Achtzehn Komma Strich – oder: Der Makel

Leben 753 – Mittwoch, 28.09.11

Achtzehn Komma Strich – oder: Der Makel

Er hatte es seinerzeit gekauft. Als Souvenir. Als Erinnerung an wunderbare Tage in Stockholm.

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Wenn man ihn so beobachtete, musste man zwangsläufig feststellen, dass „vergraben“ das einzig zutreffende Verb für das war, was Bruno mit sich in den vergangen Stunden getan hatte. Bruno war dabei, sich tiefer und tiefer zu vergraben in sein jüngst erworbenes Buch. Eine spannende Lektüre, die er nur zu ungern unterbrochen wissen wollte.

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Auf der einen Seite die zauberhafte Silhouette dieser wunderbaren Stadt. Auf der anderen Seite die Schwedenflagge, das gelbe Kreuz auf blauem Hintergrund.

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Ein beeindruckendes Buch, sagte sich Bruno. Ein wertvolles Werk. Es soll ein wertschätzendes Lesezeichen bekommen. Bruno geht zum Schrank, wo so kleine Kostbarkeiten und Kleinstutensilien auf ihre Entdeckung warten. „Oh, das Stockholm-Lesezeichen! Das ist genau das richtige!“ Und weckt das Kleinod aus seinem Dörnröschenschlaf, auf dass es ab sofort einen wichtigen Dienst verrichte. Kostbares Lesezeichen in kostbarem Lesestoff!

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18,-. Achtzehn Schwedenkronen. Das war der Preis gewesen, für den Bruno seinerzeit dieses verspielte Lesezeichen erworben hatte. Ein schmales, dünnes Stück Kartonpapier, in der Mitte gefalzt, so dass es fast an eine Pinzette oder Zuckerzange erinnert. Und am Ende der Innenseite zwei hauchdünne Magnetchen, mit denen es sich an der zu merkenden Buchseite festklammern kann.

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Als Bruno endlich wieder Zeit fand zum Weiterlesen, genoss er es, dass ihn diese anmutige Urlaubserinnerung sofort die richtige Seite aufschlagen ließ. Während Brunos Augen über die Zeilen huschten und sich seine Blicke auf die Silben und Worte konzentrierten, begann ihn etwas zu irritieren. Ja, genau! Dieser winzige Aufkleber mit „18,-„ drauf. Immer wieder lenkte dieser kleine weiße Fleck auf der blaugelben Flagge Brunos Augen hab. Ließ seinen Lesefluss stocken.

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Irgendein Mensch hatte irgendwann einmal liebevoll diesen Preis mit Kugelschreiber auf dieses Selbstklebeetikett geschrieben. Und vorsichtig auf das Lesenzeichen geklebt. All die Jahre hatte sich Bruno daran gewöhnt, dass diese Preisauszeichnung auf dem Lesezeichen drauf war. Bestimmt hatte es eine Schwedin oder ein Schwede geschrieben!

Bruno beschloss, diese Gefühlsduselei zu beenden und fuhr mit dem Fingernagel seiner rechten Hand vorsichtig, ganz vorsichtig unter das Etikett, ohne es mit einer einzigen achtsamen Bewegung sogleich entfernen zu können. Vorsichtig puhlte Bruno weiter. Bis er das lädierte Etikett vollständig in der Hand hielt. Es hatte sich schön sauber lösen lassen. Wobei da noch etwas Klebstoff zurückgeblieben hatte. Der beim Rüberfahren mit der Hand störte. Als wenn Du Schlittschuh fahren willst und das Eis ist stumpf. Bruno war sicher, dass sich das im Laufe der Zeit geben würde, irgendwann würde der Klebstoff seine haftende Wirkung verlieren.

Bruno steckte das nun etikettenfreie Lesezeichen an die zuletzt gelesene Seite und fuhr mit dem Lesen fort. Einfach ein Genuss, was er das las.

Doch was war das? Dort, wo bisher der Aufkleber auf dem Lesezeichen gewesen war, zog nun etwas anderes wie magisch Brunos Blicke an. War die Stelle unter dem Lesezeichen kräfitger blau, weil sie noch kein Tageslicht gesehen hatte? Oder war es nur Brunos Wissen um die Tatsache, dass dort, wo jetzt nichts mehr war, vorher etwas gewesen war, was ihn gestört hatte?

Schlimmer noch. Der Gedanke an den Makel, den Makel der nun zwar entfernt worden war, dieser Gedanke wurde für Bruno so dominant, dass er das Lesen seines Buches abbrechen musste und nur noch darüber nachdachte, ob es besser ist, mit so mancher Unvollkommenheit zu leben, statt diese zu beseitigen und statt dessen aber ihre Beseitigung in eigenen Gedanken zu manifestieren.

© Ulf Runge, 2011

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Hase sagt:

    Lieber Ulf,
    danke für diese schöne Geschichte. Ich kann mich sooo sehr in Bruno reinversetzen. Wie oft habe ich schon versucht, diese Preisetiketten abzumachen und mich über den Schmier aufgeregt, auf dem dann alles kleben bleibt und so unsauber aussieht. Genauso dachte ich auch schon : hätte ich den Babber nur draufgelassen. Meine Gedanken lassen sich auch oft ablenken durch Kleinigkeiten. Aber schön, dass es Erinnerungen an Schweden gegeben hat .
    Liebe Grüße
    Erika 🙂

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  2. Maria H sagt:

    Lieber Ulf,

    warum wollen wir eigentlich immer alles vollkommen haben.

    Ist es nicht die Unvollkommenheit die vieles so liebenswert macht?

    Liebe Grüße
    Maria

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  3. Ulf Runge sagt:

    Liebe Erika,

    schön, dass es Dir auch schon so gegangen ist.

    Auf Gläsern und Porzellan habe ich auch immer meine rechte Freude an diesen für eine Ewigkeit gedachten Etiketten…

    Es ist wahr: Ich brauche nur „Schweden“ lesen oder hören, dann glänzen meine Augen…

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  4. Ulf Runge sagt:

    Liebe Maria,

    das hast Du schön formuliert.
    Liebenswerte Unvollkommenheit.
    Das ist etwas Schönes.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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