Marmorkuchen I

am
Leben 689 – Donnerstag, 09.03.11

Marmorkuchen
Marmorkuchen

Montag Morgen. Bruno kommt ins Büro, zieht die Jacke aus, startet den PC, macht eben all die Dinge, die kleidungs-, licht-, luft-, klima-, arbeits-, ernährungs- und verdauungstechnisch zu einem geglückten Start in den Bürotag gehörenden Dinge und will also auch schon Richtung Teeküche und Toilette enteilen, als sein Blick auf etwas Aluminiumverpacktes fällt.

Ein fremdes Etwas mit nicht direkt zuordenbarer Gestalt liegt neben der PC-Tastatur. Davor ein Zettel. Auf dem mit liebevollen Schwüngen geschrieben steht: „Für Bruno“.

Frauenhandschrift! Denkt sich Bruno.

Aber wer? Welche Dame hat ihn hier beglückt? Und warum?

Das soll jetzt absolut nicht überheblich klingen, aber der Bruno kam echt ins Grübeln. Niemand hatte ihm einen Kuchen, um den handelte es sich nämlich nach vorsichtigem Öffnen der glänzenden Folie, versprochen.

Niemander. Und Niemande.

Keinen Kuchen. Und schon gar nicht einen Marmorkuchen! Beim Anblick dieses wunderschönen Kuchenstücks macht es endlich „Klick!“ bei Bruno. Unverzüglich geht er rüber zu seinem „alten Team“, bei dem er sich immer noch einmal im Monat an einer Wette beteiligt. Wer gewinnt, darf sich einen Kuchen wünschen. Wer verliert, ist zum Backen verurteilt.

Der Wettgegenstand, der hier nicht weiter interessieren soll, hat den akronymischen Namen ACLA. Und aufgrund des hohen Frauenanteil im Teams ist der monatlich zu vergegebende Titel der der ACLA-Queen. Bruno war auch schon mal ACLA-Queen. Häufiger allerdings war er derjenige, in dessen Backkunstergebnisgenuss das „Team“ gelangte.

Brunos Käsekuchen waren inzwischen (weltberühmt und im Positiven) berüchtigt; die wurden schnell weggeputzt. Abgesehen von einigen sehr sehr wenigen Puristen, die es absolut nicht schätzen, wenn Käsekuchen Cranberries enthält, war Brunos Kernkompetenz im Käsekuchenbacken mittlerweile unbestritten.

Es ist nicht mehr ganz leicht zu klären, ob es dann der Wunsche der seinerzeitigen ACLA-Queen war oder Brunos Bedürfnis, seinen Backhorizont zu erweitern, beim letzten Mal spendierte er einen Marmorkuchen, der von außen lecker anzusehen war, von innen allerdings eher an Matzebatze erinnerte.

Dem Bruno war das natürlich peinlich, sodass er heimlich und zu Hause, und ganz bestimmt noch nicht für das Alt-Team bestimmt, weitere Marmorkuchenbackversuche unternahm.

Und dieses soeben auf seinem Schreibtisch vorgefundene Marmorkuchenstück ist mit Sicherheit eine kleine Lektion von seinem Alt-Team, denkt sich Bruno, so dass er sofort bei seinen ehemaligen Kolleginnen vorstellig wird, um sich für diese Lektion zu „bedanken“.

„Marmorkuchen? Nee, wir nicht. Lach. Wem hast Du denn sonst noch von Deinen Backkünsten erzählt?“

„Ich möchte von jeder von Euch jetzt eine Schreibprobe ‚Für Bruno‘, und wehe, Ihr verstellt Eure Handschrift!“

Unter Tränengelächter schreibt jede der Damen einen „Für Bruno“-Zettel, was zu Brunos Überraschung mit dem Unschuldsbeweis für die Anwesenden ausgeht.

Bruno kehrt an seinen Schreibtisch zurück und malt sich aus, dass da nicht nur ein Zettel mit der Widmung „Für Bruno“ liegt, sondern dass diese ihm nahestehende Person des anderen Geschlechtes, auf deren Identität er gerade absolut nicht kommen will, eventuell noch geschrieben haben könnte: „Du weißt schon!“ und noch einen augenzwinkernden Smiley dahinter. Oh wie oberpeinlich das dann wäre.

Relativ ideenlos irrt der Bruno noch ein bisschen durchs Haus, um erleichert und beunruhigt zugleich feststellen zu müssen, dass die verbleibende, für Verdachtsmomente in Frage kommende Damenwelt heute geschlossen frei hat. Merkwürdig!

Als der Bodo am Nachmittag beim Bruno vorbeirkommt, fragt der Erstere den Letzteren, was denn das da sei, was er vor sich liegen habe.

„Du glaubst es nicht. Marmorkuchen! Ich habe Dir doch von meinem Missgeschick erzählt, dass es nur zu einem Matzebatzekuchen gelangt hat bei mir. Und irgendjemand, glaube ich, möchte mir jetzt eine Lektion erteilen…“

„Ja.“

„Wie ja? Wie meinst Du das.“

„Wie ich gesagt habe. Ja. Da möchte Dir jemand eine Lektion erteilen.“

„Du guckst so merkwürdig. Was ist los, Bodo?“

„Und wie schmeckt Dir dieser Lektionskuchen? Ich sehe, Du hast schon reingebissen!“

„Lecker, ohne Ende. Aber sag‘ mal Bodo, sag‘ mal. Äh. Nein. Ich weiß was Besseres. Schreibe mir doch bitte mal einen Zettel ‚Für Bruno‘!“

© Ulf Runge, 2011

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Elisabeth sagt:

    Hihi, eine seeeeeeeeeehr nette Geschichte wieder einmal, lieber Ulf!!! 🙂

    In dem Büro, wo ich einst gearbeitet habe, habe ich einfach so immer Kuchen mitgebracht, weil ich wusste, wie sehr die KollegInnen diesen liebten 🙂
    Aber wenn man nicht weiß, von wem die Köstlichkeit ist, dann kann man sich ja nicht bedanken und ich würde es an Brunos Stelle auch nur zu gern tun! 🙂

    Sonnige Wochenendwünsche für dich, Elisabeth

    P.S.: Übrigens, lieber Ulf, ich bin ganz aufgeregt, immer noch: gestern ging mein erster Gedichteband online unter http://www.ornauer.at/lebensfreude-blog/2011/03/10/liebesgedichte-online/

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    1. Ulf Runge sagt:

      Liebe Elisabeth,

      ja, das war eine ziemlich doofe Situation für Bruno, als er absolut nicht wusste, wem er denn nun danken durfte.

      Deine Gedichteband? Soeben gekauft. Finde ich klasse, dass Du das geschafft hast…
      Mehr auf Deinem Blog 🙂

      Liebe Grüße,
      Ulf

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  2. Maria H sagt:

    Fröhliche Geschichte!!!!

    Aber der Lektionerteiler hätte wenigstens das Rezept beilegen können.
    Aber vielleicht ist es ja ein Geheimnis und er möchte der alleinige Marmorkuchen-König bleiben 🙂

    Maria

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  3. Ulf Runge sagt:

    Liebe Maria,

    so ist es wohl, wie Du sagst. Wobei, ich wüsste, wie ich an das Rezept komme… 🙂

    Das schöne ist ja, dass es immer wieder Kollegengemeinschaften gibt, in denen derartige Begebenheiten passieren…

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  4. Maria H sagt:

    Ja, das ist schön!!

    Ich könnte Bruno ja mein Rezept verraten, und er könnte dann Bodo und den Rest der Gemeinschaft überraschen 🙂

    Liebe Grüße
    Maria

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  5. Ulf Runge sagt:

    Liebe Maria,

    aber gerne. Ich bin gespannt, Dein Rezept hier zu lesen.

    Neugierige Grüße,
    Ulf

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