Wir sind dunkel im Augenblick. Bitte belebt uns.

Leben 693 – Dienstag, 22.03.11

Es gibt Menschen, die müssen von Berufs wegen Worte finden. Schriftsteller zum Beispiel. Keine Sätze, keine Kohle.

Ich tue mich immer noch recht schwer, die richigen, angemessenen Worte zu finden. Während ich erkannt habe, dass wir vieles mit großem Mut ändern müssen, will der Alltag trotzdem noch weitergelebt sein.

Es gibt Menschen, die müssen von Berufs wegen regelmäßig Worte finden. Müssen. Selbst wenn Ihnen nicht danach zu Mute ist. Regierungssprecher etwa. Oder Journalisten. Und natürlich Geistliche. Auf ganz besondere Weise verkörpert Annette Bassler in sich die Rolle der doppelten Multiplikatorin, beglückt sie doch die HörerInnen von SWR1 Rheinland-Pfalz immer wieder neu mit herrlich zu hörenden und freudig nachzulesenden Anstößen. Vergangenen Montag, dem Montag 1 nach Fukushima, haben ihre Worte wieder einmal mein Herz und meinen Verstand berührt.

Ich habe sie gefragt; ich darf sie zitieren. Dafür danke ich ihr ganz herlich!

Mein Beitrag heute soll sich auf diese einleitenden Worte beschränken.

Annette Bassler, Mainz, evang. Kirche

„Wir sind dunkel im Augenblick. Bitte belebt uns.“

Das hat ein hochrangiger japanischer Beamter am Wochenende gesagt. Und diesen Satz habe ich immer im Ohr, wenn ich die Bilder und Nachrichten aus Japan sehe.

Die Bilder aus Japan erinnern mich an die Tsunamis in Südostasien in Südostasien und Haiti und gleichzeitig an das Reaktorunglück in Tschernobyl. Die Menschen in Japan erleben derzeit eine Katastrophe, wie es sie noch nie gegeben hat. Und immer wenn ich die Bilder von überschwemmten Küsten, Menschen in Strahlenschutzanzügen und Notunterkünften sehe, beschleicht mich Gefühl von Lähmung und zunehmender Dunkelheit.

„Wir sind dunkel im Augenblick. Bitte belebt uns.“ Aber diese Bitte des japanischen Beamten an uns reist mich immer wieder heraus. Dunkelheit und Lähmung. Wenn man einer unerträglichen Situation ausgeliefert ist und ganz einsam. Die Bibel nennt das „Gottesferne“. Weil: wenn das Leben aus dem Körper weicht, dann rückt auch Gott erst einmal in die Ferne.

Unsere Vorfahren haben eine Alternative gekannt zu dieser Art von Dunkelheit und Schockstarre. Es ist ein Gebet, ein Psalm aus dem Alten Testament:

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.
Des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht
und des Nachts, doch ich finde keine Ruhe.

Du aber Herr, sei nicht ferne.
Meine Stärke, eile mir zu helfen.
Und weiter.

Unsere Väter und Mütter hofften auf dich.
Und da sie hofften, halfst du ihnen heraus. Zu dir schrien sie und wurden errettet.“

Für mich ist das der stärkste Protest gegen Dunkelheit und Lähmung, den ich kenne. Und eine mögliche Antwort auf die Bitte des japanischen Beamten: „Wir sind dunkel im Augenblick, bitte belebt uns.“

Im Internet habe ich eine Seite entdeckt, in der sich bisher über 32.000 Menschen zu Wort gemeldet haben. „Japan, in Gedanken sind wir bei euch“ heißt sie – und darin erzählen manche, wo und wie sie Geld spenden, andere verabreden sich, um miteinander zu beten für die Opfer und die Helfer, ja eine Frau hat sogar ein Apfelbäumchen gepflanzt. Jeder tut etwas nach seinem Vermögen. Und antwortet damit auf die Bitte des japanischen Beamten, die auch ich Ihnen heute morgen ans Herz legen möchte: „Wir sind dunkel im Augenblick, bitte belebt uns.“

© Annette Bassler, 2011

Zum Schluss noch ein paar Frühlingsimpressionen aus einer halbwegs intakten Umwelt. Auf dass wir mit Demut und Dankbarkeit unser Mitgefühl und unsere Hilfe zu denen lenken, die auf uns setzen. Und auf dass wir für unser Reden und Handeln die Schlüsse ziehen, zu denen wir nach Tschernobyl wohl noch nicht bereit und in der Lage waren.

© Begleitender Text: Ulf Runge, 2011

© Fotos: Ulf Runge, 2011

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Hase sagt:

    Lieber Ulf,
    vielen Dank für den Beitrag und die schönen Frühlingsbilder
    hier auch ein link mit Hinweisen heute bei theomix gelesen

    http://theomix.wordpress.com/2011/03/22/japan-im-fokus/

    liebe Grüße
    Erika

    http://www.ekd.de/japan/index.php

    Gefällt mir

  2. Ulf Runge sagt:

    Liebe Erika,

    danke für Deinen Kommentar.
    Und die wertvollen Links zu Theomix bzw. zu Japan.

    Liebe Grüße,
    Ulf

    Gefällt mir

  3. wir sind dunkel im Augenblick. Der Beitrag von Annette Bassler hat mich tief getroffen. Ich trage genau das Gebet v. Alten Testament seit einem Jahr in mir – Seit dem Verlust meines Mannes weiss auch ich, was Dunkelheit im Leben bedeutet.
    Alles braucht seine Zeit.

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    1. Ulf Runge sagt:

      Liebe Elvira,

      der Verlust eines geliebten Menschen, DES geliebten Menschen, fällt so schwer, weil es so unbegreiflich für uns ist,
      dass da ein Teil von uns selbst davon gerissen wird.

      Diese tiefe Trauer in Zuversicht und die Gewissheit zu überführen, dass da noch mehr ist, als unserer Wahrnehmung zugänglich ist,
      das ist eine sehr schmerzhafte Zeit.

      Liebe Grüße,
      Ulf

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  4. Maria H sagt:

    Lieber Ulf!

    Du hast Recht, dieses Gebet ist ein Protest und eine Anklage!!

    Warum werden wir nicht gehört?
    Wo ist er, dieser Gott?
    Warum lässt er so viel Grausamkeit und Elend zu?

    Leider können wir nicht mehr tun als eine Kerze anzuzünden und zu spenden, was ich auch getan habe,in der Hoffnung dass es auch richtig ankommt.
    Es hat mich gefreut letzte Woche zu hören dass Japan endlich auch eingesehen hat aus der Atomenergie auszusteigen. Ich hoffe dass unsere Politiker ihre euphorischen spontanen Entscheidungen auch tatsächlich umsetzen.

    Ich habe großen Respekt und Bewunderung für die Disziplin und Würde, mit der die Japaner diese unaussprechliche Katastrophe bewältigen.

    Maria

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  5. Ulf Runge sagt:

    Liebe Maria,

    das Elend haben wir mit dem „Restrisiko“ selber herbeigeholt.
    Wir haben „Glück“, dass das nicht in Deutschland passiert ist.
    Da wir aber alle globalisiert sind, kommt auch die Radioaktivität zu uns. Ganz langsam.
    Durch die Luft. Mit den Waren, die wir dort kaufen.

    Die JapanerInnen sind ein tapferes Volk.
    Ich habe mit Begeisterung die Fußballerinnen für ihr Land spielen sehen.
    Und sich demütig bedanken mit ihrem Plakat…

    LG Ulf

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  6. Maria H sagt:

    Lieber Ulf,

    du hast Recht, das Elend in Puncto „Restrisiko“ haben wir natürlich selbst verschuldet.

    Anderes Elend nicht.

    Ich habe mich sehr gefreut dass die Japanerinnen den Pokal gewonnen haben. Das kam emotional genau zum richtigen Zeitpunkt. Ein kleiner Moment der Freude……eine kleine Auszeit.

    Liebe Grüße Maria

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  7. Ulf Runge sagt:

    Liebe Maria,

    wenn jemand den Pokal „jetzt“ gebraucht hätte, dann die Japanerinnen!
    Und sie haben ihn sich auch richtig verdient!
    Du sagst es.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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