ich bin ja noch ein Kind

Leben 818 – Dienstag, 13.03.12

 

ich bin ja noch ein Kind

Ich sitze im Kinderzimmer, spiele mit Legobausteinen und Wiking-Autos. Wir wohnen noch nicht lange in Köln. Sind erst von zwei Jahren von (West-) Berlin hierher gezogen. Omas und Opas, Tanten und Onkels, Cousinen und Cousins leben in unserer Heimatstadt. Die Kinderzimmertür öffnet sich, meine Eltern nehmen meinen Bruder und mich zu sich, Tränen in den Augen. Man habe eine Mauer gebaut, am Brandenburger Tor, die Grenze sei dicht, die (sowjetisch besetzte) „Zone“ abgeriegelt. Panzer seien aufgefahren.

Bilder wie dieses gehen mir durch den Kopf, Willy Brandts historische Fahrt mit den Sonderzug, nein nicht nach Pankow, ich glaube, er ist nach Erfurt gefahren damals; Montags-Demos, die Botschaft in Prag, die Grenzöffnung 1989.

Nazis marschieren im Video auf und werden couragiert von der Bühne, aus der Stadt gewiesen. Unrechtsregime wie das in Syrien werden an den Pranger gestellt.

Kinder hinterfragen die Sinnlosigkeit von Kriegen. Ich frage mich, wie viele hier im Saal bei einem Krieg Deutschland gegen Deutschland aufeinander geschossen hätten, heute tot oder kriegsversehrt wären. Und dürfen nun hier friedlich miteinander feiern.

Dass es möglich ist, mit deutscher Sprache Rockmusik vom Feinsten zu machen.

Dass es möglich ist, mit politischen Balladen Fest-Hallen zu füllen.

Dass es möglich ist, mit anspruchsvollen Texten immer wieder in den Charts zu landen.

Und Udo L. toppt das noch, indem er seiner kaum für möglich gehaltenen Freude Ausdruck gibt, dass am Potsdamer Platz statt eines Todesstreifens jemals ein Musical-Theater stehen würde, das seine Geschichte einer grenzgetrennten Liebe erzählen würde.

Ich gestehe zu meiner Schande, dass ich von diesem außergewöhnlichen und sicherlich auch oft befremdlichen Künstler noch keinen Tonträger habe, seine Lieder immer wieder „nur im Radio“ gehört habe. Das werde ich ändern. Ich total begeistert von der Authentizität, mit der Udo Lindenberg und sein Panikorchester die Festhalle in Frankfurt am Main am 11. März 2012 in ihren Bann ziehen.

Von der soeben gestarten Tournee gibt es schon viele Videos im Netz, die sicherlich bald schon wieder aus kopierrechtlichen Gründen verschwunden sein werden. Es lohnt sich, hier mal reinzuklicken. Mehr noch lohnt es sich, irgendwie noch an eine Karte ranzukommen, die hier oder dort für eines der Tourneekonzerte angeboten wird.

Ich will hier auch gar nicht die Show nacherzählen. Das bringt gar nichts. Mich auf ein paar Impressionen beschränken.

Während „Null Rhesus Negativ“ einfach nur witzig ist und mit Vampir und Sarg den Tod vermeintlich ins Lächerliche zieht, zeigt Udo L. sehr wohl mit tiefer Ernsthaftigkeit, dass er dem Tod auf dieser Musikbühne sehr wohl einen angemessene, nachdenklichen, würdevollen Platz zu geben vermag. In mir wird es ganz still, als er für seinen toten Bruder Erich in „Stark wie zwei“ singt: „Du bist wie schon so oft ein Pionier, Du reist jetzt schon mal vor…“

In einem Instrumentalsong erinnern Udo L. und sein Panikorchester an viele MusikerInnen, denen wir alle noch ein längeres Leben und Wirken gegönnt hätten.

Wunderbar erhebend sind die Gesangsduette, die er mit den mir ehrlicherweise nicht bekannten jungen Künstlerinnen singt, „Was hat die Zeit mit uns gemacht“ und „Hinter dem Horizont geht’s weiter“ (mein ganz persönliches Lieblingslied aus Udos Repertoire). Josephin Busch aus Berlin, die Protagonistin in seinem Musical, singt mit ihm das „Mädchen aus Ost-Berlin“ „Gegen die Strömung“ (danke für den Hinweis…).

Natürlich kein Udo-Konzert ohne den „Sonderzug nach Pankow“. Oder „Cello“. „Ich mach mein Ding!“ Wow! Jaaaa!

Und ziemlich unter die Haut geht es, wenn Kinderstimmen fragen: „Wozu sind Kriege da“? In „Straßenfieber“ thematisiert er den „Gelduntergang“, nimmt sich die moral-freie Raffgier ungebremster Gewinnsucht zur Brust.

Frei nach dem Werbespruch aus den 60ern des vergangenen Jahrhunderts „Es ist nie zu spät, aber selten zu früh“ resümiere ich nach zweieinhalb Stunden bester Unterhaltung durch zauberhafte Stimmen (nein, nicht die von Udo), ehrlichem Gesang (ja, der von Udo), rassigem Gitarren-, Keyboard- und Schlagzeug-Sound sowie anmutiger Körperakrobatik und in den Bann ziehender Lichttechnik und Videotechnik:

„Schade, dass ich jetzt erst Udo-Lindenberg-Fan geworden bin. Schön, dass ich jetzt schon werden durfte.“

Hier ein Bericht vom hr-Fernsehen.

© Ulf Runge, 2011

10 Kommentare Gib deinen ab

  1. Andrea2110 sagt:

    Lieber Ulf, jetzt sitze ich hier mit Gänsehaut und Tränen der (Be-)Rührung beim Lesen, waoh, was Du hier rüberbringst, „das geht ganz tief rein“-wie Udo in auch meinen Lieblingskind von Horizont singt. Ich bin schon seit meiner Schulzeit Fan, verbinde viele schöne Erinnerungen mit seinen Songs und habe diverse Cd’s. Dass er mit seiner tollen Version von Cello n den Charts ganz oben steht, freut mich so, irgendwie hat er es allen nochmal so richtig gezeigt..,

    Es muss doch noch irgendwo Karten geben, ich mach mich mal auf die Suche…
    Ganz liebe Grüsse und ein herzliches Dankeschön für diesen wunderbaren Beitrag, Andrea

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  2. Ulrike sagt:

    Lieber Ulf,

    mir geht es ähnlich wie Dir – ich habe die Lieder bisher auch „nur“ im Radio gehört und besitze keine CDs von ihm. Deine Schilderung hat mich allerdings auch in den Bann gezogen … und erinnert an diverse Konzerte, in die ich MITgegangen bin und die mich dann ähnlich überrascht haben wie Du es hier schilderst. Ein Udo-Jürgens-Konzert z.B. … oder, ein besonderes Highlight … (ups, jetzt seh ich den jungen Mann aus Belgien klar vor mir, aber der Name ist grad weg 😦 ) … na ja, es war ein Open-Air-Konzert in der Bundesgartenschau in Leverkusen, vor etlichen Jahren. Ein Geburtstagsgeschenk für meine Tante zum 70. … wohin ich sie dann mit meiner Mutter begleitet habe. Und ich war – obwohl ich mit Vorbehalten hingefahren bin 😉 – schwer begeistert!

    Etwas wirklich extrem Sehenswertes habe ich letzte Woche genießen dürfen – eine Aufführung von 20 Jugendlichen, die nach dem Schulabschluss keine Stelle fanden und im Rahmen einer „Orientierungsmaßnahme“ innerhalb von 5 Monaten ein Theaterstück selbst erdacht und eingeübt haben (mit der Hilfe eines Theaterpädagogen). JobAct nennt sich diese Initiative … und das was gezeigt wurde ging mir sehr unter die Haut, weil es ganz viele geschafft haben, SICH zu spielen und unglaublich authentisch dabei waren. Hätte ich Ausbildungs- / Arbeitsplätze zu vergeben (hoffentlich ist das bald so! 🙂 ) – ich hätte sie vom Fleck weg engagiert …

    Danke für’s Anstubsen all dieser Erinnerungen!

    Liebe Grüße und einen wundervollen Tag,
    Ulrike

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  3. Hase sagt:

    Lieber Ulf,
    danke für Deinen ausführlichen interessanten Bericht.
    Ich war nie ein Fan von Udo Lindenberg. Mir gefielen seine Lieder einfach nicht.
    Als ich aber letztens das neue Lied „Cello“ hörte, dachte ich auf einmal, dass mir das ja doch gefällt und war überrascht, dass man von ihm immer noch hört.
    Dein Bericht lässt mich nachdenken und vielleicht die Vorurteile von meiner Jugend ablegen.
    Danke auch für den link am Ende des Beitrags. Schon beachtlich…..
    Liebe Grüße
    Erika

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  4. Maria H sagt:

    Lieber Ulf,
    ich bin kein Fan von Udo L. und werde es wohl auch nicht werden.
    Aber ich habe mir soeben “ Stark wie zwei “ angehört und es ging mir unter die Haut!
    Ebenso wie Dein Bericht!!

    Liebe Grüße
    Maria

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  5. Ulf Runge sagt:

    danke für Eure tollen Kommentare. beantworte ich noch diese woche. lg ulf

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  6. Hase sagt:

    Nur kein Stress, lieber ULF 😉

    IN DER RUHE LIEGT DIE KRAFT

    liebe Grüße
    Erika 😆

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  7. Ulf Runge sagt:

    Liebe Andrea,

    danke für Deinen tollen Kommentar.
    Ich drücke Dir die Daumen, dass Du noch Karten bekommst / bekommen hast. In Köln sind ja noch Zusatzkonzerte terminiert worden….

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  8. Ulf Runge sagt:

    Liebe Ulli,

    danke, dass Du uns an Deinen Erinnerungsbilder teilhaben lässt.

    Ich habe die datenträgerfreie Zeit bezüglich Udo L für mich geändert und mir gestern das Unplugged Album vom vergangenen Jahr zugelegt. Bärenstark…

    Du hast recht. Wir sollten uns nicht nur auf die Großen fokussieren, auf die Stars. Es gibt so viel Authentisches, was um einen herum passiert, man muss nur die Augen und Ohren aufmachen. Danke, dass Du auf diese JobAct „Maßnahme“ hingewiesen hast.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  9. Ulf Runge sagt:

    Liebe Erika,

    auch wenn Udo Lindenberg nicht der Traumschwiegersohn deutscher Mütter ist, lächel, er hat etwas von Geradlinigkeit. Das gefällt mir an ihm.

    Die Bandbreite seiner Liedkompositionen, die originellen deutschsprachigen (!) Texte und die ehrliche Interpretation, alles das ist wirklich erste Sahne!

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  10. Ulf Runge sagt:

    Liebe Maria,

    das freut mich riesig, dass Dir so ein tiefgehendes Lied wie „Stark wie zwei“ ebenfalls unter die Haut geht.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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