Wofür stehst Du?

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Leben 714 – Freitag, 27.05.11

Wofür stehst Du?

Über meine Vorliebe zu Axel Hacke habe ich schon mehrfach berichtet.

Etwa hier: 73 bitte 24. Oder hier: Vom Vorlesen und Kopfschütteln.

Für diejenigen, die jetzt nicht von hier wegclicken wollen, um etwa diese beiden Artikel zu studieren, für all diese Leserinnen und Leser hier eine Kurzkurzzusammenfassung.

Zunächst ist mir Axel Hacke kein Begriff. Dann fällt mir sein Buch „Das Beste aus meinem Leben“ in die Hände. Es wird für mich DIE Urlaubslektüre eines der vergangenen Sommer. In der Folgezeit wird meine Annäherung an Axel Hacke, den Schriftsteller, umfassender: „Der weiße Neger Wumbaba“ sowie „Der kleine König Dezember“ sind sehr unterhaltsame, teilweise auch tiefgründige Bücher. Es folgen Besuche seiner Vorlesungen sowie die Entdeckung, dass er auch regelmäßiger Kolumnenschreiber u.a. in der Süddeutschen Zeitung ist. (Genau genommen, war die Reihenfolge eine andere. Zuerst Journalist, dann Kolumnist, dann Schriftsteller.) Mehr nicht an dieser Stelle.

Da liegt seit Wochen ein Buch auf dem Wohnzimmertisch, wieder einmal eines von Axel Hacke, aber diesmal mit einem Co-Autor und einem ernsthaften Hintergrund. Der Co-Autor hat irgendeinen italienischen Namen. Das Buch spricht mich erst einmal nicht an. Weil es ernsthaft sein soll?

Irgendwann schlage ich das Buch dann doch mal auf und verlese mich sozusagen. Zwei gestandene Männer, beide nicht viel jünger als ich, schreiben über ihre Werte. Da fällt einem erst einmal der erhobene Zeigefinger und das Moralisieren ein. Dieses Buch zeigt, dass es auch ohne geht. Dass man einfach aus seinem Leben berichten kann, den Höhen und Tiefen, den freudigen und traurigen Momenten, den Ansprüchen, die man an sich selber stellt und den Erfahrungen, die man macht, wenn man ihnen gerecht werden will. Und viel zu häufig daran scheitert bzw. Anlass bekommt, seine Positionen zu überdenken.

Der Reiz dieses Buches besteht im Dialog der Lebenserfahrungen dieser beiden Männer. Schnörkellos geschrieben. Selbstkritisch reflektiert. Unterhaltsam. Selbst dann, wenn gerade nicht lustig ist, was wir erfahren dürfen.

Ach ja, ich Kulturbanause muss an dieser Stelle leider zugeben, dass der Co-Autor, der Italiener, Giovanni di Lorenzo heißt und schon jahrelang Chefredakteur der ZEIT ist, die ich (ebenfalls jahrelang schon) abonniert habe. Ich kann nur mein Bedauern ausdrücken, dass ich Herrn di Lorenzo nicht schon früher einmal bewusst wahrgenommen habe.

Warum ich diesen Blogbeitrag ausgerechnet heute schreibe? Die beiden Herren kann man live auf der Bühne erleben, wie sie aus ihrem gemeinsamen Werk „Wofür stehst Du?“ vorlesen und über die Entstehung dieses außergewöhnlichen Buches berichten.

Gestern Abend waren sie in Darmstadt zu sehen. Ausverkauftes Großes Haus im Staatstheater. Ü40-Publikum. Nach oben offene Altersgrenze.

Die Beiden betreten die Bühne, und dann legen sie auch schon los. Nein, tun sie nicht. Heute sei das eine etwas andere Veranstaltung für sie als sonst. Sie hätten vor wenigen Stunden einen lieben gemeinsamen Freund beerdigt und da falle es nicht so leicht, so wie sonst zu beginnen. Etwa von vorne im Buch. Und aus diesem Grund liest Giovanni di Lorenzo seine Gedanken zu Kirche und Religion vor (S. 218). Ein nachdenklicher Einstieg. Sehr persönlich, wie das ganze Buch.

In der Folge lesen die Beiden aus den Kapiteln über Politik und Fremdheit. Machen mit ihren Erinnerungen und Reflexionen bewusst, woher wir kommen als Kinder der Kriegsgenerationseltern, als Jugendliche der Wohlstands- und Gastarbeitergesellschaft, als Mitmacher und Mitläufer und Nachzügler des 68er-Aufbruchs.

Besonders betroffen war ich über Giovanni di Lorenzos Schilderung zu einem Anlass in seinem Leben, den er ganz intensiv mit eigener Reue verbindet (S. 165). Es lohnt sich, diese Begegebenheit in den Originalworten des Autors zu lesen.

Da ich selber erst ein Viertel des Buches gelesen habe, freue ich mich auf die mir noch unbekannten Begegebenheiten aus dem Leben dieser beiden Persönlichkeiten, die vor zwei Jahren beim Frühstück die Idee zu diesem Buch entwickelten. Diese Idee ist Materie geworden und kann dazu führen, bei uns allen noch ganz viele besondere Gedanken und dankbare Gefühle entstehen zu lassen.

Buch und Lesung sind ein zauberhaftes Geschenk. Nicht nur für Dich selber. Sondern auch für die Menschen, denen Du einen ganz besonderen Impuls zuteil werden lassen möchtest.

© Ulf Runge, 2011

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Dori sagt:

    Lieber Ulf,
    ich wusste schon bei den ersten Zeilen, welches Buch Du meinst. Ehrlich gesagt kenne ich Axel Hacke (noch) nicht, aber ich bewundere Giovanni di Lorenzo, er hat in der letzten Zeit in verschiedenen Talk Shows dieses Buch vorgestellt, und ich sehe natürlich auch immer die NDR Talkshow, wenn ER mit dabei ist.
    Ich wünsche Dir viel Spass mit dieser Lektüre, die sicherlich mehr ist als eine „Sommerlektüre“.
    Ganz liebe Grüße von Dori

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  2. sweetkoffie sagt:

    die beiden habe ich anlässlich der Bucherscheinung in einer Talkshow gesehen, sie earen sehr beeindruckend als sie ihre Männerfreundschaft schilderten, danke, lieber Ulf, für den Buchtip
    Lg

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  3. Ulf Runge sagt:

    Liebe Dori,

    danke für Deinen Kommentar. Axel Hacke und seine Bücher sind eine Hochgenuss des subtilen Humors. Lesenswert. Hörenswert.
    Ja, dieses Buch ist wirklich ein Schatz. Ein Zugang zu einer verschollenen Zeit, die sich bei mir „Kindheit“ und „Jugend“ nennt.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  4. Ulf Runge sagt:

    Liebe sweetkoffie,
    das Buch ist gelungen und bietet den 40-60jährigen einen ganz neuen Zugang zu ihren Eltern und Verwandten.
    Und den Jüngeren gibt es Indizien auf, warum früher alles besser, nein, warum früher alles anders war, und heute alles noch viel anderer ist.
    Liebe Grüße, Ulf

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