Die Baustelle

Leben 828 – Samstag, 31.03.12

Die Baustelle

„Die Baustelle war gestern noch nicht hier! Ich bin gestern erst hier lang gefahren, und da gab es sie noch nicht.“ Höre ich den Fahrer sagen. Ein älterer Herr, dem ich dankbar bin, dass er mich zusammen mit einem anderen gestrandeten Eisenbahnpendler ein Stück des Weges mitnimmt.

„So ein Quatsch!“ denke ich, „die Baustelle ist schon seit ein paar Monate so eingerichtet!“ In der Tat ist sie so speziell abgesichert und markiert, dass ein temporäres, etwa nächtliches Verwandeln dieser Verkehrsschikane in einen unmerklichen Gutzustand für mich ausgeschlossen erscheint.

Was würde es mir bringen, wenn ich es ihm jetzt sage, dass er Unrecht hat? Der Wahrheit, was auch immer das ist, wäre zum Durchbruch verholfen. Der Mann allerdings wäre vermutlich sauer auf mich, dass ich ihn, der so nett ist zu mir, einer Lüge oder Unwahrheit bezichtige.

Es könnte auch sein, dass ich ihn, den Älteren von uns beiden, in einen traurigen Zustand bringen würde. Zweifel, ob er denn noch lebens- und verkehrstüchtig genug sei, Zweifel, die womöglich schon länger an ihm nagen, könnten hochkommen, könnten erst recht dazu führen, dass er ab sofort mit der immerpräsenten Angst lebt, nicht mehr tauglich genug zu sein fürs Leben.

Wenn ich mir vorstelle, der Mann wäre so alt wie ich, dann könnte es ja nicht das Alter sein, oder? Dann würde ich ihm zubilligen, dass er einfach voll im Unterbewusstsein hier lang gefahren ist, gestern. Und die Baustelle gar nicht (mit seinem Bewusstsein) sehen  konnte.

Ich glaube, dieses Recht, so „fehlerhaft“ zu sein wie wir Jüngeren, sollten wir auch denen zubilligen, denen man gerne altersbedingt jede Menge Vorurteile zuschiebt.

Ich WEISS, dass die Baustelle gestern da war. Er, besser sein Bewusstsein, WEISS, dass die Baustelle gestern nicht da. Wo liegt das Problem?

© Ulf Runge, 2012

9 Kommentare Gib deinen ab

  1. Hase sagt:

    Lieber Ulf,
    danke für Deine „Baustelle“, die viele Gedankengänge in Bewegung setzen.
    Es hat m.E. nichts mit dem Alter zu tun, sondern mit der Aufmerksamkeit (Bewusstheit) , wie man die Dinge oder Situationen wahrnimmt. Es ist also Vorsicht geboten, Vorurteile gegenüber älteren Menschen einfach so gedankenlos zu nähren…..
    Ich musste das jetzt gerade einmal meinem Mann vorlesen, der sich ebenso an Deinem Schreibtalent erfreute. Ich selbst bin vorsichtiger mit meinen Behauptungen geworden, weil ich mir manchmal gar nicht mehr sicher bin letztendlich. Was bringt es auch, auf sein Recht zu pochen. Kompliment über Dein Verhalten.
    Danke , dass Du immer wieder zum Nachdenken anregst
    Liebe Grüße
    Erika 🙂

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  2. Ulf Runge sagt:

    Liebe Erika,

    es freut mich, dass Deinem Mann diese Schilderung gefällt.
    Diese Begebenheit ist ein schönes Beispiel, dass wir alle unsere eigene Wahrheit haben.
    Und dass unsere Wahrnehmung uns nicht immer dabei hilft zu verstehen, warum andere anders ticken.
    Vorurteile und Schubladendenken sollten wir immer wieder in die Schranken weisen, wenn wir sie an uns bemerken…

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  3. Hase sagt:

    Lieber Ulf,
    vielen Dank für Deine Antwort. Ja, mein Mann hat seine Bauingen.-Laufbahn gerade beendet…. Er genießt jetzt seine Altersteilzeit, und vielleicht kann ich ihn ja auch noch für Deine Beiträge in Zukunft begeistern, wenn er nicht gerade auf ornithologischen Reisen ist.
    Liebe Grüße
    Erika 🙂

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  4. Ulf Runge sagt:

    Liebe Erika,

    ich werde mich anstrengen,

    liebe Grüße,
    Ulf

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  5. Hase sagt:

    Lieber Ulf,
    das brauchst Du überhaupt nicht….
    ICH werde mich anstrengen müssen ….. ihm SEINE Zeit zu lassen!!!
    Er interessiert sich eigentlich gar nicht für meine „Blog“ Interessen, aber bei Deinen Beiträgen, die ich ihm schon vorgelesen hab, hat er zugehört und gelächelt ! Das soll was heißen………..Mich hat es auch gefreut.
    herzliche Grüße
    Erika

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  6. Ulf Runge sagt:

    Männer…

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  7. Hase sagt:

    ja, die Männer 😉 schön, dass es Euch gibt 😉 ♥

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  8. Maria H sagt:

    Lieber Ulf,

    KEIN PROBLEM !!

    Man muss nicht immer alles richtigstellen, weil man es besser weiß. Schon gar nicht, wenn man dadurch jemanden verletzen oder beschämen würde.
    Ist doch völlig egal ob die Baustelle gestern schon da war, oder heute erst…oder?

    Liebe Grüße
    Maria

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  9. Ulf Runge sagt:

    Liebe Maria,

    danke, das hast Du schön auf den Punkt gebracht.

    Dir noch einen schönen Sonntag,
    liebe Grüße,
    Ulf

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