblick-Mann. Sehe den verwelkten Blumenstrauß, der eine Woche lang von mir unbemerkt im Wohnzimmer gestanden hat, das erste Mal, wenn er gleich auf den Biokompost wandert. Angeblich seien alle Männer Tunnelblicker.

Manchmal bin ich aber auch keiner. Dann sehe ich Dinge, die ich eigentlich niemals sehen würde.

Ich gehe mit dem Hund spazieren. Mein Blick fällt auf einen Zigarettenautomaten. Was sollte mich ein Zigarettenautomat interessieren? Genau. Gar nicht. Ich entdecke im Scheckkartenschlitz was? Genau. Eine Scheckkarte. Nehme sie heraus. Und nehme mir vor, sie dem Besitzer noch heute Abend zukommen zu lassen. Wenn möglich.

Immerhin ist die Karte von einer lokalen Bank. Da besteht Hoffnung.

Zu Hause. Telefonbuch (aus Papier, ja sowas gibt es noch). Werde nur für den Nachnamen fündig, aber nicht für den Vornamen.

Internet. Mein Suchergebnis wird nicht besser. Eine Person mit diesem Namen gibt es zwar im Netz, aber so wie ich das einschätze, weit in der Fremde. Und sogar als Olympiateilnehmer. Lach.

Ich rufe den einzigen Eintrag an, der in meinem Ort zum Nachnamen passt.

Eine weibliche Stimme in reifem Alter meldet sich, ich frage sie, ob sie eine Person kennt, die den gleichen Nachnamen hat wie sie, aber eben den von mir gesuchten Vornamen. Das Schweigen in der Telefonleitung will mir pure Irritation mitteilen. Ich erkläre, das ich etwas gefunden habe, was dieser Person gehört, aber keine Details mitteilen möchte, um sicherzustellen, dass der rechtmäßige Besitzer gefunden wird.

Ja, doch, den Namen kennt sie, das sei ihr Kind, und sie werde versuchen, es umgehend zu erreichen.

5 Minuten später klingelt bei mir das Telefon.

Am anderen Ende eine Person, die sich als die gesuchte ausgibt.

„Sie haben etwas gefunden, was mir fehlen soll! Ich vermisse nichts. Schlüssel, Ausweis, Scheckkarten, Portemonnaie. Alles da.“

Ich mache meinem Gesprächspartner klar, dass er mir schon beschreiben sollte, was ihm fehlt, und dass das natürlich schwierig ist, wenn nichts vermisst wird.

„Sie haben mir eben gesagt, was sie alles haben. Wollen Sie das nicht noch mal kritisch prüfen.“

Die nichts vermissende Person raschelt, durchsucht ihre wichtigen Utensilien, als sie auf einmal sagt: „Ne, oder? 4488! Die letzten vier Ziffern sind 4488! Das ist die Scheckkarte für das Taschengeldkonto meiner Tochter. Die haben Sie gefunden?“

Ich lächle, bestätige, dass diese Vermutung voll zutrifft, kurz darauf ist die Person bei mir, holt die Scheckkarte ihrer Tochter ab, bedankt sich ganz herzlich und meint dann noch kurz: „Jetzt will ich doch mal sehen, welche Erklärung ich zum Fundort Zigarettenautomat bekomme…“

Wir lächeln.

Später guck ich noch mal im Netz. Werde jetzt doch fündig. Das war jetzt in der Tat ein mehrfacher Deutscher Meister. Und Olympiateilnehmer. Wow.

© Ulf Runge, 2012

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Maria H sagt:

    Lieber Ulf,
    Du bist ein aufmerksamer netter Mensch! Und das arme Kind bekommt nun doppelten Ärger…einmal Karte vergessen und dann noch am Zigarettenautomat….O je !!!
    Liebe Grüße
    Maria

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  2. Ulf Runge sagt:

    ich vermute, dass zigarettenkonsum für den besagten elternteil nichts wirklich neues war…
    liebe maria, eine standpauke wegen dem rauchen kann in der tat nichts schaden…
    lg ulf

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  3. Maria H sagt:

    das stimmt…..
    wenn der besagte Elternteil aber selbst Zigaretten konsumiert, kommt das nicht wirklich so an wie es sollte…
    LG Maria

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  4. Ulf Runge sagt:

    das ist mir unbekannt, ob der elternteil auch raucht. als ehemaliger hochleistungssportler wohl eher nicht, liebe maria…

    liebe grüße,
    ulf

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  5. Maria H sagt:

    oh..da hab ich was falsch verstanden. Ich dachte Du hättest bei dem Elternteil vermutet dass er selbst raucht.
    LG Maria

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  6. Ulf Runge sagt:

    sorry, liebe maria, da habe ich mich vermutlich nicht präzise genug ausgedrückt…

    liebe grüße,
    ulf

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  7. Witha sagt:

    Die Geschichte gefällt mir, nur nützt den Eltern das Meckern über die Raucherei wohl nix, da die Tochter 18 sein muss, um Zigaretten am Automaten zu bekommen 😉

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  8. Ulf Runge sagt:

    Liebe Witha,
    ahem, wenn ein Elternteil ein Taschengeldkonto unter dem Namen des Elternteils einrichtet, dann wird sich der Zigarettenautomat nicht verweigern…
    Liebe Grüße,
    Ulf

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