Akkordeon

Leben 614 – Mittwoch, 25.08.10

Ich steige in den soeben bereitgestellten Zug ein, finde noch ein freies Viererabteil, versorge mein Jacket, den Regenschirm und den Rucksack, setze mich in Fahrtrichtung auf den Platz am Gang und warte auf die Abfahrt. Nichts Böses ahnend, so sagt man doch. Nur Gutes hoffend, warum sagt man das eigentlich nicht?

Der Waggon füllt sich, mir gegenüber lässt sich eine, mir einen freundichen Begrüßungsblick zuwerfende Mitreisende nieder, schlägt ihr Buch auf, und gut ist.

Mir zur Seite im Gang ist Handharmonika-Musik zu vernehmen. Ein Handy! Ein Handy in einer Damenhandtasche. Tief in einer Damenhandtasche. Die Akkordeon-Klänge steigern ihre Intensität, füllen den Äther zunehmend aus. Meine Gegenüberin und ich schmunzeln sich an, derweil die Handtaschen- und Handybesitzerin nach weiteren amüsanten Takten (leider) fündig wird und (nochmal leider) abnimmt. Sprich, ihre sehr wohl geschmackvolle Klingeltonmusik einem dann doch jähen Ende zuführt.

Es sei gut, komme ich mit meiner Gegenüberlächlerin ins Gespräch, wenn man nichts Peinliches auf seinem Handy abspielen lässt, etwa gerade dann, wenn man aus Gründen des Nichtbedienenkönnens, sprich des Nichtauffindenkönnens, einem nichtendenwollenden Klingeltonkonzert ausgeliefert sei. Wobei ich in genau diesem Augenblick an gar keine konkrete Peinlichkeit denke. Ehrlich!

Die von mir Angesprochene erwidert mit einem immer breiten werdenden Lächeln auf den Lippen, sie habe schon einmal erlebt – und das erzählt sie mir mit erkennbar zunehmendem Genuss -, wie ein verzweifelter Herr geraume Ewigkeiten gebraucht habe, sein Handy im Gepäck aufzufinden und dieses dann zum Schweigen zu bringen. Zuvor allerdings habe sie gemeinsam mit den anderen Fahrgästen ihre helle Freude an seinem Klingelton gehabt: „Der schönste Herr im Zug wird gebeten, ans Telefon zu kommen! Der schönste Herr im Zug wird gebeten, .…“

Erst nachdem selbigem Herrn die Aufmerksamkeit aller Mitreisenden zuteil geworden sei, habe jener hochroten Kopfes die Peinlichkeit beenden können.

Aus unserem Lächeln ist nun ein herzhaftes Lachen geworden.

Ich sage meiner Mitlacherin, dass ich bei besonders interessanten Klingeltönen gerne immer wieder einmal die angerufene Person bitte, doch noch einen Augenblick mit der Gesprächsannahme zu warten, um noch ein bisschen weiterzuhören.

Erneuter kleiner Lachausbruch.

Das könnt jetzt so weitergehen, denke ich. Und tut es.

Vom Lachen zurück, also nur noch lächelnd, bemerken wir beide, und sicherlich nicht nur wir beide, dass wir umgeben sind mit einer erklecklichen Unzahl von Handyfonaten. „Ich bin hier immer im Funkloch!“ ist von weiter hinten zu vernehmen. Wobei genau diese Nachricht wohl nicht mehr angekommen sein dürfte.

Funkloch hin, Funkloch her, eine andere Reisende spricht unermüdlich weiter, allerdings einer mir nicht geläufigen Muttersprache. Bisweilen unterbrochen von deutschen Sprachfetzen. Mit fällt die Geschichte mit der Erdbeere ein, die meiner Gegenüberin nun zum Besten bringen.

Wir lachen.

Während mein „Ich gehe als Erdbeere!“ noch ausklingt, läuft meine Gegenüberin zur Höchstform auf: „Oder als Teebeutel!“ Das sei doch auch ein schickes Fastnachtskostüm.

Oh, bei Teebeutel müsse ich an einen ehemaligen Kollegen denken. Der habe immer vom Teebeutel-Syndrom gesprochen. Ob sie das kenne, das Teebeutelsyndrom? Will ich wissen. Nee, nicht wirklich meint sie, und ihr Blick verlangt umgehende Aufklärung.

„Das Teebeutel-Syndrom, das haben genau die Leute, die sich in alles reinhängen!“ Ob man das jetzt noch Lachen nennen kann, oder besser Prusten, Wiehern und Glucksen, ich weiß es nicht, aber es findet statt.

Die nächste Station wird aufgerufen, es ist ihre Station, und wir bedanken uns gegenseitig für das einander geschenkte Lächeln und Lachen.

Das hätt jetzt so noch weitergehen können, denke ich…

© Ulf Runge, 2010

10 Kommentare Gib deinen ab

  1. andrea2110 sagt:

    Sehr vergnüglich, liebe Ulf, solche Begegnungen sind einfach schön, spontan und versüssen den Tag…und sowas im ZUG:-) Lächelnde Grüsse Andrea

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  2. Einfach herrlich … DANKE dir für die lingualen Feuerwerke … ich gehe mir jetzt mal einen Tee kochen … und wiehere weiter vor mich hin … doch vorher schicke ich dir noch herzliche Grüße und ein Lächeln
    Doris

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  3. Elisabeth sagt:

    Oh, für mich auch, liebster Ulf!!! 🙂
    Weiter und weiter… *lach* So, als sass ich dir soeben gegenüber… Danke DIR für das Lachen und dein Lächeln!
    Herzlichst Elisabeth

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  4. Babsi sagt:

    danke für diese nette geschichte, lieber ulf 🙂
    und auch ich lächle nun still vor mich hin
    glg babsi

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  5. Ulf Runge sagt:

    Liebe Andrea,

    inzwischen bin ich fest davon überzeugt, dass ich solche Geschichten zu mir herziehe, damit ich abends was zum Schreiben habe… 🙂

    Und wenn mir mal nichts einfällt: Vielleicht sollte ich mich in Gedanken einfach in einen Zug setzen und der Phantasie freien Lauf lassen… 😉

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  6. Ulf Runge sagt:

    Lieber Jürgen,

    ach ist das schön. Als wenn Du Gedanken lesen könntest… 😀

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  7. Ulf Runge sagt:

    Liebe Doris,

    danke für die Feuerwerksattributierung.
    Und ich rechne es mir als Ehre an, Dich zum Wiehern gebracht zu haben.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  8. Ulf Runge sagt:

    Liebe Elisabeth,

    das freut mich, dass Du sozusagen so richtig dabei warst im Zug.
    Das mag ich, wenn man in eine Geschichte so schön eintauchen kann, als würde sie gerade jetzt passieren. Und man sitzt mittendrin.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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  9. Ulf Runge sagt:

    Liebe Babsi,

    wenn ich bedenke, wieviel Freude das Zuggeschichtenerzählen schenken kann, dann fühle ich mich gerade zu „verpflichtet“ (lächel), morgen mal wieder eine neue berichtenswerte Begebenheit erleben zu wollen…

    Liebe Grüße,
    Ulf

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