Handyvoten

 Leben 718 – Samstag, 04.06.11

Handyvoten

Ich weiß jetzt nicht direkt, wann Du das letzte Mal in einem größeren Hotel warst. Und dort etwa auf die Hinweistafeln in der Lobby geachtet hast. Typischerweise erfährt man hier, dass die Stumpf & Sinnig AG ein Symposium zum Thema „Das Morgen von Heute im Wandel der Zeit“ abhält. Und zwar im Raum „Ein weites Feld“. Während die Vereinigung der Zeitungsentenzüchter gleich daneben im „Ich bin dann mal weg“-Saal über die „Historisch relevante Nachhaltigkeit von Tweets“ diskutiert.

Um das Lebensgefühl von Bahnreisenden nachhaltig zu verbessern, so ist aus wohlunterrichteten Kreisen nun zu vernehmen, sollen ähnliche Infotafeln zukünftig auch bei den Waggontüren angebracht werden. Dann wird man sich endlich zwischen den best-gevotesten Handyfonaten entscheiden können. Während im ersten Waggon etwa eine Dame über die „Graue Energie von Passivhäusern“ referiert, ein Vortrag, den sie, ohne Handy, erst vergangene Woche an der ETH Zürich gehalten habe, ja, ja, genau, das basiere auf einem Bericht von einem Herrn Hägar,…

Hägar, denke ich da bei mir, war das nicht der Schreckliche?

Wem – so wir mir etwa – das Thema nicht behagt, kann ja in den zweiten Waggon wechseln, um dort alles über „Mein Schatz ist ein Arsch“ zu erfahren. Garantiert sind Gefühlsausbrüche, Rumbrüllerei im Gossenjargon, Krokodilstränen und „Du bist die letzte Sau!“, wobei das sprachinteressierte Publikum sich sicher fühlen darf, jetzt noch eine kompletten Synonymenkatalog für das soeben genannte Haustur aufgezählt zu bekommen. Ein Four-letter-word-Kurs als Schnelleinführung in die englische Sprache wird als kostenlose Dreingabe mitgeliefert.

Ich gehe zur Waggontür, um mal zu gucken, was die Anzeigetafel für die übrigen Waggons noch zu bieten hat. Ich lese „Mein komplette Krankheitsgeschichte, erzählt zwischen Frankfurt und Mannheim“, „Was wir heute Abend essen – Eine Podiumsdiskussion“ und „Empathisch Kommunizieren, was ich heute auf dem Kurs gelernt habe“.

Wie funktioniert diese neue Technik? Ganz einfach. Wer zukünftig im Zug telefonieren will, meldet sein Thema beim Einsteigen an. Mit dem „Gefällt mir“-Button, der aufgrund einer Kooperation der Bahn mit der Firma „Gesichtsbuch“ zukünftig an jedem Sitz angebracht ist, wird abgestimmt, welches Handyfonat über die Lautsprecheranlage des Waggons ausgestrahlt wird. Damit man überall gleich gut hört.

Vermutlich werden nicht alle Bahnkunden in gleicher Weise über das neue Angebot erfreut sein. Deshalb sehen neueste Planungen vor, mindestens einen sogenannten Themenwagen mitlaufen zu lassen. Arbeitstitel „Funkloch“. Oder „Ich muss jetzt aufhören, mein Akku  wird leer.“

Ich schließe die Augen, träume von der Zeit, als ein Handybesitzer noch eine Aktentasche mit Technik mit sich rumschleifen musste und deshalb nur im Auto unterwegs war. Ich höre die Worte der Zugstewardess, wie sie „vom unwahrscheinlichen Fall eines“ – nein sie spricht nicht vom Kabinendruckverlust, sie hat eben das Wort „akustischen Overkill“ benutzt, und sie zeigt den Mitreisenden, wie von oben Hilfe kommt, nein, keine Sauerstoffmaske, statt dessen baumeln Ohrstöpsel herunter. Es gibt Träume, bei denen möchte man gar nicht mehr aufwachen…

© Ulf Runge, 2011

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