Zerronnen

am

Leben 854 – Samstag, 26.05.12

Zerronnen

„Die S-Bahn krieg ich nicht mehr!“, dachte ich, als ich die lange Treppe hinaufstürmte, an deren Ende die Fußgängerbrücke zum S-Bahnhof begann. War ja auch selber schuld, hatte ich doch an zwei Engpässen der Damenwelt den Vortritt gelassen, was mich kostbare Sekunden gekostet hatte.

Da! Ein eiliger Herr spurtet gefühlte 15 Sekunden vor mir hinter der Brücke die Treppen hinunter, voller Hoffnung, den Zug noch erreichen zu können. „Wenn der die noch kriegt…“ denke ich mir, schöpfe neue Hoffnung, renne weiter, gehe hohes Risiko, aber vielleicht klappt es noch.

„Mist!“ denke ich mir, der Herr ist im Waggon, die Tür schließt gerade, der Zug ist im wörtlichsten Sinne des Wortes abgefahren.

Doch was ist das? Ein Damenschuh schwebt knapp über dem Boden aus der Tür heraus, daran ein Damenbein, mein Blick fährt hoch zu ihren Gesicht, sie lächelt mich an, hat doppelt Spaß, weil sie mir einen Gefallen getan hat. Und meine Überraschung genießt.

Ich bedanke mich.

Genieße, dass ich doch noch aufspringen durfte. Jetzt bekomme ich doch noch den früheren Anschluss. Schenkt mir ungefährt eine Viertelstunde. Prima!

Die S-Bahn fährt los. Hält an der nächsten Station. Meine Retterin verlässt den Zug. Die Tür geht zu. Und ich stehe hier dumm rum. Als mir klar wird, dass ich jetzt doch der Retter für die Spätdranseienden an dieser Station sein könnte. Ich gehe zur Tür, sehe eine eilige Frau, drücke auf den Türknopf, sie darf noch rein, ich genieße ich überraschtes Lächeln, sie ist froh, dass sie noch mit darf.

Ein älterer Herr mit Renternferrari kommt daher gezuckelt, ich drücke erneut den Knopf, die Tür geht auf, er darf noch mit.

Als ich zum fünften Mal  Retter sein darf und schon etwas verwundert bin und mich frage, ob ich gleich gelyncht werde, weil ich den Zug aufhalte, kommt eine Durchsage: „Herr Runge, finden Sie das lustig, wir wollen endlich abfahren!“

Nein, Blödsinn, die Durchsage ist eine andere: „Wir haben auf unbestimmte Zeit Aufenthalt, wir haben eine Stellwerkstörung, wir empfehlen die Straßenbahn zu benutzen!“

Und meine Retterei war dann doch keine. Die meisten verließen mit mir die S-Bahn.

Aus der gewonnenen Viertelstunde wurde ein einstündiger Aufenthalt im Hauptbahnhof.

Was hätte Donald Duck jetzt gesagt? „Wie gewonnen so zerronnen!“

 

© Ulf Runge, 2012

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Maria H sagt:

    Lieber Ulf,
    dass der Zug nicht abfahren konnte schmälert Deine Rettungsaktion nicht im mindesten. Das konnte ja keiner voraussehen.
    Gerettet ist gerettet!!!!!!!
    🙂
    Liebe Grüße
    Maria

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