Daum’ drücken

Leben 710 – Mittwoch, 18.05.11

Daum’ drücken

Freitag, 6. Mai 2011, Frankfurt am Main

Was mir mein Brötchenmann ist, ist dem Eugen sein Werkschutzmann.

(An dieser Stelle verpasst das Schicksal die Chance, das andere Geschlecht ins Spiel zu bringen. Sowohl Eugen als auch der Werkschutzmann sind definitiv nicht weiblich. Egal.)

Der Eugen also begrüßt nach dem Betreten seines Bürogebäudes seinen Werkschutzmann und will auch schon zum Aufzug weiterlaufen, als ihm am Tresen der Zettel „SGE – 1. FC Köln 3:0“ auffällt. In der zweiten Zeile stehen drei Zahlen und ein Name: „5., 23., 71. Gekas“. Das sollen die Spielminuten der Bundesligabegegnung SpielGemeinschaft Eintracht Frankurt gegen 1. FC Köln am bevorstehenden Samstag sein, in denen der Hoffnungsträger Gekas seine Mannschaft mit drei Toren vor dem Abschied rettet.

Der Eugen, selber eher Mainz-, Köln- und Gladbach-Fan, beschließt ein wenig zu sticheln. Er habe aus gut unterrichteten Kreisen gehört, dass die Kölner morgen gewinnen würden.

Das könne absolut nicht sein, entgegnet ihm der Werkschutzmann, er sei sicher, dass seine Eintracht siegen werde.

Der Eugen fragt seinen Werkschutzmann, ob er mal seinen, Eugens, Lieblingswitz hören wolle. Der sei allerdings aus der Zeit, als die Mainzer in der ersten und die Frankfurter in zweiten Liga gespielt haben. Der Werkschutzmann bekommt einen trockenen Mund und hört dem Eugen angespannnt zu.

„Also, der geht so: Ruft ein Mainzer auf der Frankfurter Geschäftsstelle an. ‚Guten Tag, ich hätt‘ also gern‘ zwei Kadde fürs Erstligaspiel Frankfurt gegen Mainz.‘ Der Frankfurtmensch erwidert ihm: ‚Tut mir leid, kann ich Ihnen nicht verkaufen. Die Eintracht spielt in dieser Saison in der zweiten Liga.‘ Der Mainzer bedankt sich mit einem ‚Dankschön auch!‘ und legt auf. Fünf Minuten später klingelt das Telefon wieder beim Frankfurtmensch. Der Mainzer ist schon wieder dran. Will Karten fürs Erstligaspiel Frankfurt gegen Mainz. ‚Guter Mann, ich hab‘ Ihnen doch eben schon gesagt, dass das nicht geht. Die Eintracht spiel in der zweiten Liga!‘ ‚Ja, ja, das hab‘ ich schon verstanden, aber ich hör’s halt so gerne!‘

Berichtet mir der Eugen, dass sein Werkschutzmann aschfahl angelaufen sei, versucht habe nach Worten zu ringen, um dann wider eigenes Wollen kräftig loszulachen. Als dieser schließlich seine Fassung wieder gewonnen habe, meint er nur augenzwickernd, dass der Eugen ihm bisher eigentlich sympathisch gewesen sei und dass sich das gerade zu ändern beginnen könne.

Das wär ne Story für meinen Blog, denke ich mir.


Samstag, 7. Mai 2011, Frankfurt am Main

Die Eintracht verliert gegen Köln. Was gestern noch Eugens Lieblingswitz war, könnte in einer Woche schon wahr werden.


Samstag, 14. Mai 2011, Deutschland

 

Die letzten Spiele der Saison werden leider nicht „zu früh“ abgepfiffen, nämlich als Gladbach in Hamburg und Frankfurt in Dortmund geführt hatten. Dann wäre Wolfsburg abgestiegen und Gladbach und Frankfurt wären erst einmal gerettet werden. Aber frei nach Sepp Herberger, „Ein Spiel dauert 90 Minuten plus Nachspielzeit“, kam es anders. Details ersparen wir uns. Nach 90 Minuten muss Frankfurt zurück in die 2. Liga.


Dienstag, 17. Mai 2011, Frankfurt am Main

Ich reflektiere mit meinem Brötchenmann, dass es wohl gut gewesen sei, dass ich „Eugens Witz“ nicht einfach mal so vor einer Woche in meinen Blog gestellt habe. Schließlich sei ja jetzt Ernst draus geworden.

Unser Blick fällt auf den Sportteil einer schwarz-rot-weißen Tageszeitung. Das Konterfei des glücklosen Frankfurter Trainers guckt uns an. Ich kalauere: „Da haben wohl nicht alle die Daum‘ gedrückt“. Wir grinsen.

„Der geht ja weg, oder wird weg gegangen“ sagt mein Brötchenmann.

„Was weiß die Zeitung denn? Wohin geht er?“ frage ich.

„Nach Brüssel, heißt es“ antwortet er. „Da passt er auch hin.“

Das will ich genauer wissen: „Warum das?“

„Hallo?!“ sagt er. „Brüssssssellll! Hochbezahlte Spieler! Aber magere Ergebnisse, weil die fast immer am Ziel vorbei schiessen!“

© Ulf Runge, 2011

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Jona sagt:

    Das Gefühl, der Verein wolle nicht siegen. Zwar in der BuLiga spielen, aber dort dann nicht wirklich brillieren, sondern dümpeln. Das hat aus dem Erleben der Fans zwar einen Gewissen Charme und zeigt sowas wie eine Anständigkeit in der Haltung, aber wenn ich BuLiga-Spieler wäre und sollte nicht wirklich oben raus spielen, würde ich innerlich gaga. Die Zerrisseneheit, die Bi-Polarität zwischen Eintracht + Frankfurt / Wald + Stadion / Hinspielen + Rückspielen / Worker + Banker / Schwarz-Weiss + Rot-Weiss / Vorstand + Trainer … – ich hab noch keine bis ins Leere aufgehängtere Lage einer Fussball-AG gesehen bzw. gefühlt. Vor lauter zweifelhafter Ergebnisse, zB das 43-Punkte/Saison-Trauma, kein Gefühl mehr für Sieg und Erfolg. Ich finde, man kann vorzüglich und ganz klar lachen, wenn jemand wie Bayern München verliert, weil die sonst siegen. Wenn aber sowas wie EF schlidderte, dann verkommt mir mein Lachen beinah zum Nachtreten … was erwarte ich von einem Daum? Gekittete Vase. Persönlich aber bin ich am strengsten: Ich seh keine Lösung, also zählen auch die Fötzeleien nicht.

    Gefällt mir

    1. Ulf Runge sagt:

      Lieber Jona,

      oh da tun sich Abgründe des Mitfieberns mit der Eintracht bei Dir auf.
      Das liest sich gerade so, als hätte man Dir das Fußballfanherz herausgerissen…

      Das Ambivalente an so Dingen wie Profisport ist, dass es ja doch immer noch ein Spiel ist.
      Das dazu dient, dass Menschen mal ihre Gefühle ausleben können, die sich das sonst verkneifen.
      Die mal ein Wirgefühl haben, was ihnen sonst im Alltag abhanden gekommen ist.

      Und dann ist alles auf einmal ernst, wenn der Absturz in die wirtschaftliche Zweitklassigkeit unvermeidbar scheint.

      Wenn in den Nachrichten dann wieder von Hunger, Kriminalität, Naturkatastrophen, Umweltvernichtung und Armut die Rede ist,
      relativiert sich die Abstiegstrauer, vermute ich…

      Liebe Grüße,
      Ulf

      Gefällt mir

  2. ladidaladida sagt:

    Den Witz mit dem Nochmalanrufen und „ich weiß, aber ich höre das so gerne“ gibt es en vielen Varianten. Natürlich fällt mir jetzt keine ein.

    Gefällt mir

    1. Ulf Runge sagt:

      liebe ladidaladida,

      für mich war diese witz-variante „aber ich höre das so gerne“ absolut neu.
      du hast recht, es gibt beliebig viele situationen, auf die dieser witz zutreffen könnte.
      doch wenn man dann eine nennen will, dann verschwinden sie aus unserer erinnerung…

      lg ulf

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s