Taxiteilung

Leben 914 – Donnerstag, 26.0712

Taxiteilung

Was für ein Abend. Eine weitere Vorlesung in Sache Murphylogie durch wen? Ja, genau, die Bahn. Frei nach dem Motto „… und es kam schlimmer.“

Nicht drängeln, bitte, schön der Reihe nach.

Ich bleib ein paar Minuten länger im Büro, nehme in Kauf, dass ich die nicht-klimatisierte 1806 Regionalbahn nicht mehr erreiche, sondern den späteren, ein bisschen klimatisierten Intercity um 1820, mit dem ich später auf den 1806 umsteigen kann.

Als ich auf dem Gleis ankommen, bemerke ich, dass der Zug zwei Loks hat. Vermutlich eine, die tut, und eine, die schon nicht mehr tut. Auf der Hinweistafel: „Heute ohne Wagen 11“.

Bedeutend mehr Fahrgäste als gestern Abend, nehme ich schon mal wahr, beeile mich, einen Sitzplatz zu bekommen, habe Erfolg, komme neben einer sehr freundlichen jungen Dame zu sitzen.

Wir beide hören eine leicht entnervte Zugbegleiterin, noch vor Abfahrt des Zuges, die darauf hinweist, dass Wagen 12 wegen ausgefallener Klimanlage nicht genutzt werden kann. Egal, ob 11 oder 12, es gibt leichtes Gängegedränge, die Fahrgäste tun selbstständig das, worauf sie nun per Lautsprecher hingewiesen werden. Sie sollen sich auf die anderen Waggons verteilen. Super-Tipp. Meine Nachbarin und ich schauen uns an.

Sie will nach Lindau, ist auf diesen Zug ausgewichen, weil ihr ICE 70 Minuten Verspätung hat. Und unser erscheine ihr die sichere Variante als auf den schnelleren Zug zu warten, von dem man jetzt noch gar nicht wissen können, wieviel Verspätung der dann wirklich haben werde.

Das Gängegedränge nimmt zu, ich ahne, was kommt, und es kommt. Durchsage: „Mit so vielen Fahrgästen in den Gängen dürfen wir aus Sicherheitsgründen nicht starten.“ Wer keinen Sitzplatz hat, solle auf den Regionalverkehr oder spätere Züge ausweichen.

Ich bin froh, dass Handy, mp3-Player und Laptop geladen sind, meinetwegen soll die Fahrt dauern, so lange, wie sie will, wegen der Verzögerung ist mir klar, dass mein 1806 Anschluss futsch sein wird.

Egal.

Wir fahren mit gut 10 Minuten Verspätung los. Halten nach 1 Minute. Und werden gebeten, „die Türen geschlossen zu halten“. Gerne. Tun wir.

Wenig später erfahren wir, dass wir Verspätung haben. Wegen hohen Fahrgastaufkommens. Der ganze Waggon gröhlt laut auf.

Bei der Einfahrt nach Darmstadt werden wir auf zwei Anschlüsse hingewiesen, die (fast) niemand braucht: Die S-Bahn zurück nach Frankfurt und die Regionalbahn nach Wiesbaden. Ob die, die solche Durchsagen vorbereiten, selber mit der Bahn fahren?

Ich mach es kurz. In Bensheim ist mein Anschluss futsch, und ein weiterer Waggon wird geschlossen wegen ausgefallener Klima-Anlage. Arbeit für Sie, Herr Ramsauer, sage ich mal. Das dauert geschlagene 10 Minuten, bis der nächste Waggon geräumt ist.

Ich nehme einen Regionalexpress, der mich noch eine Station weiterbringt, bis ungefähr 45 Fußminuten von meinem eigentlichen Ziel entfernt.

Das ist eine blöde Geschichte, oder? So eine habe ich schon mal erzählt, oder so ähnlich. Denkst Du Dir.

Ich sage Dir was, JETZT fängt diese Geschichte erst an.

Ich verlasse den Bahnhof in Vettelheim und suche mir ein Wollen-wir-gemeinsam-ein-Taxi-nehmen?-Opfer.

Ich spreche einen freundlich dreinschauenden Herrn an, der auf dem Weg zum Taxi-Stand ist. Ob er auch wie ich hier gestrandet sei und jetzt nach L. wolle. Er stutzt, zögert, dann nickt er, ja, er wolle auch nach L.

Was ich denn mit „gestrandet“ meine. Da er von Anfang den Regionalexpress benutzt hat, kennt er „meine Geschichte“ nicht, die ich ihm zeitrafferartig erzähle.

Ob er jetzt auch mit dem Taxi nach L. fahren wolle.

Hm, er sei mit seinem Auto hier.

„Schade, sonst hätten wir uns das Taxi teilen können.“ Ich verabschiede mich von ihm, worauf er entgegnet: „Sie können gerne bei mir mitfahren.“

Warum brauchen Happyends eigentlich immer einen so langen Anlauf?

© Ulf Runge, 2012

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Der Emil sagt:

    Du mußt doch nicht so iel Anlauf nehmen!? Mancmal reicht es, aus dem Stand loszuspringen 😉

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  2. andrea2110 sagt:

    Weil sonst der Film/die Geschichte zu schnell zu Ende wäre:-) Und das wäre auf jeden Fall hier bei Dir sehr schade, lieber Ulf… Liebe Grüsse Andrea

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  3. Ulf Runge sagt:

    Lieber Emil, Du hast recht. Manchmal reichen zwei Sätze, um einen nachdenklich zu machen oder gut zu unterhalten.
    Und manchmal nimmt man einen Anlauf, um ein unerwartetes Ende zuzulassen.
    Liebe Grüße,
    Ulf

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  4. Ulf Runge sagt:

    In der Tat, liebe Andrea, wartest Du schon begierig auf erwartet-unerwartetes Ende. Ich habe immer wieder Freude, wenn ich Dich und die anderen LeserInnen überraschen kann.
    Liebe Grüße,
    Ulf

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