Die Frage nach dem Weg

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Leben 807 – Freitag, 03.02.12

 

Die Frage nach dem Weg

 

 

Nein, das ist (noch?) nicht der Bericht über ein tiefgehendes Adventskonzert.

 

Das ist „nur“ eine ganz, ganz kurze Schilderung über einen ganz, ganz kurzen Moment auf dem Weg zu diesem Konzert.

 

Ich habe kein Navi, weil es sich bisher nicht ergeben hat. Ein Smartphone besitze ich nicht und in mein altes Auto nachträglich so etwas einbauen, was ich bisher nicht gebraucht habe? „Was, Du hast kein Navi?“ Wenn mich dann mitleidvolle Augen anschauen, mache ich auf lustig und antworte gut gelaunt: „Ich verfahr mich lieber selber!“

 

Kein Navi. Und dann auch noch ohne zeitliche Puffer losgefahren. Auf den letzten Drücker sozusagen. Natürlich habe ich mir vorher den Weg in google maps eingeprägt. Aber nun fahre ich hier durch die fremde Stadt, suche nach einer Kirche, halte Ausschau nach einem Kirchturm und entdecke in der fortgeschrittenen Dämmerung rechts auf dem Gehweg einen Herrn, der entgegen meiner Fahrtrichtung unterwegs ist.

 

„Guten Abend! Können Sie mir bitte sagen, wo hier die …“ und ich sage ihm den Namen der Kirche, worauf er sich auskunftsfreudig umdreht, seine Hand in meine Fahrtrichtung streckt und meine Eile ahnend die Wegbeschreibung heraussprudelt.

 

Ich will mich gerade bedanken, als er sich korrigiert, ich sei vermutlich doch eher auf der Suche nach der anderen Kirche, dort sei doch heute Abend ein Konzert, ich nicke, er beschreibt erneut heftig gestikulierend den mir empfehlenswerten Weg.

 

Als ich mich jetzt bedanke, hätte dies das Ende dieser unspektakukären Begebenheit sein können.

 

„Moment mal bitte! Ich hätte da noch eine Frage!“ guckt er mich mit hellen, freundlichen Augen an. Ob ich ein Herz hätte für jemanden, der auf dem Friedhof wohnt. Der hungrig sei.

 

Mit fallen in diesem Augenblick diese vielen verwahrlosten Berufsbettler ein, die man in Frankfurt auf der Kaiserstraße im Knien betteln sieht (bzw. dazu gezwungen werden) oder die mit hundetreuen Augen durch die abfahrbereiten Züge am Hauptbahnhof streifen und vermeintlich nur noch zwei Euro für die Fahrkarte brauchen. Diese armen Wesen tun mir leid, allein, ihre Masche unterstütze ich nicht.

 

Und jetzt steht da jemand vor mir, ordentlich gekleidet, eine gepflegte Erscheinung, ein in sich ruhender Mensch, der ohne sich zu schämen, aber nicht schamlos, von seiner Bedürftigkeit erzählt. Nichts hält mich auf, ich öffne mein Portemonnaie und hält auf einmal mehr Geld in seiner als er sich wohl erhofft hatte.

 

Beschämt über seine Bedürftigkeit und erfreut über meine spontane Bereitschaft zu helfen, verabschiede ich mich von ihm mit einem letzten „Danke!“.

 

Dies ist das Ende dieser für mich unverhofften Begebenheit.

 

Ich komme leicht verspätet in die adventlich geschmückte Kirche und werde Teil einer ergreifend schönen, adventlichen Stimmung.

 

Als ich dann später auf dem Heimweg bin, denke ich noch mal nach. Und sage mir, dass ich das alles noch besser hätte machen können. Den Herrn einladen in mein Auto. Zu ihm sagen: „Komm, wir feiern Advent. Wir teilen miteinander und vielen anderen freundlichen Menschen Advent!“

 

Das nächste Mal mache ich das so. Hoffentlich.

 

Seit ein paar Tagen gucken mich auf meinem Weg Plakate an. Auf denen steht sinngemäß drauf: „Das Schimmste ist das WEGSCHAUEN.“

 

Es ist kalt draußen. Der Winter hat das Land im Griff. Ganz besonders die, die auf dem Friedhof oder sonstwo im Freien wohnen.

 

Ich hoffe, dass ich beim nächsten Mal besser HINSEHE. Und HANDLE.

 

© Ulf Runge, 2012

12 Kommentare Gib deinen ab

  1. Hase sagt:

    Lieber Ulf,

    vielen Dank für Deinen Beitrag , der mich jetzt sehr berührt hat. Schön, dass Du doch noch den Weg in die Kirche gefunden hast. So hast Du gleich mehrere Menschen glücklich gemacht an diesem Tag.

    Nachdenkliche Grüße
    Erika

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  2. Ulf Runge sagt:

    Liebe Erika,

    das nächste Mal würde ich „ihn“ mitbringen.
    Euer Konzert war phänomenal gut!

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  3. Maria H sagt:

    Lieber Ulf,
    ja, oft ist es schwer auf den Punkt zu reagieren und das Richtige zu tun, weil man von der Situation , oder Gefühlen überrumpelt ist. Du hast doch gut und gefühlvoll reagiert. Noch mehr zu tun und ihn mitzunehmen, hätte er vielleicht garnicht gewollt. Ich neige dazu meine Mitmenschen mit meiner Fürsorge zu „erschlagen“. Das richtige Maß zu finden ist auch keine einfache Sache.

    Liebe Grüße
    Maria

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  4. Ulf Runge sagt:

    Liebe Maria,

    ich finde es wichtig, wenn wir uns die Sensibilität für unsere Umwelt bewahren und erhalten.
    Und immer wieder dazulernen, wie wir noch besser reagieren können.

    Das richtige Maß. Das ist in der Tat nicht leicht zu definieren.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  5. Elisabeth sagt:

    Lieber Ulf,

    deine Gedanken sind wunderschön… und passend, immer, zu jeder Jahreszeit, nun ganz besonders… Manchmal fällt einem das, was man sagen oder tun wollte oder sagen und tun hätte können, erst viel später ein… Wünschen wir uns, dass wir daraus lernen und das nächste Mal es gleich sehen.
    Danke dir für die wunderschöne, berührende Geschichte, die das Leben geschrieben hat…

    Alles Liebe von Elisabeth

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  6. Hase sagt:

    Lieber Ulf,
    ja, es gibt ein nächstes Mal! Dann bringst Du „ihn“ oder „sie“ einfach mit……
    Danke für Dein Lob auf unser Konzert. Ich freu mich schon auf unser nächstes ….. und die vielen schönen Proben mit unserer dynamischen Chorleiterin….
    Liebe Grüße
    Erika

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  7. Ulf Runge sagt:

    Liebe Elisabeth,

    das genau ist es: Dass wir am liebsten im wichtigen Moment die richtigen Worte finden…
    Und immer dazulernen fürs nächste Mal.

    Alles Gute für Dich und alles, was Dir gerade besonders wichtig ist,
    liebe Grüße,
    Ulf

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  8. Ulf Runge sagt:

    Liebe Erika,

    das heißt, Ihr probt schon für den Sommer?

    Da kommt vorfreudige Wärme auf!

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  9. der_emil sagt:

    Das, das ist Advent:

    «das alles noch besser hätte machen können. Den Herrn einladen in mein Auto. Zu ihm sagen: „Komm, wir feiern Advent. Wir teilen miteinander und vielen anderen freundlichen Menschen Advent!“»

    Danke für diese Begegnung.

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  10. Ulf Runge sagt:

    Lieber Emil,

    danke für diesen wundervollen Hinweis.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  11. Hase sagt:

    Lieber Ulf,
    danke „Da kommt vorfreudige Wärme auf!“

    WÄRME tut doch immer gut, ob von außen oder von innen oder im voraus oder im Nachhinein an schöne Erinnerungen.
    Ich wünsche Dir viel Wärme
    liebe Grüße
    Erika 🙂

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  12. Ulf Runge sagt:

    Danke, liebe Erika!

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