Die letzte Seite

Leben 665 – Dienstag, 28.12.10 

Harry las für sein Leben gerne Bücher. Dicke Bücher. Spannende Geschichten. Mit lebhaften Gestalten, deren Eigenleben in Harrys Vorstellungswelt mit fortschreitender Lektüre immer schillernder wurde.

Harry war ein Bücherwurm. Gab man ihm am Freitag Abend ein Buch, so konnte er sich bis zum Montag Morgen darin vergessen, um sich schließlich am ersten Arbeitstag der neuen Woche zu fragen, wo denn das Wochenende geblieben sei. Kurz bevor er seine Bürotür öffnete, legte sich noch einmal kurz ein verklärter Blick in sein Gesicht, um die Phantasien der vergangenen Stunden noch einmal im Zeitraffer revue passieren zu lassen.

Wie viele Dickebücherleser zollte auch Harry dem Letzteseitephänomen Tribut. Wohl wissend, dass er sich damit womöglich um die Spannung der letzten 300 Seiten bringen würde, gab es für ihn einen Moment, in dem es kein Halten gab. Einen Augenblick, in dem er nicht mehr Herr über seine Finger war, die verbotenerweise, schamhaft und schüchtern, ganz hinten in den Wälzer hineinfuhren und den völlig überraschten Harry aufforderten, doch mal eben die letzte Seite, wirklich nur die letzte Seite, nein, nicht zu lesen, nur zu überfliegen, nur mal kurz wissen wollen, wie es ausgeht, um dann auch gleich wieder zu vergessen. Ehrenwort.

Harry wollte das nicht. Aber immer wieder ging es ihm so. Wenn die Gestalten in seinem Kopf so lebhaft wurden wie bei einer Daily Soap, wenn er vom Beobachter zum Mitleider und Mitspieler wurde, dann kam irgendwann der Fasszumüberlaufenbringentropfen, der Reisssackinchinazumumfallenbringenschmetterlingsflügelschlag, der ihn, gleichsam von fremden Kräften geführt, zwanghaft dazu brachte, der Gewissheit der Ungewissheit ein Ende zu setzen.

Martin schrieb für sein Leben gerne Bücher. Dicke Bücher. Spannende Geschichten. Mit lebhaften Gestalten, deren Eigenleben in der Vorstellungswelt der Leser mit fortschreitender Lektüre immer schillernder wurde.

Martin war ein Vollblutautor. Wenn er sich einmal hinsetzte, etwa am Freitag Abend, so konnte er sich unter Verzicht auf Nahrungsaufnahme und Schlaf dermaßen in einen Schreibrausch hineinsteigern, dass er sich am Montag Morgen die Frage stellte, wo denn das Wochenende geblieben sei. Um dann stolz auf die neuen Seiten der vergangenen Stunden zu schauen, in denen er seine Gedanken, Ideen und Phantasien zu Worten, Szenen und Dialogen hatte werden lassen.

Martin liebte seine Leser. Was er bei einem Teil von ihnen verabscheute, war das zwanghafte Lesen der letzten Seite noch lange, bevor er es als Autor vorgesehen hatte.

Harry hatte Martins neuestes Buch vor wenigen Tagen erstanden, nachdem seine Buchhändlerin es ihm dringend empfohlen hatte. Wobei sie ihm, wie jedesmal zugezwinkert hatte: „Aber den Schluss erst am Ende lesen!“ Wobei sie ihn dieses Mal mit „Indianerehrenwort?“ aufgefordert hatte, ihr mit „Indianerehrenwort!“ zu versprechen, dass er die letzte Seite auch wirklich erst zum Schluss lesen würde.

Martin grübelte hin und her, wie er seine Leser dazu bringen könnte, die letzte Seite nicht schon vorher zu lesen. Und da kam ihm die Idee, doch die Buchhändler aufzufordern, ihren Käufern und seinen Lesern das Versprechen abzuringen, das Buch ganz brav vorwärts zu lesen.

Harry hatte also seiner Buchhändlerin dieses Versprechen gegeben, war jetzt aber bei diesem magischen Punkt angelangt, bei dem Spieler sich von ihrer Strategie verabschieden und nur um des Spielen und Gewinnenwollens ihrem Trieb folgen. Harry spürte seine rechte Hand in eine unzulässige Seite eindringen.

Buchhändlerin hin, Versprechen her, Harry konnte nicht anders.

Und dann las er die letzte Seite von Martins Buch: „Diese Seite gäbe es nicht, wenn es Dich nicht gäbe. Wenn Du mein Buch ohne die verfrühte Suche nach der letzten Seite gelesen hättest, wäre für Dich auf der vorherigen Seite Schluss gewesen. Oder der vorvorherigen. Und ich verrate Dir auch nicht, wo!“

P.S.: Eigentlich hätte die ganze Welt über Martins geniale Idee reden, schreiben, diskutieren müssen. Dass er die letzte Seite einfach vorverlegt hatte. Das ist aber nicht passiert. Warum?

Die einen, die das Buch „richtig“ gelesen haben, wissen ja gar nichts von diesem Gag.

Und die anderen? Würdest Du zugeben, dass Du das Versprechen gebrochen hast? Und dass Du darüber hinaus auf Martin reingefallen bist?

© Ulf Runge, 2010

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ulrike sagt:

    Guten Morgen Ulf,

    was für ein Lesegenuss! Ich habe auch brav Zeile für Zeile von oben nach unten gelesen … und bei mir sind die Zeiten, wo ich zur letzten Seite vorspringe, auch schon lange, lange vorbei.

    Dafür fang ich bei Zeitschriften schonmal hinten an 🙂

    Fröhliche Grüße aus Düsseldorf, Ulrike

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    1. Ulf Runge sagt:

      Liebe Ulrike,

      das freut mich aber riesig, wenn ich Dir – auf sagen wir mal zwei Seiten – den Genuss des Vorwärtslesens und der letzten Seite zugleich habe vermitteln können. Ebenso fröhliche Grüße vom Ober- an den Niederrhein,
      Ulf

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  2. Elisabeth sagt:

    Lieber Ulf,

    genial, diese Idee… genial deine Geschichte… wundervoll verwoben, fesselnd… Und wenn Zeilen dermaßen fesselnd sind, dann kommen die LeserInnen nicht einmal dazu, die letzte Seite schon vorab zu lesen… 🙂

    Alles Liebe für die letzen Tage in diesem Jahr – stell dir vor, du hättest vor einem Jahr bereits gewusst, wie dieses Jahr ausklingen würde… 😉

    Herzlich, Elisabeth

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    1. Ulf Runge sagt:

      Liebe Elisabeth,

      schön, dass ich Dich in meinen Buchstabenkokon einspinnen konnte!

      Du sprichst da etwas Bedeutsames an: Die letzte Seite im übertragenen Sinne als Blick nach vorne in die Zukunft.
      Es gibt so vieles, von dem wir glauben, dass wir es nicht beeinflussen können.
      Und es gibt mit Sicherheit viel mehr Dinge, die wir bewirken können, wenn wir es uns ganz fest vorstellen und ausmalen und mit Zuversicht daran glauben.

      Es ist so spannend, jetzt aufzuschreiben, wo wir heute in einem Jahr unbedingt sein wollen.
      Und dann in zwölf Monaten zu vergleichen…

      Herzliche Grüße,
      Ulf

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  3. Holger sagt:

    Lieber Ulf,

    wieder eine wundervoll geschriebene Geschichte. Ich weiß nicht, ob ich ein Versprechen geben könnte, die letzte Seite auch erst zum Schluss zu lesen. Es gab drei Bücher, bei denen ich es gebrochen hätte. Allerdings habe ich diese Bücher dann auch zur Seite gelegt – es sind Bücher, welche ich nicht von der ersten bis zur letzten Seite las. Hoffentlich liest Amazon nicht die Geschichte und die Kommentare dazu. sonst müsste ich wohl bei der nächsten Bestellung außer den AGB und sonstigen Sachen noch ein Häkchen ankreuzen 😉
    Liebe Grüße,
    Holger

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  4. andrea2110 sagt:

    Lieber Ulf, das habe ich mit Spannung gelesen, Deinen Stil mag ich einfach zu gern… und immer lässt Du den Leser bis zum Schluss „zappeln“, wenn Du mal ein Buch schreibst, dann lese ich extra für Dich die letzte Seite zuerst:-) Herzliche Grüsse und einen guten Rutsch ein neues Jahr voll neuer wunderbarer Geschichten und Gedanken, Andrea

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  5. Ulf Runge sagt:

    Lieber Holger,

    das ist eine geniale Idee mit dem Letzte-Seite-nicht-lesen-Häkchen bei Amazon.
    Wobei, da fällt mir noch etwas besseres ein:

    Früher gab eine Zeitschrift mit dem Namen Jasmin. Die hatte innen drin Seiten (für Erwachsene, hört, hört), die man mit der Schere aufschneiden musste, damit man Zugang zu ihrem delikaten, sprich aufklärerischen Inhalt bekam.

    So waren Mami und Papi sicher, dass – bei nicht aufgeschnittenen Seiten – den Kindern keine für sie „ungeeigneten“ Informationen zuschlechte kamen.
    Wie wäre es, wenn die letzte Seite nur von der lokalen Buchhandlung aufgeschnitten werden dürfte?

    Die Jasmin-Lösung hat sich (leider?) nicht durchgesetzt. Man braucht ja nur mal im TV zappen…

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  6. Ulf Runge sagt:

    Liebe Andrea,

    herzlichen Dank für die schönen Worte!
    Wie wäre es mit einem Buch, das nur aus letzten Seiten besteht?

    Wo einfach die Seiten davor fehlen…

    Dir und Deinen Lieben ebenfalls alles Liebe und Gute für 20ELF,
    Ulf

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