Verdamp lang her

am

Leben 813 – Dienstag, 28.02.12

 

Verdamp lang her

 

 

… dass ich von meiner Kunstgeschichtelehrerin zweimal im Monat durch Kölner Kirchen und Museen geschleust wurde; damals viel zu unreif für diese Themen, bin ich ihr hier und heute grundtief dankbar, durch sie Zugang zu bildender Kunst bekommen zu haben; vor dem originalen Vierfachporträt Marylin Monroes von gestanden zu haben, im Kupferstichkabinett des Walraff-Richards-Museum einen boaring boarer gesehen zu haben …

 

… ich von meinem Mathe- und Physiklehrer die Weisheit mitgenommen habe: „Wer misst, verändert das Messergebnis!“ Eine kürzere Zusammenfassung des Doppelspaltexperiments der Quantenphysik gibt es nicht. Dieser Lehrer, der mir bei der Übergabe des Abschlusszeugnisses empfahl, ich solle Informatik studieren. Womit ich erstmal nichts anfangen konnte. Um dann in München Freude an einem technischen Computerstudium zu finden, und in Stuttgart die „geisteswissenschaftliche“ Variante von Computer Science zu erfahren …

 

… einer von uns aus dem Zeichensaal hoch unterm Dach aus den Fenster „UKW!“ gerufen hat, unseren Englisch-Lehrer meinend, der nicht nur kleinwüchsig war und deshalb den Spitznamen „Unser kleiner Willi“ hatte, sondern der auch in nullkommanix nach dieser Verbalattacke inmitten von uns stand und die Entlarvung des Rufers forderte …

 

… unser Griechischlehrer uns zunächst eine leichte Schamesröte und dann ein pubertäres Lachen ins Gesicht trieb, als er uns die lateinische Weisheit

„Balnea, vinea, vinus corrumpunt corpora nostra, sed vitam faciunt balnea, vina, venus”

(Bäder, Weine und Frauen verderben unsere Körper, aber das Leben ausmachen tun Bäder, Weine und Frauen)

mit seinem goldzahnzeigenden Lachen nahebrachte …

 

… unser Erdkundelehrer angesichts der veränderten Grenzen Nachkriegsdeutschlands uns den frustierten Spruch „Der deutsche Bauer hat keinen Bezug zur Heimatscholle“ zurief, mit dem wir wahrlich nichts anfangen konnten …

 

… unser einer Musiklehrer mit uns klassenweise bis zum Abwinken auf der Blockflöte „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ blasen lies, Kakophonie pur. Und der unser Mitleid und Bedauern hatte, als ein Amokläufer eines seiner Kinder mit einem Feuerwerfer in den Tod riss; und unser anderer Musiklehrer sich unserer vollen Aufmerksamkeit sicher sein konnte, als er mit uns Beatles-LPs hörte …

 

… einer von uns mit seinem Mini Cooper vorfuhr und so viele wie möglich einlud und zum Sportplatz kutschiere. Man, was waren wir stolz …

 

… dass wir auf einmal extrem großes Interesse an der Französisch-AG hatten, waren wir doch alle Knaben an einem Knaben-Lyzeum, das auf einmal so genannten F-Klassen, Förderklassen, einführte, zweiter Bildungsweg, um das Abi zu machen, und das Schöne an den F-Klassen, das waren die Mädels, Mädels Mädels. Ja, so kam ich wenigstens zu einem Jahr Französisch-Unterricht. Aufregende Zeit …

 

… dass ich ein halbes Jahr vorm Abi zum ersten Mal zwei blaue Briefe hatte: einen in Griechisch, verdientermaßen, und einen in Chemie. War da doch so ein junger Spund von der Uni gekommen, und der wollte nun, nachdem wir nie gescheiten Chemie-Unterricht gehabt hatten, der wollte mit uns Atom-Modelle basteln. War uns zu kindisch. ALLE hatten ne 5 im Halbjahreszeugnis. Bei nem Halven Hahn und einem Kölsch „em Goldene Kappes“ haben wir uns ausdiskutiert und zusammengerauft mit ihm und es sollte noch ein gutes halbes Chemie-Jahr werden für uns alle …

 

… dass unser Biolehrer jedem, der zu spät in den Biosaal kam, die Geschichte erzählte, er sei noch nie in seinem Leben zu spät gekommen, nur ein einziges Mal, und das war 1944, Fliegerangriff auf Köln, da habe er sich am Hansaring in einen Luftschutzkeller flüchten müssen. Worauf wir beschlossen, dass die Hälfte der Klasse einer nach dem anderen, tröpfelnderweise den Biosaal betreten wollte, was in der Tat dazu führte, dass wir einer nach dem anderen diese Geschichte zu hören bekamen und einen Strich in seiner Strichliste, aber wir hatten unseren Spaß dabei, diese Schulstunde aktiv mitgestaltet zu haben …

 

… dass wir mit unserem Religionslehrer nicht nur über Gott, sondern auch über Baader Meinhof, Sexualität und überhaupt alles reden konnten …

 

… dass ich meinen Lateinlehrer im Schullandheim auf der Kegelbahn – so ganz anders, fast kumpelhaft – erleben durfte …

 

Verdamp lang her, im Mai sind es genau genommen 40 Jahre, dass ich aus der Schule raus bin. Ich glaube, dass sollte Anlass zum feiern sein…

 

Ich nehm’ da mal Kontakt auf mit meinen Klassenkameraden, denk ich…

 

© Ulf Runge, 2012

Lyrik zu Verdamp lang her, ins Deutsche übersetzt.

Und hier noch eine wunderbare Live-Aufnahme dieses BAP-Klassikers

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. ladidaladida sagt:

    Lieber Ulf,

    bei mir ist es noch nicht so verdamp lange her, aber ein rundes Jubiläum gab es nicht vor all zu langer Zeit. Leider hat sich niemand aufgerafft ein „Reunion“ zu organisieren. Ich auch nicht, weil ich es zur Zeit satt habe Gruppen zusammenzuhalten zu versuchen, dass dann, naja. Scheidungskind halt, ne?
    Ich erinnere mich immer wieder an meine Schulzeit, die letzten drei Jahre vorm Abitur. Hab auch mit Leuten darüber geredet, mit denen ich noch Kontakt habe und es scheint, dass nicht alle so sentimental sind, wie ich. Vielleicht, weil wir „nur“ drei Jahre in einer Schule waren und spätestens nach der ersten Klasse über Kurse verstreut waren. (In Norwegen nennen sich die drei letzten Jahre vor dem Abitur, also die Oberstufe, „weiterführende Schule“ und ist eine eigene Einheit; bei BabyBruder ist das wieder anderes, aber zur meiner Zeit gab es ein Kurssystem, so, dass wir ab der zweiten Klasse Oberstufe nur noch zehn, fünfzehn Stunden in der Woche gemeinsam als Klasse Unterricht hatten).

    Ich finde es auf jeden Fall toll, dass Du Dich aufraffst um Deine alten Schulkameraden wieder ausfindig zu machen! Viel Spaß und Erfolg dabei!
    Und nicht vergessen: Erzähl uns darüber! Ich liebe ja Geschichten darüber, wie sich dass Leben von Leuten so entwickelt.

    Liebe Grüße,

    LL

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  2. Hase sagt:

    Lieber Ulf,

    danke für die Erinnerung an dieses Lied ….. das gefällt mir so gut und daran hab ich schöne Erinnerungen. Ja, dann wünsche ich Dir viel Erfolg! Ich habe 1976 mein Abitur gemacht, wir haben das noch nie gefeiert… schade irgendwie eigentlich …..
    Verdammt lang her- verdammt lang her ….
    ich sing es grad mit – soooo schön…………………. Eine Band, bei der wir früher in meiner Jugendzeit immer zum Wochenende waren und die ihr 40 jähriges Jubiläum feierten , spielten das Lied auch letztes Jahr und alle standen auf der Bühne und hüpften , die Hände in die Höhe….. ja, Musik hat schon was und tanzen dazu auch, gelle ???? verdammt lang her …….

    liebe Grüße
    Erika 🙂

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  3. Ulf Runge sagt:

    Liebe ladidaladida,

    ich hatte das Glück, noch nicht im Rahmen der reformierten Oberstufe mein Abi zu machen.Das Kurssystem wurde erst nach uns eingeführt. Es gab Mitschüler, mit denen war ich von der 5. bis zur 13. Klasse gemeinsam unterwegs.

    Ja, Du hast recht, das mit dem Zusammenhalten wollen ist bei den Menschen ziemlich unterschiedlich ausgeprägt.

    Ich werdee über mein Unterfangen berichten. Selbstverfreilich.

    Jetzt muss ich mich nur noch aufraffen, einen Serienbrief mit einem Terminvorschlag an meine Ehemaligen zu schicken….

    Danke für Deinen Bericht, wie es Dir ergangen ist.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  4. Ulf Runge sagt:

    Liebe Erika,

    das freut mich riesig, was dieses geniale Lied bei Dir für schöne Erinnerungen ausgelöst.

    Wenn Ihr bisher nicht gefeiert habt, dann sag mir, wann wollt Ihr feiern, wenn nicht dieses Jahr….

    Liebe Grüße,
    Ulf

    Ja, Musik, die hat was…

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  5. Ulf Runge sagt:

    40 Jahre aus der Schule – und es tut sich was – nur 3 E-Mail-Adressen sind nicht mehr gültig. Ein Fall für social media und Volltextsuche…
    Und das schöne ist. Obwohl ich nicht in die Pötte gekommen bin: Die anderen sind es…

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  6. Hase sagt:

    das ist doch schön zu lesen ….
    Egal, hauptsache in die Pötte gekommen ….
    viel Freude weiterhin
    lg erika

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  7. Ulf Runge sagt:

    danke liebe erika…

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