Zwangswas bitte?

am

Leben 800 – Donnerstag, 12.01.2012

Zwangswas bitte?

 

Es gibt Geschichten, da kennt man nur den Anfang. Und weiß nicht, wie viel noch dazu kommt. Am Ende.

 

Das Leben an sich ist so eine Geschichte.

 

Oder die nachstehende Begebenheit, von der ich, wie gesagt, nur den Anfang kenne.

 

Ich sitze im Zug, Nahverkehrsabteil, Gang, blicke Richtung Zugende. Das ist dort, wo der Zug herkommt. Im Türbereich unterhält sich der Zugbegleiter, ich kann ihn nur gestikulieren sehen, mit einer Reisenden. Sehr angeregt. Will sagen, es dauert bestimmt zwei Minuten oder noch länger, die er intensiv mit der Dame redet.

 

Irgendwann trennen sie sich, sie läuft in meine Richtung, also nach vorne, während er türenkontrollierenderweise im Ein- und Ausstiegsbereich verweilt. Nachdem er den Zug am nächsten Haltepunkt abgefertigt hat, kommt er langsamen Schrittes in meine Nähe und posaunt so einen Zugbegleiterstandardspruch heraus. Irgendetwas mit „Fahrkarten“. Brav zücken meine Umgebung und ich ihre Portemonnaies oder sonstigen Ticketverweilbehälter.

 

Als dem Chef vom Ganzen auf einmal ein „Oh, nein!“ entfährt. Heftigst. Gequält. Er hat offensichtlich ein Problem. Wo die Dame sei, der er gerade den Fahrschein verkauft habe, fragt er mutlos herum. Ich sage ihm, sie sei an mir vorbei noch weiter nach vorne gelaufen.

 

Nun sitze ich ja schon im ersten Waggon und trotzdem findet er sie nicht. Hat sich weder Gesicht noch Kleidung der Dame intensiv genug für eine Wiedererkennung eingeprägt. Er findet sie nicht, vielleicht auch weil er bezweifelt, dass gerade ich denn wissen könne, wohin die Dame, die sich ja mit ihm unterhalten hat, gegangen sei. Meine Zeugenaussage scheint für ihn unglaubwürdig zu sein. Er eilt Richtung Zugende. Und entschwindet damit meiner optischen Wahrnehmung.

 

Um sich dann wenig später akustisch Aufmerksamkeit zu verschaffen. Aus dem Lautsprecher ertönt eine verzweifelte Stimme. Seine. Die Dame, der er soeben eine Fahrkarte verkauft habe, möge sich doch bitte an das Begleitpersonal – er meint sich – wenden. Das Ticket sei ungültig. Es sei soeben zwangsstorniert worden. Selbstverständlich erhalt sie einen gültigen Ersatz.

Zwangswas bitte? Denke ich.

Zwangsstorniert. Weil etwas mit ihrer Kreditkarte faul ist? Stelle ich mir gearade so vor. Oder weil der Anschlusszug, für den sie eine Platzreservierung mit erworben hat, heute ohne Wagen 6 fährt? Ich vermute mal, weil sie etwas so Böses gemacht hat wie z.B. eine DB-Fahrkarte für Fahrten im Verkehrsverbund lösen wollen. Oder er hat zufällig eine falsche Taste gedrückt. Die Storno-Taste. Zwanghaft. Zwangstornierender Weise.

 

Wie gesagt, ich werde das Ende nicht erfahren. Du auch nicht.

 

Das einzige, was ich Dir noch sagen kann, ist, dass es meinem Ego sehr gut getan hat, dass besagte Dame aus der von mir eingeschätzten Richtung kam, und sich dann auf die Suche nach dem zwangstornofahrkartenverkaufenden Begleitpersonal gemacht.

 

Hätte ich um Deiner und meiner Neugierde willen, die Dame oder den Zugbegleiter ansprechen sollen? Was denn bitteschön da los sei. Ob mit dem neuen Fahrplan gleichzeitig auch Bahndeutsch 2.0 in Kraft getreten sei. Und „zwangsstorniert“ nur die Spitze eines Eisbergs sei. Hätte ich? Oder ist es so okay für Dich, dass Du das Ende dieser Begegebenheit einfach selbst erfinden darfst?

© Ulf Runge, 2012

 

12 Kommentare Gib deinen ab

  1. der_emil sagt:

    Danke – ich erfinde bereits … 😉

    Gefällt mir

  2. Elisabeth sagt:

    Nun, lieber Ulf,

    die Neugierde hat es in sich… aber der nicht vorhandene Schluss lässt alles offen und wir damit unserer Fantasie freien Lauf, es könnte nicht besser sein 🙂
    Vor vielen Jahren habe ich eine entzückende Bahngeschichte gelesen, von der ich den Titel nicht mehr weiß, aber so freue ich mich umso mehr, bei dir Fortsetzungen der anderen Art lesen zu dürfen, das ist mir ein ganz besonderes Vergnügen!

    Herzliche Sonnengrüße zu dir,
    Elisabeth

    Gefällt mir

  3. Hase sagt:

    Lieber Ulf,
    Deine Bahngeschichten gefallen mir und entlocken mir immer ein Schunzeln……..
    Danke 🙂
    Liebe Grüße
    Erika

    Gefällt mir

  4. Hase sagt:

    lieber Ulf,
    *lach* jetzt muss ich über mein „Schunzeln“ grinsen, hier kommt noch das „m“ ………
    mir war es gar nicht aufgefallen beim Schreiben….
    lg Erika 😉

    Gefällt mir

  5. Ulf Runge sagt:

    Lieber Emil, das freut mich, das ist die richtige Einstellung…

    Liebe Grüße,
    Ulf

    Gefällt mir

  6. Uwe sagt:

    Lieber Ulf ,

    wieder einmal eine nette Geschichte zum Schmunzeln .
    Ja , ja , wir sind von zwangsstornierten Fahrkarten oder Menschen umgeben .
    Jetzt lernen wir von Erika auch noch das Schunzeln , hätte Sie es nicht noch
    ausgebessert , hätte das Schunzel bestimmt einen Kommentar geschrieben ,
    bitte zukünftig mit „M“ , soviel Zeit muß sein .
    Ist mir immer wieder ein Rätsel , wie Dir die Geschichten so einfallen .
    LG Uwe

    Gefällt mir

  7. Hase sagt:

    Hallo Uwe,
    jetzt muss ich grad nochmal sch“m“unzeln .
    Schön, gell ? Aus den einfachsten Sachen zaubert der Ulf Geschichten zum Lachen !
    Und gibt es davon auch mal Runzeln, über die lässt sich auch schön schunzeln 😉
    LG Erika 🙂

    Gefällt mir

  8. Ulf Runge sagt:

    da fällt mir passend zum schunzeln nur noch das schunkeln ein…

    lieber uwe, zwangsstornierte menschen, das ist eine interessante vorstellung. „Sie worden soeben zwangsstorniert…“

    uwe, ist mir auch ein rätsel. will die antwort gar nicht wissen… lach

    liebe erika, runzeln zum schunzeln? wie gesagt, da würde ich munkeln, dass wir schunkeln….

    lg ulf

    Gefällt mir

  9. Hase sagt:

    Lieber Ulf,
    zum Thema Bahn nochwas

    am Samstag in Mainz zu sehen im Frankfurter Hof (da geh ich hin …!)
    liebe Grüße
    Erika

    Gefällt mir

  10. Ulf Runge sagt:

    Liebe Erika,

    danke für diesen schönen Einspieler.

    Aber mal ehrlich. Willst Du wirklich zu Bastian Sick hin gehen?
    Oder FÄHRST lieber ein Stück der Strecke? Vielleicht mit der Bahn?

    Liebe Grüße,
    Ulf

    Gefällt mir

  11. Hase sagt:

    *lach* lieber Ulf , ich werde mit dem Auto ins Parkhaus fahren und dann zu Fuß hingehen…!
    liebe Grüße
    Erika 🙂

    Gefällt mir

  12. Ulf Runge sagt:

    schunzel 🙂

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s