Eigentum verpflichtet

Leben 782 – Mittwoch, 16.11.11

 

Eigentum verpflichtet

 

Eigentum verpflichtet. Mit dieser inzwischen zur Phrase verkommenen Formulierung haben die VäterInnen des Grundgesetzes versucht, der hässlichen Fratze des Kapitalismus ein soziales Anlitz überzuschminken.

 

Das mal als Vorwort.

 

Meine Welt hat sich gedreht heute. Seit heute ist nichts mehr wie es gestern war. Nein, nein, ich habe nicht im Lotto gewonnen. Ganz anders.

 

Während ich in den vergangenen Wochen in meinem neuen Büroumfeld von Tag zu Tag immer mehr genossen hatte, dass ich mich um  keine (un)gespülten Kaffee- oder Tee-Tassen kümmern muss, weil da irgendwann in der Nacht fleißige Heinzelmädchen die Spülmaschine ein- und ausräumen, ist jetzt Schluss mit Lustig.

 

Was ist passiert? Seit heute bin ich aufgrund der selbstlosen Nettigkeit und Freundlichkeit eines externen Kollegen (stolzer!) Besitzer einer Tasse. Ein Werbegeschenk seiner Firma. Formschön, schlicht, klassisch.

 

Sollte ich jetzt nicht voller Freude hierüber berichten statt schlimmstes Trübsal zu blasen? Wie soll das gehen, frage ich Dich? Ich bin sicher, du pflichtest mir bei, wenn Du meinen Bericht gelesen hast.

 

Morgens.

 

Früher: Rein in die Firma, gleich rüber zur Teeküche, Tasse aus Küchenschrank, zur Espressomaschine, mit duftig dampfenden Heißgetränk an den Arbeitplatz: Arbeitstag, Du kannst beginnen.

 

Heute: Rein in die Firma, erstmal an den Arbeitplatz, Rollboy aufschließen, um die kostbare Tasse vorsichtig in meine Hände zu nehmen, werde womöglich schon von jemanden angesprochen, was denn mit dieser oder jener E-Mail und überhaupt. 15 Minuten später schaffe ich dann den Absprung Richtung Teeküche, spüle meine Tasse, die ich eigentlich gestern Abend gereinigt hätte haben wollen, aber da hat’s pressiert, sonst wär mein Zug ohne mich, und jetzt stehe ich hier und spüle die etwas hartnäckigen Reste des gestrigen Kaffees aus meinem neuen Schatz heraus. Eine gefühlte Ewigkeit später als sonst trinke ich meinen ersten Schluck lebenserhaltenden Elixiers.

 

Du hast Dich bestimmt schon gefragt, warum ich die Tasse in meinem Rollboy einschließe? Nun, sie gehört mir. Wenn sie mir gehört, sollte ich es doch sein, der aus ihr trinkt? Und sie wurde mir geschenkt, damit ich schätze. Wertschätze. Dann passt man doch auf sie auf. Dass sie nicht, sagen wir mal in „falsche“ Hände gerät. Dass sie nicht verwechselt wird mit identisch aussehenden Tassen von KollegInnen, die sich ebenfalls stolze Besitzer einer Werbegeschenktasse nennen dürfen.

 

Abends.

 

Früher: Die schmutzige Tasse zur Teeküche gebracht. Dann zum Ausgang. Und tschüss.

 

Heute: Die schmutzige Tasse zur Teeküche gebracht. Handgespült. Zurück zum Arbeitsplatz. In den besagten Rollboy eingeschlossen. Zum Ausgang. Zwei Minuten zu spät. Zug verpasst. Oder wie oben geschildert alternativ die schmutzige Tasse in den Rollboy eingeschlossen. Zum Ausgang. Zug gekriegt.

 

Du hast vermutlich keine Idee davon, dass ich nachts nicht mehr schlafe. Ich stelle mir dann vor, dass ich vergessen habe, den Rollboy abzuschließen. Und der Tassendieb durch die Büros schleicht, an den Rollboys rüttelt, schließlich merkt, dass meiner heute Nacht unverschlossen ist, gierig nach meiner Tasse greift und diese unbemerkt entwendet. Worauf ich am folgenden Tag von meinem Kollegen bestimmt gefragt werde, ob ich denn immer noch glücklich darüber sei, Besitzer der von ihm geschenkten Tasse zu sein. Was meinst Du, was ich dann antworten kann?

 

Oder noch wahrscheinlicher. Ein Kollege aus einer anderen Abteilung kommt zu Besuch. Meint beim Weggehen, dass er seine Kaffeetasse mit hierher gebracht hat, greift sich keiner Schuld bewusste seine meine Tasse, und weg ist sie. Dramen sind das, wovon ich nachts träume.

 

Oder noch schlimmer. Ich bin unachtsam. Die Tasse fällt zu Boden. Entzwei. Irreparabel kaputt. Jetzt Du! Was ich sage ich dann meinem Werbetassenschenker?

 

Früher war ich frei. Vorausgesetzt der Schrank war nicht leer, was bisher noch nicht wirklich vorkam, hatte ich die freie Wahl zwischen MickyMaus-Tassen, der Skyline von Frankfurt, phantasielos karierten Werbetassen, vermeintlich witzigen Comic-Aufdrucken und einer Tasse für Mami oder Papi mit den Fotos der Kinder. Eine Tasse, die Mami oder Papi vermutlich beim Wegzug aus diesem Haus abhanden gekommen ist.

 

Heute bin ich Werbegeschenktassenbesitzer. Besitze und benutze selberspülenderweise genau diese eine Werbegeschenktasse.

 

Eigentum verpflichtet!

 

© Ulf Runge, 2011

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Hase sagt:

    Lieber Ulf,
    wie schööön, Dich so fröhlich zu lesen. Laut gelacht hab ich grad, obwohl ich heute noch öfters über Deinen gestrigen Bericht nachdenken musste.
    Ich würde Dir am liebsten eine schöne Tasse rüberschicken , ich habe noch einen „Gute-Laune-Becher“ mit einem Stoffhasen drinnen, den würde ich Dir glatt heute schenken wollen.
    Liebe Grüße und Danke
    Erika

    aus allem kann man Schönes machen, und wenn es nur die Geschichten von Begebenheiten sind, die eigentlich gar nicht zum Lachen sind

    🙂

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  2. Ulf Runge sagt:

    Liebe Erika,

    ich habe natürlich stark überzogen mit meinem Leid mit der neuen Tasse. Tatsächlich genieße ich sie und werde ich als stolzer Besitzer „gerecht“ werden.

    Lächelnde Grüße,
    Ulf

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  3. Maria H sagt:

    Lieber Ulf,
    ich habe auch herzhaft gelacht! Auch wenn Du überzogen hast, ist doch was wahres dran. Mit Geschenken geht man eben besonders sorgsam um. Man will sie bewahren, möchte nicht dass sie in fremde Hände gelangen. Als schöne Erinnerung an den Menschen der uns beschenkt hat.
    Ich hätte auch eine besondere Tasse die ich Dir gern schenken würde 🙂
    Liebe Grüße
    Maria

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  4. Ulf Runge sagt:

    Liebe Erika,

    ich nehme sie symbolisch an. 🙂 Danke.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  5. andrea2110 sagt:

    Lieber Ulf, Du könntest ja mit einem wasserfesten Stift Deinen Namen auf die Tasse schreiben und dann den gewohnten Gang gehen lassen, ich bin sicher, Deine Kollegen respektieren das:-) Schmunzelnde liebe Grüsse Andrea

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  6. Ulf Runge sagt:

    ich bin ja so froh, liebe andrea, dass Du erst jetzt diesen vorschlag gemacht hast. dann wäre die ganze story im eimer gewesen…

    lachende grüße,
    ulf

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