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Archive for März 2011

Klug? Clever? Intelligent?

30. März 2011 8 Kommentare
Leben 699 – Mittwoch, 30.03.11 

Stell Dir mal vor, Du hättest was Wichtiges zu sagen. Und dann auf einmal bekommst Du keinen Ton raus. Keinen Buchstaben, keinen Laut.

Stille.

Aber wie gesagt, Du hättest was Wichtiges zu sagen. Was würdest Du jetzt tun?

Genau! Du würdest Dir einen Stift nehmen und einen Zettel und auf selbigen drauf schreiben, worum es Dir geht, was Du denn so Wichtiges mitzuteilen hast.

Wie würdest Du dieses Verhalten nennen? Genau! Klug. Clever. Intelligent.

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Schwer vermittelbar

30. März 2011 2 Kommentare
LEBEN 698 – Mittwoch, 30.03.11

Den Begriff „schwer vermittelbar“ habe ich bisher mit Langzeitarbeitslosen in Verbindung gebracht. Menschen, die schon so lange arbeitslos sind, dass Ihnen fast niemand mehr zutraut, noch einmal ins Berufsleben zurückzufinden. Ein echter Brennpunkt in unserer sozialen Marktwirtschaft.

Seit gestern weiß ich, dass es noch etwas gibt, was „schwer vermittelbar“ ist. Nämlich die im Radio, SWR1 Rheinand-Pfalz, in den Nachrichten vernommene Meldung, dass „die EU“ die Grenzwerte für radioaktiv belastete Lebensmittel heraufgesetzt habe.

Wie bitte? Frage ich mich.

Will es genauer wissen.

Bei Focus Online bekomme ich nicht nur diese Ungeheuerlichkeit bestätigt, dass für die in EUland gehandelten LEBENsmittel ab sofort höhere Grenzwerte für radioaktive Belastung gelten. Die Belastung darf je nach LEBENsmittel doppelt bis dreifach so hoch sein.

Die Begründung ist nicht, dass damit der Import von LEBENsmitteln aus Japan vereinfacht werden soll, sondern dass die EU eine „nukleare Notsituation“ ausgerufen hat. Bisher war ich der Meinung, dass man in Japan von einer derartigen Lage sprechen kann. Doch nun ist die Katastrophe also hier angekommen.

Ich vermute mal, dass die Tageszeitungen heute mit einem Fußballländerspielergebnis aufmachen werden. Aber nicht mit „ATOMARER NOTFALL IN EUROPA“. Vermutlich, damit keine Panik ausbricht und wir alle nach Osaka wollen, wo es ja relativ sicher sein soll.

Mal ehrlich, was machen wir, wenn die Strahlenbelastung bei uns weiter steigt? Wenn die hier angebauten LEBENsmittel die erhöhten Werte überschreiten?

Ich bin für Pokern. Mitgehen. Höherbieten. Grenzwerte raufsetzen. Auf Westwind hoffen. Oder Ostwind. Oder Nationalmannschaftsergebnisse.

© Ulf Runge, 2011

 

Videoüberwachung

29. März 2011 4 Kommentare
Leben 697 – Dienstag, 29.03.11

Er grüßt freundich wie immer, mein Brötchenmann, und doch ist irgendwas anders. Er gibt mir mein Frühstück, kassiert den üblichen Obulus, um schließlich doch noch meiner Frage, ob irgendetwas sei, vorzukommen.

„Mir haben sie die Ostereier, die hartgekochten, aus dem Kühlschrank geklaut, übers Wochenende, das muss man sich mal vorstellen, ist das nicht schlimm?“

Zuerst denke ich spontan, dass der Hunger aber groß gewesen sein muss bei der Person, die sich da selbst bedient haben wird. Und dass diese Person sich doch spätestens heute bei meinem Brötchenmann hätte melden müssen, um zu sagen: „Sorry, ich hatte Hunger, ich habe die Eier gegessen, was darf ich Ihnen dafür geben?“

Aber das ist wohl sehr unwahrscheinlich, dass sich eine derartige Person finden wird. Schade.

Ich versuche, „witzig“ zu sein: „Ich kenne eigentlich nur den Fakt, dass sich Füchse über die Hühner her machen, allerdings nicht in ungeborener geschweige denn gekochter Form, sondern als gefiedertes Exemplar.“

Er lächelt. Siehste, denk ich.

Ob er denn noch nicht daran gedacht habe, seinen Stand mit Videokameras zu überwachen?

„Nee, nee, das ist mir zu teuer.” Um dann mit verschmitztem Blick fortzufahren: “Da bleib ich lieber nachts hier sitzen und pass‘ auf!“

© Ulf Runge, 2011

 

Nicht egal!

27. März 2011 11 Kommentare
Leben 696 – Sonntag, 27.03.11

Egal, wer heute die Wahl gewinnt. Hauptsache ist, dass die, die an die Regierung kommen, diejenigen sind, die den Mut haben, unsere Gesellschaft neu zu fokussieren. Auf eine Gesellschaft, die auf Nachhaltigkeit setzt. Für die die Gesundheit der Menschen neben Freiheit und Frieden das Höchste Gut ist. Für die die Erhaltung und Heilung unserer Umwelt mehr zählt als der Raubbau an der Natur. Egal, wer heute gewinnt? Nicht egal! Oder?

Egal, wer heute die Wahl gewinnt. Hauptsache ist, dass, die an die Regierung kommen, den Wahnsinn aus medikamentenverseuchter Massentierhaltung und gentechnischem Pflanzenanbau endlich beenden wollen. Und statt Pflanzenbenzin in den Tank zu schütten die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass weniger Benzin verbraucht wird. Die gleich und sofort die Kernkraftwerke abschalten. Das wird sowieso kommen. Wir haben die Chance, gleich und sofort die Lehren daraus zu ziehen. Noch mehr in die Energiegewinnung aus Sonne, Wind, Gezeiten und Erdwärme zu investieren. Egal, wer heute gewinnt? Nicht egal. Oder?

Mein Artikel wird kaum Deine Wahlentscheidung beeinflussen, oder? Aber Du gehst hin, oder?

Wir haben heute die Wahl zwischen politischen Parteien. Du gehst wählen, so wie ich auch, oder? Und Du hoffst mit mir, dass die Gewählten dann eine sinnvolle Politik machen werden. Wobei Du darunter womöglich etwas anderes verstehst als ich. Bei allen Unterschieden dürfen wir dafür dankbar sein, in einer Demokratie mit freier Meinungsäußerung und freien, geheimen, gleichen Wahlen zu leben.

Wir haben täglich die Wahl, den von uns Gewählten zu sagen, was wir für richtig halten. Das tun wir nicht wirklich sehr oft, oder?

Wir haben täglich die Wahl zu wählen, wie wir uns ernähren, was wir für unsere Gesundheit tun. Und ob die von uns konsumierten Produkte irgendetwas mit Nachhaltigkeit und Fairness zu tun haben.

Egal, was wir wählen? Nicht egal!

© Ulf Runge, 2011

Wer oder was zum Teufel ist Rolodex?

Leben 695 – Samstag, 26.03.11

Seit vier Jahren betreibe ich meinen Blog auf wordpress.com. Bis heute habe ich für diesen werbefreien Blog noch keinen Cent bezahlen müssen und bin hoch erfreut über die Performance und Verfügbarkeit von wordpress. Und ich freue mich darauf, dass das auch zukünftig so bleiben soll.

Nichtsdestotrotz treibe ich mich seit geraumer Zeit mit dem Gedanken herum, eine eigene Homepage zu etablieren. Ich kenne viele, die ich fragen würde und wollte, wie sie es denn gemacht haben.

Und wie ein kleines Wunder ist jetzt auf einmal André Loibl mit seinem kostenlosen Rolodex präsent, einer Sammlung aller seiner Partner, deren Software und Services er erfolgreich nutzt.

Bei einigen seiner Tipps wird er (hoffentlich) etwas Geld damit verdienen, dass man die von ihm empfohlenen Links interessehalber, kostenlos und unverbindlich anklickt. Und das ist gut so.

André Loibls Rolodex ist eine sehr übersichtliche Darstellung all der Werkzeuge, die man heutzutage braucht, um einen professionellen Internetauftritt zu etablieren. Ich werde seine Tipps ausprobieren und hoffe darauf, schon bald zu sagen: Ulf Runge proudly presents… [powered by André Loibls Rolodex].

Ich danke Jürgen Tesch, dass er “seinen” Link zu André Loibls Rolodex veröffentlicht hat. Hier ist “meiner”: André Loibls Rolodex.

© Ulf Runge, 2011

Der Anfang vom Ende

23. März 2011 14 Kommentare
Leben 694 – Mittwoch, 23.03.11 

Dass das Gebäude aufgegeben wird, steht seit geraumer Zeit fest. Bereits im Frühsommer werde ich in einem anderen Glas- und Betontempel sitzen. Ich werde den Kiez um die Ecke, diese liebgewonne Mischung aus asiatischen Restaurants, marrokkanischen Obst- und Gemüsegeschäften, idyllischem Wochenmarkt nebst traditionellem Bürofachgeschäft und Rotlichtbezirk eingetauscht haben gegen einen Wolkenkratzerpark, eine verstaute Stadtautobahn und eine hochfrequentierte Eisenbahnterrasse, auf dass es immer was zum Gucken gibt.

Das ist mir also länger schon klar. Ich werde es nicht ändern können, werde mich in dieses Schicksal fügen, und werde versuchen, das neue Ambiente lieben zu lernen, genauso wie ich mein derzeitiges Umfeld auch erst lieben lernen musste.

Ich will „mein altes Gebäude“ gerade betreten, bin gedanklich schon auf der Treppe hoch zum Brötchenmann, als eine schreckliche Erkenntnis meine Schritte lähmt, mir die Kraft aus den Beinen nimmt, mich müde und schwer macht: Bald schon ist es aus mit dem Brötchenmann und mir, bald schon werden sich unsere Wege trennen.

Ich grüße ihn etwas wehmütig, und frage ihn mit tieftraurigem Blick, wie lange er denn noch da sei. Hm, so ein bis drei Jahre, hoffe er.

Ich ziehe meine Augenbrauen hoch, schaue ihn entgeistert an und erzähle ihm in weniger als dreißig Sekunden, wofür andere auch gerne schon mal Powerpoint bemühen, nämlich dass das Gebäude bald gespentisch leer sein wird.

Das sei ja absolut nichts Neues, grinst er mich an, ich häbe ihn ja gefragt, wie lange er denn noch DA sei, und da hoffe er schon noch auf ein bis drei gute Jahre. Ober lieber noch ganz viel mehr, was er mit einem verschmitzten Blick begleitet.

Wir lächeln ob seines Wortwitzes.

Ich nehme einen zweiten Anlauf.

„Und was machen Sie, wenn Sie den Job hier aufgeben müssen?“ frage ich ihn.

„Dann werde ich mich mal wieder nach einer richtigen Arbeit umsehen müssen!“

Und für einen Augenblick habe ich das Gefühl, er könne das sogar ernst meinen…

© Ulf Runge, 2011

 

Wir sind dunkel im Augenblick. Bitte belebt uns.

22. März 2011 8 Kommentare

Leben 693 – Dienstag, 22.03.11

Es gibt Menschen, die müssen von Berufs wegen Worte finden. Schriftsteller zum Beispiel. Keine Sätze, keine Kohle.

Ich tue mich immer noch recht schwer, die richigen, angemessenen Worte zu finden. Während ich erkannt habe, dass wir vieles mit großem Mut ändern müssen, will der Alltag trotzdem noch weitergelebt sein.

Es gibt Menschen, die müssen von Berufs wegen regelmäßig Worte finden. Müssen. Selbst wenn Ihnen nicht danach zu Mute ist. Regierungssprecher etwa. Oder Journalisten. Und natürlich Geistliche. Auf ganz besondere Weise verkörpert Annette Bassler in sich die Rolle der doppelten Multiplikatorin, beglückt sie doch die HörerInnen von SWR1 Rheinland-Pfalz immer wieder neu mit herrlich zu hörenden und freudig nachzulesenden Anstößen. Vergangenen Montag, dem Montag 1 nach Fukushima, haben ihre Worte wieder einmal mein Herz und meinen Verstand berührt.

Ich habe sie gefragt; ich darf sie zitieren. Dafür danke ich ihr ganz herlich!

Mein Beitrag heute soll sich auf diese einleitenden Worte beschränken.

Annette Bassler, Mainz, evang. Kirche

“Wir sind dunkel im Augenblick. Bitte belebt uns.”

Das hat ein hochrangiger japanischer Beamter am Wochenende gesagt. Und diesen Satz habe ich immer im Ohr, wenn ich die Bilder und Nachrichten aus Japan sehe.

Die Bilder aus Japan erinnern mich an die Tsunamis in Südostasien in Südostasien und Haiti und gleichzeitig an das Reaktorunglück in Tschernobyl. Die Menschen in Japan erleben derzeit eine Katastrophe, wie es sie noch nie gegeben hat. Und immer wenn ich die Bilder von überschwemmten Küsten, Menschen in Strahlenschutzanzügen und Notunterkünften sehe, beschleicht mich Gefühl von Lähmung und zunehmender Dunkelheit.

“Wir sind dunkel im Augenblick. Bitte belebt uns.” Aber diese Bitte des japanischen Beamten an uns reist mich immer wieder heraus. Dunkelheit und Lähmung. Wenn man einer unerträglichen Situation ausgeliefert ist und ganz einsam. Die Bibel nennt das „Gottesferne”. Weil: wenn das Leben aus dem Körper weicht, dann rückt auch Gott erst einmal in die Ferne.

Unsere Vorfahren haben eine Alternative gekannt zu dieser Art von Dunkelheit und Schockstarre. Es ist ein Gebet, ein Psalm aus dem Alten Testament:

“Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.
Des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht
und des Nachts, doch ich finde keine Ruhe.

Du aber Herr, sei nicht ferne.
Meine Stärke, eile mir zu helfen.
Und weiter.

Unsere Väter und Mütter hofften auf dich.
Und da sie hofften, halfst du ihnen heraus. Zu dir schrien sie und wurden errettet.”

Für mich ist das der stärkste Protest gegen Dunkelheit und Lähmung, den ich kenne. Und eine mögliche Antwort auf die Bitte des japanischen Beamten: “Wir sind dunkel im Augenblick, bitte belebt uns.”

Im Internet habe ich eine Seite entdeckt, in der sich bisher über 32.000 Menschen zu Wort gemeldet haben. “Japan, in Gedanken sind wir bei euch” heißt sie – und darin erzählen manche, wo und wie sie Geld spenden, andere verabreden sich, um miteinander zu beten für die Opfer und die Helfer, ja eine Frau hat sogar ein Apfelbäumchen gepflanzt. Jeder tut etwas nach seinem Vermögen. Und antwortet damit auf die Bitte des japanischen Beamten, die auch ich Ihnen heute morgen ans Herz legen möchte: “Wir sind dunkel im Augenblick, bitte belebt uns.”

© Annette Bassler, 2011

Zum Schluss noch ein paar Frühlingsimpressionen aus einer halbwegs intakten Umwelt. Auf dass wir mit Demut und Dankbarkeit unser Mitgefühl und unsere Hilfe zu denen lenken, die auf uns setzen. Und auf dass wir für unser Reden und Handeln die Schlüsse ziehen, zu denen wir nach Tschernobyl wohl noch nicht bereit und in der Lage waren.

© Begleitender Text: Ulf Runge, 2011

© Fotos: Ulf Runge, 2011

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