Videoüberwachung

am
Leben 697 – Dienstag, 29.03.11

Er grüßt freundich wie immer, mein Brötchenmann, und doch ist irgendwas anders. Er gibt mir mein Frühstück, kassiert den üblichen Obulus, um schließlich doch noch meiner Frage, ob irgendetwas sei, vorzukommen.

„Mir haben sie die Ostereier, die hartgekochten, aus dem Kühlschrank geklaut, übers Wochenende, das muss man sich mal vorstellen, ist das nicht schlimm?“

Zuerst denke ich spontan, dass der Hunger aber groß gewesen sein muss bei der Person, die sich da selbst bedient haben wird. Und dass diese Person sich doch spätestens heute bei meinem Brötchenmann hätte melden müssen, um zu sagen: „Sorry, ich hatte Hunger, ich habe die Eier gegessen, was darf ich Ihnen dafür geben?“

Aber das ist wohl sehr unwahrscheinlich, dass sich eine derartige Person finden wird. Schade.

Ich versuche, „witzig“ zu sein: „Ich kenne eigentlich nur den Fakt, dass sich Füchse über die Hühner her machen, allerdings nicht in ungeborener geschweige denn gekochter Form, sondern als gefiedertes Exemplar.“

Er lächelt. Siehste, denk ich.

Ob er denn noch nicht daran gedacht habe, seinen Stand mit Videokameras zu überwachen?

„Nee, nee, das ist mir zu teuer.“ Um dann mit verschmitztem Blick fortzufahren: „Da bleib ich lieber nachts hier sitzen und pass‘ auf!“

© Ulf Runge, 2011

 

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Hase sagt:

    Lieber Ulf,
    danke für die Neuigkeiten vom Brötchenmann…. Verlust ist Verlust
    wie man auch damit umgehen kann, am Sonntag hier beschrieben:

    http://kartenlegerin.wordpress.com/2011/03/27/get-lost/

    Sicherlich kein Trost für den Brötchenmann, aber vielleicht des Weitererzählens wert…. das war das gleiche Wochenende, vielleicht hat der Dieb erst die Räder in Wien gestohlen, dann die Eier, weil er Hunger bekam…. nur so eine Idee
    liebe Grüße
    Erika

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  2. Ulf Runge sagt:

    Liebe Erika,

    danke für den Hinweis auf elisabeth’s „Verlust“, auf ihre Perspektive, endlich mal demnächst ein richtig funktionierendes Fahrrad fahren zu dürfen. Lach.

    Mein Brötchenmann hat es natürich überlebt. Nur sein Restfunke an Glauben an das Gute im Menschen ist stark angeknaxt.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  3. Lieber Ulf,
    was würdest du nur ohne deinen Brötchenmann machen? Was ein Glück, dass noch ein „Restfunke“ an das Glauben an das Gute im Menschen vorhanden ist, wie sollte es sonst weitergehen ?
    Herzliche Grüße
    Doris

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  4. Ulf Runge sagt:

    Liebe Doris,

    da hast Du ja so recht.
    Ohne meinen Brötchenmann wäre mein Start in den Tag bedeutend armseliger.

    Restfunke? Liebe Doris, ich glaube, die Menschen sind besser als ihr Ruf.
    Der wahre Charakter zeigt sich allerdings oft genug, wenn sie sich unbeobachtet glauben…

    Liebe Grüße,
    Ulf

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