Lautsprechermann

Leben 656 – Mittwoch, 01.12.10 


Ein Sonnenschein, um nicht zu sagen ein Strahlemann, betritt nach einem harten, langen Tag, wie man jetzt noch nicht unbedingt vermuten möchte, den gut besetzten Feierabendzug, im Schlepptau eine Begleitperson, die sich im weiteren Verlauf als seine Mami herausstellen wird.

Die beiden finden noch einen Platz in einem benachbarten Viererabteil, also nicht weit entfernt von mir, präziser ausgedrückt in meinem engeren Hörbereich, ohne den es diese Zeilen nicht geben würde.

Die beiden sprechen miteinander. Der Kleine hat viele Eindrücke vom Tage, die er nun heraussprudelt. Ab und zu kommt auch Mami zu Wort. An Schlaf ist für den Rest der kopfhörerfreien Fahrgäste nicht wirklich zu denken, der Kleine spricht zu laut, als dass man nicht auf seine Stimme fixiert wäre.

In einer Luftholpause darf Mami nun sogar einen ganzen Satz sprechen. Einen Satz, den sie für die Dauer der verbleibenden Fahrt aufrichtig bedauern wird. „Schatz, wir haben ja das Brot zu Hause liegen gelassen.“

„Waruhum?“

Mami will antworten, ist aber zunächst einmal machtlos gegen den Warum-Anfall ihres Sprösslings: „Waruhum? Waruhum hast Du das Brot vergessen?“ Geplärre. Lautes Geplärre. „WAAAARUUUUHUUUMM?“

Der Kleine, ohne es zu ahnen, darf sich der uneingeschränkten Aufmerksamkeit des Waggons sicher wissen. Während Mami nun zu einer vornehmlich von Männern verwendeten, nämlich sachlogischen Argumentationskette ausholt. Dass heute früh so viel Schnee gelegen habe, den man hätte räumen müssen. Überhaupt, doziert sie mit professoraler Gemütsruhe weiter, überhaupt sei morgens immer sehr viel zu erledigen. Und da hätten sie einfach vergessen, das von Papi geschmierte Brot mitzunehmen. Und vielleicht könne er, der kleine Mann, sich zukünftig da morgens mehr einbringen, damit das Brot dann nicht mehr vergessen werden würde.

„Waruhum?“ Die Weinkrämpfe werden heftiger, dann schwellen sie wieder ab, und geben immer wieder einmal kleine Pausen für die linkshirnig argumentierende Mami, die absolut nicht das Thema ändern will „Guck mal, da ist jetzt aber ein toller Bahnhof!“, nein, derartige Manöver sind ihr fremd, sie erklärt das morgendliche Unglück in epischer Breite, was der Knabe dann in ebensolcher Breite warumt und beheult.

Ein bisschen nervig, der kleine Mann, mögen sich so manche Gesichter denken, in die ich gerade blicke, als die Mami den Warummer bittet, doch seine Jacke anzuziehen, sie seien gleich da, in Darmstadt.

„Waruhum?“

Mami will gerade ausholen mit einer erwachsenengerechten Erklärung, als der Lautsprechermann vom nahenden Darmstadt kündet, was Mami zur Hilfe kommt, so dass sie sich erst einmal auf ein „Hörst Du, der Mann sagt das auch!“ reduziert.

Doch der Lautsprechermann ist noch nicht am Ende. „Aussteigen in Fahrtrichtung links.“

Du rätst es nicht, wie die Geschichte jetzt weiter geht, oder?

„Waruhum links? Wir steigen doch immer rechts aus!“

Ich sehe nur noch in lächelnde Gesichter. Schade, dass die beiden aussteigen.

© Ulf Runge, 2010

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Waruhummm mussten die denn nun schon aussteigen, hätte nicht irgend jemand sein Butterbrot anbieten können? Ich hätte zu gerne weiter geschmunzelt …
    Herzliche Grüße
    Doris

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  2. Ulf Runge sagt:

    Liebe Doris,

    danke für Deinen lieben Kommentar. Oh, das ist eine wunderbare Stimmung, wenn so etwas passiert. So etwas passiert täglich. Wir sind nur nicht darauf geeicht, es auch so wahrzunehmen….

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  3. Hase sagt:

    Lieber Ulf,

    wieder eine schöne Geschichte aus dem Alltäglichen. Danke Dir fürs Erzählen. Und das Bild , dafür auch meinen Dank , weil es mich an unsere Pferde früher erinnert, mein Papa hat Pferde gezüchtet und die Fohlen waren immer so süss, Danke Dir. Ja, es sieht aus wie unsere Wanda mit Feli, lang, lang ists her……
    liebe Grüsse
    Erika

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  4. Ulf Runge sagt:

    Liebe Erika,

    es macht mir einfach Spaß, über Alltägliches zu berichten.
    Schön, dass Du damit gleich eine Reise in Deine Kindheit gebucht hast.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  5. Hase sagt:

    danke, lieber Ulf,kennst Du diese Seite ???

    http://www.belauscht.de/

    Gruß, Erika

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  6. Ulf Runge sagt:

    Liebe Erika,

    ja, kenne ich. Seit soeben. Danke!!!

    Gefällt mir, was ich da lese, mit dem Linksrumwaschen.

    Ich frage mich allerdings, ob es wirklich notwendig ist,
    den Joghurtbecher beim Joghurtessen immer gegen den Uhrzeigersinn zu drehen.
    Und dabei unbedingt hr2 Kultur zu hören…

    Liebe Grüße,
    Ulf

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